Restedenken (I)

Über einen längeren Zeitraum nichts zu schreiben war nie eine ernsthafte Option. Wenn man nicht schreibt, dann tun es andere dennoch und man steht nur daneben und ärgert sich über sich selbst, es bleibt einem nur noch das Lesen, der Konsum. Nicht zu lesen geht auch nicht, wenn es das einzige Konsummedium ist, dass Du dauerhaft ertragen kannst. Ohne Konsum und Produktion droht schlimmstenfalls Stumpfsinn, bestenfalls willst Du plötzlich Dinge aus Holz bauen (ich wollte eigentlich schon immer mal Dinge aus Holz bauen).

Die zum zweiten Mal vorgetragene Frage, warum sie die Dateien in wild durcheinanderfliegende Ordner in ihrem Rechner wirft, in denen sie nichts wiederfindet und nicht stattdessen ein paar vernünftig sortierte Ordner aufmacht, beantwortet sie damit, dass sie ein Lied singt und dann lacht, eine Reaktion, die ich zunächst gar nicht als Antwort auf die Frage auffasse. Ich lache einfach mit. Ich bin wahrscheinlich der einzige Mensch mit Internetanschluss, der dieses Lied nicht kennt. Ich finde ein paar Tage später heraus, dass es „Gangnam Style“ heißt, das Wort „Gangnam“ hatte sie allerdings durch „Deutschland“ ersetzt. Die Antwort war ein deutliches: „Du verhältst Dich gerade sehr typisch für Dein Land.“

In meiner Bio-Kiste ist ein toter Schmetterling. Der Schmetterling hat keinen Kopf mehr. Ich habe das schon oft gesehen, dass bei toten Insekten die Teile, hinter denen sich organisches Gewebe befindet, zuerst sehr fragil werden und dann bei kleinsten Erschütterungen einfach zerbrechen, während andere Teile äußerst stabil sind und dem Lauf der Zeit trotzen. Bei Menschen ist es ja im Grunde auch so, nur besser nach innen und außen sortiert und ohne Zerbrechen.

Ich stehe genau dort, wo die Funken landen. Das Osterfeuer ist riesig, dummerweise hat man offenbar trockene Zweige angezündet, was die Anzahl der Funken massiv erhöht. Es ist dunkel und das alles sieht wirklich wunderschön aus. Statt den Standort zu wechseln lege ich den Kopf in den Nacken und gucke in die Richtung des glühenden Regens, der aus dem Himmel in meine Richtung fällt. Ein Funke landet auf meiner Nase, dort habe ich jetzt eine kleine rote Stelle, die aber langsam schon wieder verblasst.

Wenn man Aufmerksamkeit haben will, dann reicht der einfache Trick, ein Battle-Rapper zu werden. Tape Deinen Kopf wie ein Boxer seine Hände und zerleg ein paar Texte von anderen Autoren, die viele Leser haben. Noch leichter ist es nur, das Fernsehen oder „die Medien“ anzugreifen. Leider ist es auf Dauer auch ziemlich ermüdend und man hat am Ende selbst überhaupt nichts geschaffen, dass von Belang wäre, sondern nur dumm rumgemeckert. Oppa Deutschland Style.


Konzert.

Ich sitze in einem Zelt. Ich sitze in einem Zelt an einem See in einem Wald. Ich sitze in einem Zelt an einem See in einem Wald, es ist stockfinstere Nacht und ich bin alleine hier. Aber ich bin nicht alleine hier. Viele von denen, die sonst noch hier sind, kann ich hören, sie sind überall um mich herum. Ich werde ihnen die ganze Nacht lang zuhören, denn sonst habe ich hier nichts zu tun. Zuerst höre ich die Enten und Schwäne, die in einer großen Gruppe irgendwo auf dem See unterwegs sind. Nach einiger Zeit bemerke ich, wie sich das konstante Zirpen von Grillen in das immer wieder anschwellende und verstummende Geschnatter mischt.

Ich habe am frühen Abend einen Rucksack mit einem Schlafsack darin und ein Zelt in mein klappriges Auto gepackt und bin von Hamburg aus etwa 60 Kilometer nach Norden gefahren. Auf der Karte entdeckte ich während der Fahrt mitten im Nirgendwo ein Naturschutzgebiet mit einem See, an den ich so nah wie möglich heranfuhr. Dort parkte ich das KFZ, schulterte Rucksack und Zelt und wanderte eine halbe Stunde durch den Wald um den See herum. Als ich eine geeignete Stelle direkt am Ufer gefunden hatte, baute ich das Zelt auf, las einige Zeit gelangweilt in einem Buch und wartete darauf, dass es dunkel wurde. Dann wurde es dunkel.

