Spieler.

Und als es vorbei war, in dieser einen, gar nicht einmal kalten, lichtverschmutzten Nacht, in der man selbst am höchsten Punkt der Stadt keine Sterne mehr sehen konnte, als das Leben ein Full House auf den Tisch legte, drei Damen, aber nur zwei Buben, da fuhr ich nach Hause, betrunken, um sechs Uhr morgens, nicht in der Lage, meine Sinne zu beherrschen, als neben mir in der U-Bahn ein zwei Meter großer Schwarzer mit komplett weißen Klamotten Platz nahm, obwohl die Bahn zu dieser Zeit komplett leer war und er sich überall hätte hinsetzen können, der mir wie ein Bote erschien, und dann, als ich nach vierhundertdreiundsechzig (meistens brauche ich weniger) Schritten die alte Tür meiner Wohnung aufgeschlossen hatte, zog ich den Joker aus meinem Ärmel. Ich konnte nicht gewinnen, ich hatte kein einziges Ass auf der Hand, nur buntgemischte Zahlen, aber es war mir egal.

Ich rief ihn an und sagte ihm, dass er hierher kommen solle, er wusste sofort, dass ich es war, die anrief, trotzdem ich ihn geweckt hatte und er meine Telefonnummer nicht sehen konnte. Am nächsten Tag holte ich ihn vom Bahnhof ab. Ich erkannte ihn schon aus der Ferne und lief auf ihn zu und umarmte ihn und er sagte: „Ich habe Dich vermisst“, obwohl er mich noch nie zuvor gesehen hatte. Und ich sagte: „Geh nicht wieder weg“ und es war wie so ein billiger Groschenroman, aber er ging nicht mehr weg. Das alles passierte im Dezember und jetzt haben wir Juli und er sitzt drüben und liest ein Buch, irgendeins, es ist nicht wichtig, was er liest, er glaubt nicht an Groschenromane und liest sie nicht. „Und was soll diese Geschichte beweisen?“ fragt mich jemand, der ich selbst bin und dann antworte ich: Dass es nicht darauf ankommt, welche Karten man auf der Hand und wie viele Joker man noch im Ärmel hat, sondern dass man einfach nur spielen muss und im Notfall sogar ein Bluff die beste Option ist. Man kann selten dauerhaft gewinnen, das Spiel ist so konzipiert, dass das Casino am Ende immer im Plus bleibt, aber das Spielen an sich bringt doch in schöner Regelmäßigkeit Gewinne, die das Leben ausmachen, auch wenn man sie meist später wieder verzockt.


Nanoskop (VIII)

Sich in die verbeulte Seele zurückziehen wie in ein Schneckenhaus. / Religious Views: Spider Jerusalem. / Schicksalsschläge abgeblockt, Suzidversuch mit Hängen und Würgen überlebt. Kontere mit hartem linken Konsonanthaken. / Worte: klauben, Erbsen: zählen. / Let there be Spiegeleier mit Speck. / Ein schlichter Punkt am Ende ist in 99% der Fälle die bessere Lösung. Die Wucht muss im Inhalt stecken. / Hinweis, der Wenige betrifft: Anmeldungen zum exklusiven Seminar „Elitarismus für Eingeweihte“ bitte erst nach der persönlichen Einladung. / Scharlachrote Dunstquellen. / Beziehung: Gelegentlicher Sex mit Komplikationshintergrund. / „Könntest Du…“ – „Entschuldige, ich spreche nicht Konjunktiv.“ – „Kannst Du hier bleiben?“ – „Ich kann.“ – „Wirst Du?“ – „Ja.“ / Warum hab ich ne Münze im Mund und wo ist hier die Option für Tagestickets bei dieser Scheißfähre? / Ich muss ππ, Mama.


Give Me A Reason (2011)

reason - raventhird.de

Model: Nadina


Nähe.

