Carnival Of Thy Soul (2007)

Model: Z.
Ich sah ihn dort stehen. Er sang mein Lied. Einfach so, als ob es nichts wäre. Als ob es keine Bedeutung hätte, dieses Lied zu singen, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, das zu tun. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, starrte ausdruckslos auf seine Lippen, die meine Worte formten, sie in leicht nasaler Tonlage in die Welt hinaus posaunten, ohne dass es einen für ihn erkennbaren Zuhörer gegeben hätte. Es ist niemandem zu beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn man das zum ersten Mal erlebt. Man weiß dann, dass man das Richtige tut, dass alle, die einem immer davon abgeraten haben, die Musik weiter ernsthaft zu verfolgen, falsch lagen, dass plötzlich mehr als zehn Jahre Kampf gegen Zweifler doch noch Sinn machen, obwohl man die Schlacht ein ums andere Mal schon verloren geglaubt hatte. Es veränderte alles, dieses Erlebnis. Es war besser als der Moment, in dem zum ersten Mal etwas von mir im lokalen Radio lief, es war aufregender als das kurze Interview für ein Fanmagazin vor ein paar Monaten, es war erregender als die schärfsten jungen Frauen, die alles dafür taten, um mit uns Musikern rumhängen zu dürfen. Ich bekam eine Erektion, die so hart war, dass sie wehtat, dort, auf der Strasse hinter dem abgefuckten Fast-Food-Laden.
Hätte mich jemand gesehen, wie ich dort stand, mit offenem Mund, fast sabbernd, einen mir Unbekannten Betrunkenen beobachtend, eine sich immer deutlicher in meiner Hose abzeichnende Beule vor mir tragend, er wäre wohl zu dem Schluss gekommen, dass mit mir grundlegend irgendwas nicht stimmt.
Das Gegenteil war der Fall: Zum ersten Mal im meinem Leben stimmte einfach alles.
Ich höre Dich lesen, lesen und lesen, gegen den Regen in Weimar. Und leben. Du bist eine Muse auf der Drehscheibe.
Zettelgedicht von der anderen Seite
Ich sprach zum König:
Wer und wann, was macht ihr da?
Ich sprach so ruhig und ohne Hast.
Der König dann,
der Mensch, der Welterlöser, das Gesicht,
ließ mich in Ketten legen und auch sterben.
Heut tanz ich quer durchs Alphabet,
denn auch die Toten schwingen Reden,
und des Königs Kopf,
total im Todesschmerz verspannt,
der rollte nicht viel später,
ist mir ein netter Diskutant.
Immer so
Lebensgefleckt krochst Du
in mein Bett,
Geheimnisverwuchernd schrittst Du
durch mein Herz -
Sehnsüchte spiegelnd,
nicht weckend,
denn ich war

Extatosoma tiaratum aka one of my new pets =). I don’t have a name for it yet.
(mit Haut und Haar)
Beweine den blutigen Nachwind,
Zwirrgespenstertriefling, Du
zwangsverirrlichtertes Schneekind.
Wasch die kahlen Stellen einfach weg,
zerfrans’ die schweren Klumpen,
auch wenn sie klebrig sind und
lächle dann nur noch kalt.
Man wird es und Dich vergessen.
11:10. Traf gestern Robert Roloff am Rotmaincenter und aß anschließend mit Paolo Pinkas zu Abend. Netter Abend folgte. Operation Big Raushole kann beginnen.
Lieber “Tobias K.”,
Es macht ziemlichen Spaß, Feinde zu haben, denen man auch aus einer nettgemeinten Geste noch einen Strick drehen kann, oder? Da kann man sich mal so richtig aufregen und abreagieren an nichts. Aristoteles hat das Katharsis genannt, das kommt vom griechischen Wort “κάθαρσις” und bedeutet “Reinigung”.
In diesem Sinne: Spring fein im Dreieck.
“Sitzt Du etwa gerade am Computer?” – “Ähm…” – “Ich höre, wie Du tippst” – “Ja, ich sitze am Computer.” – “Oh Mann. Kannst Du nicht mal kurz damit aufhören und mit mir telefonieren?” – “Ich bin da grade an einem Bild dran und wenn ich jetzt nicht kurz skizziere, wie ich nachher weitermache, dann entgleitet es mir.” – “Es gibt immer irgendein Bild, an dem Du grade arbeitest. Hast Du nicht langsam mal genug Bilder gemacht?” – “Es gibt kein genug. Es geht immer weiter. Ich hab das Gefühl, als könnte ich das gar nicht selbst steuern, als würde mich irgendwas einfach weitertreiben, als wäre ich einfach besessen davon.” – “Du klingst gerade wie ein totaler Psycho.” – “Tut mir leid.” – “Ich hoffe, dein Mädchen leidet nicht unter dieser Besessenheit, wie Du es nennst.” – “Doch. Ich glaube, das tut Sie mittlerweilen schon. Aber was soll ich denn dagegen machen, verdammt?”
Vor der Tür steht dieser verdammte graublaue Rucksack, den ich haben will. Die Tür, das ist die Tür zu der Toilette auf dem Flur des dritten Stocks des städtischen Rathauses, in der ich stehe und darauf warte, dass draußen die Luft rein wird. Es ist früher Abend, nur noch ein paar vereinzelte Gestalten treiben sich in den Gängen herum. Es ist die Damentoilette, in der ich mich befinde. Und ich bin ein Kerl, was zur Erklärung meiner Nervosität vielleicht hinzuzufügen ist, selbige aber nur zum Teil begründet. Der größere Teil davon gründet auf dem, was sich in dem Rucksack befindet. Von Zeit zu Zeit drücke ich den Griff hinunter und öffne die Tür einen kleinen Spalt, um zu sehen, ob auf dem Flur das Licht aus ist. Wenn kein Licht da ist, dann sind auch gerade keine Leute da, denn das Licht schaltet sich automatisch wieder ab. Aber die Sicherheit ist trügerisch, denn der Schalter für das Licht befindet sich einige Meter neben den Aufzügen und wenn gerade jemand ankommt, dann kann es sein, dass derjenige schon im Flur ist, das Licht aber noch aus. Eben eben sah ich ein Pärchen vorbeigehen, er, dieser Typ mit der schwarzen Lederjacke, hat mich wahrgenommen, das heisst nicht mich direkt, aber die Bewegung der Tür hat er auf jeden Fall gesehen, denn er drehte sich im Vorbeigehen in meine Richtung um. Sie, eine Studentin, die ich in irgendeinem Seminar an der Universität schonmal gesehen zu haben glaube, schien ziemlich abwesend. Ich muss endlich an den Rucksack kommen, ohne dass jemand sieht, wie ich hier aus der Tür komme und ihn einfach an mich nehme. Und was noch schlimmer ist: Jede Minute, die ich länger warte, erhöht sowohl die Gefahr, dass jemand in die Toilette gehen will, während ich hier hinter der Tür stehe als auch die Gefahr für das Eintreten des schlimmsten anzunehmenden Falles, nämlich den, dass jemand den herrenlosen Rucksack an sich nimmt und ins Fundbüro trägt, das ironischerweise keine zwanzig Meter entfernt am Ende des Gangs liegt. Wie ich diese merkwürdige Situation hineingeraten bin? Ja, das ist eine gute Frage. Also die Geschichte geht so:
“Ja, ich hab gestern mit ihm telefoniert.” – “Mit Skype?” – “Äh… mit dem Telefon.”