Der weitaus größere Teil meiner Gesellschaft schweigt die ganze Nacht: Weberknechte, Spinnen, schwer identifizierbare Insekten verschiedener Arten und Nacktschnecken belagern in Massen mein Zelt. Still ist es zu keiner Zeit an diesem Ort, im Gegenteil herrscht eine absolut erstaunliche Geräuschkulisse. Ab etwa 23 Uhr folgt der psychedelische Teil des akustischen Erlebnisses: Verschiedene Gattungen von Fröschen, die am Rande des Wassers Töne erzeugen vermischen sich mit einer nachtaktiven Schaferde, die auf der anderen Seite des Sees ihr merkwürdiges Unwesen treibt. Das einander immer wieder überlagernde Wechselspiel der Stimmen der Frösche und der Schafe, oft unterbrochen von undefinierbaren Lauten und gelegentlich dezent untermalt vom Rauschen einer weit entfernten Bahn, zieht sich über Stunden.

Eineinhalb Stunden lang ist es etwas ruhiger. Nur ein paar leise summende Mücken, die einen Weg in das Zelt gefunden haben, durchbrechen die Stille. Ich dämmere etwa eine Stunde verstört vor mich hin.

Um etwa vier Uhr Morgens beginnt die Hauptvorstellung. Es sind eine gefühlte Million Vögel, die in Dolby Surround spielen. Sie spielen verdammt komplexe Songs mit verschachtelten Strukturen, die Gruppen von Akteuren und Einzelinterpreten wechseln in Verlauf der vierstündigen Darbietung permanent. “Das müssen mindestens hundert verschiedene Tiere sein, die da draußen parallel Laute erzeugen”, denke ich nach einiger Zeit, bin mir etwas später aber nicht mehr sicher, ob mein Verstand mit dieser Einschätzung nicht doch übertreibt. Ich höre mir die komplette Show an, es ist eines der surrealesten Erlebnisse, die ich seit langer Zeit hatte, obwohl es doch eigentlich eines der natürlichsten Dinge ist, die man erleben kann. Ich stelle mir beim Zuhören vor, wie die Vögel aussehen, die diese so unterschiedlichen Gesänge von sich geben, bei den Sopranisten stelle ich mir zierliche, bunte, kleine Tierchen vor, die in Scharen in den Ästen der Bäume vergnügt nebeneinander pfeifen, die Bassstimmen machen in meiner Phantasie dicke, grimmige Einzelgänger im Unterholz. Oft ist auch eine Art von Percussion in den Vogelstimmen, surrende, scharrende Laute, die wenig Melodie haben. Meine Lieblingsinterpreten unter vielen eigentlich viel ausführlicher zu erwähnenden sind das Federvieh, das etwa eine halbe Stunde lang in verschiedenen Modulationen zwischen ganz anderen Gesängen immer wieder ein Geräusch macht, das klingt, als hätte man dem Miauen einer Katze jeweils den ersten und letzten Laut entfernt (er bekommt den Spitznamen “Halbe Katze”) und ein herausragender Sopran, der nur ein paar Minuten lang ein Solo vorträgt, dessen Melodie mir weit über diese Nacht hinaus im Gedächtnis bleibt, weil es in seiner Schönheit alles andere übertrifft, was ich in dieser Nacht zu Ohren bekomme.

Niemand weiß, dass ich hier rausgefahren bin. Bis ich am frühen Abend beim Aufräumen über mein in den letzten Monaten zu selten genutztes Zelt gestolpert bin, wusste ich selbst nichts von der Idee. Vielleicht bin ich tatsächlich nur deswegen gekommen, um, zusammen mit dem vielen anderen niederen Getier, das selbst keine Töne erzeugt, diesem Konzert zu lauschen. Je länger ich konzentriert zuhöre, desto mehr glaube ich, dass ich genau deswegen hier bin.

Gegen acht Uhr geht die Sonne hinter ein paar tiefhängenden Wolken auf. Ich krieche durch die Öffnung nach draußen und blicke auf das Schilf und den See, der keine zwei großen Schritte von mir entfernt liegt, der wirklich eindrucksvolle Teil der Vorstellung ist inzwischen vorbei. Eine einsame Möwe zieht im Tiefflug über das Wasser und kreischt dabei langgezogen, während ich eine Zigarette rauche. Das Kreischen der Möwe klingt extrem vergnügt, als würde sie voller Erstaunen über sich selbst rufen: “ICH FLIIEGE, ALTER, ICH FLIIIIIEGE!”