Wie man sich fremd ist. Und oft sind sich die Menschen, die einander am nächsten sind, am fremdesten. Das liegt daran, dass sie sich Sachen hinwerfen in dem Glauben, dass der Andere schon verstehen würde, ja, verstehen müsse, nach all dem, was war, aber das doch nicht passiert. Das passiert deswegen nicht, weil wir Menschen einander nie ganz verstehen können, auch wenn wir extra die Sprache und so viele in ihr enthaltene Wörter erfunden haben, um wenigstens so zu tun, als könnten wir es. Und dann türmt sich das von beiden Seiten Hingeworfene, von dem jeder glaubt, der Andere hätte es ganz bestimmt mit sich genommen, langsam immer weiter auf, wie zu einer Mauer zwischen den beiden sich doch so nahestehenden und permanent miteinander kommunizierenden Personen und bevor sie es merken, stehen sie von einander isoliert, zwischen ihnen ein Berg aus ausgesprochenen und unausgesprochenen Gedanken. Und irgendwann sagt einer von ihnen: „Ich habe das Gefühl, Du hast mich eigentlich nie wirklich verstanden.“ Und der Andere antwortet: „Das Gefühl habe ich auch.“ Und wenn sie dann nicht anfangen, die ganzen Dinge nach und nach aufzuheben, die auf dem Haufen liegen, sie sich zu zeigen und einander zu erklären, was diese Dinge bedeuten, dann verstehen sie nicht einmal, warum sie sich nicht verstehen können und schütteln noch auf Jahre verständnislos ihre Köpfe, wenn Freunde den Namen des Anderen auch nur erwähnen.


Irrlichter & Schönheit (VIII)

Ein Tweet.Ein Bild.Ein Stück.Ein Buch.Ein Lichtspielfilm.


Kreis.

Wenn Du irgendwann zu verstehen beginnst, dass das ganze Leben ein Warten auf den Tod ist, dass jeder Mensch am Ende merkt, dass er sein ganzes Leben nur gekämpft und nach etwas gesucht hat, dass doch nie zu finden war und dass das etwas ist, das jeder von uns verstehen muss, jeder Einzelne und jeder für sich, dann wirst Du mich darum beneiden, dass ich immer nur getan habe, was ich wollte, dass ich um mein Leben geschrieben habe. Mein ganzes Leben lang habe ich für diese Momente gekämpft, in denen ich die Zeit dazu hatte und mein ganzes Leben nach den richtigen Worten gesucht.

Ich beneide Dich heimlich darum, dass Du nichts derart Sinnloses tust. 


Kaskade 2-4

Der einfache Weg ist aber nicht der Beste, ich hoffe, das ist Dir klar. Die brutale Wucht, mit der Gefühle einen überfahren können, erstaunt mich immer wieder. Schatten sind nicht schwarz, sie sind blau, man sieht es, wenn man sie photographiert und dann mit der Pipette in Photoshop die Farbe aufnimmt. Ohne die Ablenkung hätten Gedanken überhaupt keine Inhalte, überhaupt keine. Ich möchte mich an das Gestern erinnern, als ob es kein Heute gäbe. (Was würde eigentlich passieren, wenn ich Dich einfach küsse?) Ich blicke auf meine Hände und frage mich, was ich getan habe, um so zu werden. „Die Worte fliegen auf, der Sinn hat keine Schwingen“, sagt der König zu Hamlet. Damals bin ich einfach mit zu Dir gefahren und habe mit Dir geschlafen, wie einfach das war, als wäre es in einer anderen Welt passiert, in der es keine komplizierten Beziehungen zwischen Menschen gibt. Es gibt Schreibprogramme, die darauf basieren, dass man den kompletten Bildschirm zum Schreiben hat und von nichts abgelenkt wird. (Wie ich mit meinen Lippen die Zukunft verändern würde, und dafür nicht mal reden müsste, das frage ich mich.) Nicht in einer anderen Welt, in einer besseren/einfacheren Welt. Die Wahrheit ist, dass es gerade die Ablenkung ist, die das Schreiben ausmacht. Ich springe statt dem Schatten einfach über diesen Fluss, der ist auch blau.


Mme (2011)

Mme - raventhird.de

Model: Z.