Ich packe meine wenigen Sachen, rolle den Schlafsack zusammen, stecke ihn wieder in die Plastiktüte und dann in den Rucksack. Ich ziehe die Heringe aus dem Boden, verstaue sie in der kleineren Tüte, befreie die Stangen vom Zelt, falte sie zusammen und stecke sie in die große Tüte, platziere das Überzelt erneut sorgfältig über dem Zelt, falte das Paket sorgfältig mehrmals und schaffe es gerade so, den ganzen Kram in die Zelttasche zu stopfen. Ich habe Glück: Als ich den Weg zum Auto fast beendet habe, beginnt es in Strömen zu regnen. Zu Hause angekommen, breite ich den im Laufe der Nacht außen leicht feucht gewordenen Schlafsack aus, um ihn zum Trocknen aufzuhängen. Eine winzige, offenbar noch sehr junge Schnecke, die vom See mit mir nach Hamburg gereist ist, fällt auf den Küchenboden und will sich, so schnell sie kann, irgendwo verkriechen. Sie kann nicht besonders schnell. Ich sammle sie auf und trage sie vorsichtig runter in den Garten. Wir sind Komplizen.


(Vor)Urteil.

Ich habe kein Recht, Dich für Deine Handlungen zu verurteilen. Aber ich habe ein Recht dazu, Dinge zu fühlen. Wenn sich eine Handlung wie ein Verrat anfühlt, dann habe ich alles Recht der Welt dazu, einen Verrat zu proklamieren und mich von der Person fernzuhalten, die den Verrat begeht. Ich bin vorsichtig mit Menschen, weil ich weiß, dass sehr viele von ihnen langweilige, einfach gestrickte Wesen sind, die eine Andersartigkeit nur vortäuschen, um Interesse bei ihren Mitmenschen zu wecken. Ich warte lange ab, bis ich einer Person mein volles Vertrauen schenke und beobachte sie in der Zwischenzeit. Sehr oft stellt sich heraus, dass sie nicht vertrauenswürdig ist. Die Art und Weise, wie Du mir mitgeteilt hast, dass Du jemand anderen gesucht und gefunden hast, vordergründig wegen meines Abwartens, hintergründig deswegen, weil Dir im Prinzip egal ist, wer an Deiner Seite geht, weil es Dir niemals um mich, sondern um Deine Probleme mit Einsamkeit ging, sprach das Übrige. Es lag Triumph in Deinen Worten, als ob Du mit dieser Tat gegen mich gewonnen hättest, obwohl es nie irgendeinen einen Wettkampf zwischen uns gab. Es gar nur meine Zurückhaltung und sie war in Deinem Fall ganz offenbar sehr berechtigt.


Freiheit.

„Ich glaube, Du verstehst mich nicht. Ich will Dir Freiheit geben.“

„Ich will keine Freiheit. Ich will bloß Nähe.“

„Du willst keine Freiheit? Ich will aber Freiheit. Jeder will Freiheit. Das ist der große Menschheitstraum.“

„Freiheit ist in der Theorie etwas für Leute, die damit umgehen können. Ich kann nicht damit umgehen. Eigentlich kann das niemand.“

„Was meinst Du?“

„Diese beschissene Freiheit oder der Begriff, der Freiheit bedeutet, ist die schlimmste Erfindung unserer Generation. Freiheit, das ist unverbindliche Scheiße. Sich nicht festlegen, nie irgendetwas entscheiden. Ich kenne eine Menge Leute, die Freiheit als ein wichtiges Gut proklamieren. Es sind meistens genau die Leute, die nichts richtig auf die Reihe kriegen und am Ende niemanden haben, weil sie mal hier und dort irgendwas tun oder jemanden kennen, aber nichts richtig. Freiheit führt zu Einsamkeit und damit auch zu Unglück. Ich will mich für etwas entscheiden, ich will unfrei sein.“

„Du tust so, als wäre Einsamkeit etwas negatives. Dabei ist doch gerade Einsamkeit der einzige Zustand, in dem man sich selbst findet. Das glaubt immer keiner, weil das Paradoxe daran ist, dass es sich anders anfühlt. Es fühlt sich immer so an, als wäre Vernetzung und die Gesellschaft von anderen Menschen das, was einen zu der Person werden lässt, die man ist. Man glaubt, man wäre nichts ohne seine vielen Freunde und Bekannten. Ins Wahrheit ist man aber nichts, wenn man nicht alleine sein kann. Man ist nur abhängig.“

„Ja, und? Es gibt keinen Fehler an der Art von Vernetzung, die Du beschreibst. Was ist das Problem damit, wenn man Menschen um sich haben will, auf die man sich verlassen kann? Gibt es denn niemanden mehr, auf den man sich verdammt nochmal verlassen kann? Der nicht irgendwann mit einem schwammigen Freiheitsargument daherkommt und einem erklären will, dass sowieso alles relativ ist? Ich scheiße auf Leute, die mir damit ankommen, dass Einsamkeit nichts negatives ist und bleibe lieber bei meinen engen Freunden.“

„Das Problem damit ist, dass man nicht unabhängig ist. Man weiß nie, ob das, was man fühlt, ein echtes Gefühl ist, oder nur die wiederkehrende Angst vor der Einsamkeit, die man nie zu ertragen gelernt hat. Wenn man Angst vor dem Alleinsein hat, dann wirft man sich jedem an den Hals, der einem über den Weg läuft und gaukelt sich noch selbst vor, es wäre die große Liebe. Ist die Person weg, dann ist der nächstbeste Mensch aus dem näheren Umfeld an der Reihe. Das ist totaler Quatsch: Wie wahrscheinlich ist es denn, dass die Person, für die man wirklich gemacht ist, eine Person ist, die im gleichen Büro arbeitet? Soetwas kann nur unfreien Menschen passieren.“

„Das ist ja eine nette Theorie, die Du Dir da zusammengesponnen hast. Aber ich sag Dir mal was: Menschen, das sind auch nur Tiere. Und es gibt Tiere, die sind Herdentiere und dann gibt es Einzelgänger. Menschen sind sowas von ganz eindeutig keine Einzelgänger. Wir brauchen keine Freiheit. Wir brauchen eine Gruppe, in der wir uns wohl fühlen können. Eine stabile Gruppe. Alles andere füllt langfristig die Warteräume von Therapeuten in allen Großstädten. Und wie wir uns diese Gruppe zusammensammeln, ob es die eigene Familie oder die Clique oder die WG ist, das ist dabei sowas von irrelevant.“

„Das Gegenteil macht die Therapieplätze so kostbar. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist, dass er einen Willen hat. Und einen Verstand. Wir können uns entscheiden. Du kannst Dich entscheiden, ob Du ein willenloses Etwas bist, das davon gelenkt wird, dass es unbedingt mit anderen Leuten abhängen muss und es alleine nicht aushält, oder ob Du es schaffst, der Einsamkeit zu begegnen. Einsamkeit ist, wenn ich es aus Deiner Sicht betrachte, der einzige Endgegner. Aus meiner Sicht ist sie mein bester Freund. Wenn Du glücklich mit Dir selbst bist, dann ist alles andere das Sahnehäubchen und Du kannst überall sein, wo Du willst und bist glücklich.“

„Ich will gar nicht überall sein. Ich will bei Dir sein.“

„Ich auch. Aber ich will Dich nicht brauchen. Ich will es sein, weil ich es will, nicht, weil ich es muss.“

„Ich muss auch nicht. Es gibt ziemlich viele Menschen in dieser Stadt, die ich kennenlernen kann. Ich habe auch die Wahl, ob ich Dich wirklich will oder jemand anderen.“

„Hör auf mit diesem Scheiss. Sowas will ich nicht von Dir hören. Es verletzt mich, wenn Du das sagst.“

(Beide:) „Jetzt haben wir plötzlich die Rollen getauscht!“

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(Für J.)


Tageinaus.

Es ist Dir alles so gleich und eintönig und gerade diese Gleichheit und Eintönigkeit macht es alles so fremd. Du kannst Dich nicht mit ihnen identifizieren, egal, wie sehr Du Dich dazu zu zwingen versuchst. Wie zum Teufel sollst Du je Spaß an diesen Dingen finden, für die sie sich tageinaus aufs Neue begeistern, als wären es die größten Sensationen, die die Welt je gesehen hat, ihre lustigen Bildchen auf Facebook, ihr stumpfes Voyeurfernsehen, ihre öden Gespräche auf noch öderen Parties, ihre Vorliebe dafür, einem Spiel zuzusehen, bei dem völlig fremde Menschen einem Ball hinterherlaufen, ihr Sinn für Humor, der einfach so anders ist als der Deinige und ihre Unfähigkeit, sich aus sich heraus für irgendetwas zu begeistern, für das sich nicht mindestens auch fünf andere Leute in ihrem Umfeld begeistern, so dass sie bloß mitlaufen und keine eigene Anstrengung investieren müssen und so vieles mehr? Du schaffst es vielleicht ein paar Mal, ein Interesse für diese Dinge vorzutäuschen, Dich kurz darauf einzulassen, alles abzuschalten, das sich in Dir wehrt, so zu tun, als wärst Du doch auch einer von ihnen, aber am Ende bleibt es Dir vom Kopf her eine völlig fremde Welt, an der Du nie teilhaben wirst und wenn Du es wagst, das offen zuzugeben, dann beschimpfen sie Dich als arrogant und überheblich und dann bist Du nicht mehr der merkwürdige Typ mit den sonderlichen Interessen, sondern der überhebliche Typ, der sich mit den Sachen nicht zufriedengibt, die doch alle tun und die jeder gut findet, der sich immer nur abgrenzen will und dann wirst Du noch fremder, als Du es bereits bist.

Es ist Dir alles so gleich und eintönig und so setzt Du Dich jeden Abend hin und schreibst über diese Fremdheit, immer in der Hoffnung, dass es da draußen wenigstens einen anderen Menschen gibt, der die Dinge so empfindet wie Du sie empfindest und dass diesen einen Menschen die Flaschenpost erreichen könnte, weil Deine Natur Dich dazu zwingt, andere Menschen zu suchen. Du hasst Deine Natur oft dafür, dass sie Dich zu so einem Mangelwesen gemacht hat, das Trieben und Zwängen unterworfen ist wie ein Tier, das eine Herde suchen muss, die es scheinbar gar nicht gibt und versuchst gegen diese Natur in Dir zu kämpfen, obwohl Du weisst, dass Du nicht gewinnen kannst. Zu anderen Zeiten wieder resignierst Du angesichts dessen, was in Dir ist und was Du nie besiegen kannst, streckst die Waffen und beginnst auch im echten Leben nach Menschen zu suchen, die Dir ähnlich sein könnten. Manchmal glaubst Du dann, eine solche Person gefunden zu haben, die Du tatsächlich mögen könntest, jemanden, der Teil Deiner verlorengegangenen Herde sein könnte, aber dann geht entweder gleich alles schief oder irgendwann viele Jahre später, in denen Du nicht einmal geahnt hast, dass doch irgendetwas nicht stimmt, die Gründe verstehst Du selten richtig, denn Du wolltest dem Anderen ja nie etwas Böses, im Gegenteil hast Du doch Dein ganzes Leben nur nach ihm gesucht.

Es ist Dir alles so gleich und eintönig und so irrst Du weiter und drehst Dich im Laufe der Jahre nur dauernd im Kreis und bevor Du es bemerkst, bist Du selbst gleich und eintönig geworden, nur auf Deine eigene, ganz besondere Art und Weise.


Herbstskizze

„Was gibts?“, frage ich.

„Ach, eigentlich nichts. Bist du zu Hause?“

Ich überlege, ob ich lügen soll. „Ja“, antworte ich wahrheitsgemäß. Eventuell hätte sie es sonst auf meinem richtigen Telefon probiert und ich hätte den ganzen Tag nicht rangehen können, ohne mich zu verraten. Nicht, dass ich normalerweise ans Telefon gehen würde. Ich habe, wenn es um meine private Einsiedelei geht, keine Probleme damit, zu lügen. Bei einer Lüge ertappt zu werden ist dann schon wieder etwas anderes.

„Könntest du mich vielleicht um halb vier am Bahnhof abholen, wenn ich ganz unverschämt fragen darf?“

Die direkte Tour. Guter Trick. Es hilft bei solchen Fragen, wenn man die zugehörige Selbsteinschätzung gleich mitliefert. Zumindest bei mir.

Was soll ich darauf antworten? Mir schnell eine Ausrede einfallen lassen? Zu anstrengend, ich bin grade aufgewacht, habe die halbe Nacht gesoffen und an einem Stück Scheiße geschrieben, das niemals ein Roman werden wird. Ein Fragment, sozusagen. Irgendwie schreibe ich nur Fragmente.

„Klar. Ich bin da“, antworte ich in einem Ton, der darauf hinweisen soll, dass es mich stört, wenn man mir die Bedingungen diktiert, nach denen ich meine nie vorhandene Zeit zu verbringen habe.

Auf Bahnhöfen auf jemanden zu warten ist eigentlich ein richtig tolles Konzept dieser merkwürdigen Realität. Noch dazu, wenn es Herbst ist. Vielleicht fällt mir deswegen keine Lüge ein. In meiner Phantasie haben die Züge nur wegen der Leute Verspätung, die gerne im Herbst auf Bahnhöfen warten. Vielleicht sind das in Wirklichkeit mehr als man glaubt.

„Super, danke“, sagt sie.

„Kein Problem“, sage ich.

Es ist fast halb drei. Ich fahre besser gleich los. Vielleicht weiß der Zugführer gar nichts von diesen Leuten. Vielleicht ist er neu im Geschäft.


Traumsequenzen (X)

Neuartige Turngeräte aus lebenden Giraffen. Ich nehme zwei davon mit und benutze sie in der U-Bahnstation, vor mir ein Hut, um Geld für die Weiterentwicklung des Konzepts zu sammeln. Ich arbeite für eine Firma, die derartige Dinge herstellt. Niemand schenkt dem Treiben irgendeine Beachtung, der Trick hat sich schon abgenutzt. Die Tiere müssen sich bücken, damit hier reinpassen und die Rolltreppe ist jedesmal das größte Hindernis.

Später: Ich werde damit beauftragt, ein neues Grab für Salvador Dalí zu entwerfen. Meine Idee ist eine von Pflanzen überwucherte, schwere Holztür in einem ebensolchen Rahmen, die einfach so in der Gegend steht. Die Tür hat ein Klingelschild mit goldenen Knöpfen, statt Namen stehen dort die unterschiedlichen Tätigkeitsfelder des Toten. Über dem Klingelschild ist eine Gegensprechanlage angebracht.

Eine alte Bekannte nimmt meine Hand und legt sie zwischen ihre Beine. „Mach Dich mal nützlich, statt immer nur dieses merkwürdige Zeug“, sagt sie.

Ich irre durch die Stadt und versuche, zur richtigen U-Bahnstation zu gelangen. Es gelingt mir nicht, ich kann die Karten plötzlich wieder genauso schlecht lesen wie in meinen ersten Wochen in der Großstadt, in der ich Menschenangst als Grund dafür vorgeschoben habe, dass ich niemals mit der Bahn fuhr. Ich weiß nicht warum, aber ich habe plötzlich Blut an der Unterlippe und dann fallen alle meine Zähne in meinen Mund. Ich spucke sie in meine Handfläche und starre den blutigen Haufen an. „Ha, da kann sich die Krankenkasse aber nicht wieder rausreden, dieses Mal müssen sie zahlen“, denke ich und lächle zahnlos.


Wort für Wort (LVIII)

„Gib mir irgendetwas. Wirf mir Deinen Müll unachtsam vor die Füsse, ich sammle ihn auf, als wäre er das Wertvollste der Welt und stelle ihn in eine Vitrine, lade ihn mit einer eigens für ihn erfundenen Bedeutung auf, bis er kein Gegenstand mehr ist, sondern nur noch Symbol. Ich schnitze Chiffren aus Deinen billigsten Metaphern, so verschnörkelt, dass ich sie selbst nicht mehr entziffern kann, baue viertausendzimmrige Luftwolkenkratzer aus dem Hauch einer zwischen den Zeilen Deiner Sätze vermuteten Andeutung und höre erst dann wieder damit auf, wenn ich tot bin.“


Wort für Wort (LVII)

„In dem Moment, in dem Du die Tür hinter Dir zumachst, fehlst Du mir bereits so sehr, dass ich aus dem Fenster springen will, weil ich es nicht ertrage, ohne Dich zu existieren. Ich würde mir Dich am liebsten wegtherapieren lassen, wüsste ich nicht, dass es so wäre, wie sich einen gesunden Arm amputieren lassen, weil dieser Drang ja ganz normal ist: Ich liebe Dich leider einfach.“


Zirkelschluss.

Und dann sitze ich bei dieser Gartenparty und mich gruselt vor dem zur Schau gestellten Spießertum, aber gleichzeitig sehne ich mich genau danach, vielleicht gruselt mich auch eher vor dieser Sehnsucht. Ich selbst habe kein Zuhause, weil: Mein verfluchtes Zuhause, das ist ja kein Ort, das bist einfach Du, und Du sitzt da zwar auch rum, aber das gilt nicht, denn ich darf Dich zur Zeit nicht heimlich knutschen, wenn keiner hinguckt. Deswegen setze ich mich weg, setze mich oben auf dieses Klettergerüst, das ist wie so eine Art von Protest, den keiner versteht. Macht nichts, ich verstehe ihn. „Er muss sich wieder demonstrativ absondern!“, heißt es.

Um halb zehn geht die Sonne unter, der Himmel wird so komisch dunkelblau. Die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Nacht hasse ich, und die dauert im Sommer endlos. Ich habe immer das Gefühl, das ist so eine Nicht-Zeit und außerdem Schmerzen in vorderen Bereich hinter der Stirn, die kommen von dem wenigen Schlaf, den ich bekomme und dem vielen Alkohol, den ich mir nehme. Ich denke wieder einmal darüber nach, wie schrecklich die meisten Berufe eigentlich sind. Nehmen wir Steuerberater: Du verbringst Deine Zeit damit, den Menschen dabei zu helfen, dem Staat möglichst trickreich und innerhalb der Grenzen des Gesetzes zu verschweigen, wie viel Geld sie verdient haben. Das machst Du im Grunde jeden Tag. Immer und immer wieder dieselbe Scheiße, jahrelang. Kann das irgendeinen Menschen wirklich erfüllen, der noch ganz dicht ist? Wahrscheinlich schon. Man muss bei jedem Gedanken hinterher noch mal überlegen, wer hier eigentlich der Geisterfahrer ist, das ist wichtig, damit man nicht starrköpfig wird. Und wenn man selbst der Geisterfahrer ist, dann ist es wichtig, abzuwägen, ob man jetzt auf den Standstreifen fährt, sich die Sache noch mal überlegt und umdreht, oder ob man nur deswegen umkehren würde, um mit dem Strom zu fahren, aber eigentlich doch in genau die Richtung will, in die man unterwegs ist. Schreibe ich eigentlich immer dasselbe oder fühlt sich das nur so an? Wahrscheinlich bin ich im Grunde gar nicht so weit weg von dem verdammten Steuerberater.


Gleichung.

„Ich fühle mich wie etwas, das von einem Lastwagen gefallen ist“, sagt sie. „Ich habe die dunkle Ahnung, dass es noch andere gibt, die sind wie ich, andere, bei denen ich mich zu Hause fühlen würde, aber die sind nicht hier. Ich liege hier rum, an einem Ort, an den ich nicht gehöre, ganz alleine. Und ich bin aus eigener Kraft nicht dazu in der Lage, hier wegzukommen. Es ist nicht einmal möglich, dass mich jemand aufhebt und mich dorthin bringt, wo ich hin soll, denn niemand weiß, wo mein Bestimmungsort eigentlich ist. Der Lastwagen ist schon längst wieder beladen worden, mit anderen Gegenständen, und auf der Reise an ein völlig anderes Ziel.“

„Nette Metapher“, sagt er, „aber dieses Gefühl ist so verflucht typisch, dass man schon wieder ein ‘arche-’ davorklemmen könnte. Das Drama des Invidualismus, das Gefühl der Verlorenheit und Einsamkeit. Diese brutale Empfindung, völlig anders zu sein als der Rest der Leute, die man halb verabscheut und halb genießt, bei der gleichzeitigen Ahnung, dass irgendwo da draußen jemand ist, der einem exakt gleichen könnte? Das kann vermutlich so ziemlich jeder von sich behaupten.“

„Ich glaube“, sagt sie, „Du bist auch von einem Lastwagen gefallen. Aber Du redest Dir lieber ein, dass es nicht so ist, damit Du nicht so traurig davon wirst.“


Narzissmus und Kakteen.

Eins.

„Mein Verstand greift gierig nach allem, das er dort findet, meine Finger umklammern alle existierenden Eventualitäten und die Dinge, die sonst noch erreichbar sind. Es ist wenig bis nichts, es passt in eine einzelne Hand, aber man muss sich eingestehen, dass es schön glitzert, das kannst selbst Du sehen. Zumindest hofft das ein Teil von mir, dieser Teil, der sich im Kreis um mich selbst dreht und der dieses Selbst noch immer als ein Wir liest, in dem das Du bereits gar nicht mehr existiert, weil es wie selbstverständlich absorbiert wurde und sich absorbieren hat lassen. Menschen sprechen manchmal mit Pflanzen. Sie murmeln Hauptsätze, in seltenen Fällen sogar mit besonderer Mühe angefertigte parataktische Konstruktionen in ihre Kakteen, während sie Gießkannen in der Hand halten. Ich kann diese Menschen verstehen, ich bin in gewisser Hinsicht noch schlimmer.“ – „Glaubst Du, dass Du verstehst, was Du da sagst?“ – „Ja.“ – „Du bist ein Betrüger. Du liest kein Wir, Du liest ein erweitertes Ich.“

Zwei.

Die Leute gucken mir in die Augen, das ist revierverletzend. In dem vom Regen ganz silbrigen Kreis, den ich um mich gezogen habe, koche ich Erinnerungen auf und versuche weiterhin, Deine Gegenwart und Körperlichkeit zu ignorieren. Ich kann meine Sätze einfach nicht bändigen, ich bin kein Dompteur wie die Anderen und ich schere mich nicht um mich selbst oder die Zukunft. Ziellose Vogelspuren im Schnee und meine neurotische Art. Du bist nicht meine Muse, denn das hier ist keine Kunst. Menschen sprechen manchmal mit Pflanzen. Sie murmeln Hauptsätze, in seltenen Fällen sogar mit besondere Mühe angefertigte parataktische Konstruktionen in ihre Kakteen, während sie Gießkannen in der Hand halten. Ich kann diese Menschen verstehen, ich bin in gewisser Hinsicht noch schlimmer.


Merksätze.

Je mehr Optionen der Mensch hat, desto bescheuerter wird er. Desto unmenschlicher handelt er, desto mehr verliert er den Blick auf die Dinge und anderen Menschen, die wirklich wichtig sind, desto mehr verliert er sich in leeren Handlungen und verirrt sich auf völlig bedeutungslosen Wegen, die er irgendwann zurück gehen muss, nur um wieder an den Startpunkt zu gelangen. Deswegen beschneide ich ab heute meine eigenen Optionen.

Zuerst beschneide ich die Zahl der Menschen, die in meinem Leben eine Rolle spielen, die Menschen, mit denen ich überhalb einer emotionslosen, professionellen Ebene kommuniziere. Ich lege außerdem Hürden fest, die von in der Zukunft auftauchenden Menschen zu nehmen sind, bevor sie in mein Leben treten können. Es werden sehr hohe Hürden, und es wird dauern, bis sich auch nur ein Mensch findet, der in der Lage und auch noch Willens ist, sie zu nehmen, aber diese Hürden werden ein für alle mal sicherstellen, dass nicht mehr jeder dahergelaufene Trottel in meinem naiven Gemüth eine Verwüstung anrichten kann, deren Behebung mich Monate oder gar Jahre meines Lebens kostet, wie es in der Vergangenheit viel zu oft geschehen ist (oder zumindest, dass es nur diejenigen Trottel können, die ich selbst dazu eingeladen habe). Anschließend beschneide ich die Art der Tätigkeiten, die ich ausführe. Ich lege jene Tätigkeiten, die ich ganz offensichtlich nicht ausführe, weil ich sie selbst gewählt habe, sondern nur deswegen, weil man „das so macht“, zu den Akten und behalte nur die Art von regelmäßigen Handlungen, die mir tatsächlich am Herzen liegen.

Ich lege ferner exakt fest, welche Ziele ich mit dem, was ich weiterhin tue, erreichen will und auf welchen Wegen ich diese Ziele erreichen kann. Wenn ich für einen bestimmten Bereich kein exaktes Ziel definieren kann, dann erfinde ich ein möglichst unerreichbares Ziel, mit dem ich Jahre zu tun haben werde. Ich beobachte in Zukunft genau, wie ich handle, und ich werde den Handlungsprozess so optimieren, dass er im Laufe der Zeit immer perfekter wird. Ich evaluiere, was ich mit den mir bereits zur Verfügung stehenden Mitteln schaffen kann und an welchen Stellen ich zusätzliche Fähigkeiten erwerben muss, und dann erwerbe ich diese Fähigkeiten. Ich bleibe nicht mehr stehen und ich gehe ohne Rücksicht auf meine eigenen emotionalen Befindlichkeiten oder auf Menschen, deren beschränkte Wahrnehmung mich hemmen könnte, auf meine Ziele zu. Und ich gehe so lange, bis ich sie erreicht habe. Es ist der einzige Weg.

Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Text eine Verwandlung in einen rücksichtslosen Pragmatiker oder in einen ganz normalen Menschen beschreibt. Oder beides.