Untitled

“Ich hasse mich für meine Emotionalität und meine Instabilität. Ich hasse mich für die Art und Weise, wie ich mich selbst manchmal lähme und blockiere, wie ich Dinge grundsätzlich nur aus dem schwärzesten Blickwinkel wahrnehmen kann. Ich bin dabei einfach nur auf der Suche nach einem ganz normalen Leben und nach Menschen, denen ich bedingungslos und permanent vertrauen kann, ich beneide heimlich diejenigen meiner Mitmenschen, die in meinem Alter schon so etwas wie eine eigene Familie haben. Auf der Suche nach etwas Magie im Alltag, das bin ich maximal. Und auf der Flucht vor der Kunst, die mich immer wieder mit ihren manchmal kalten, erbarmungslosen Händen packt und der es so scheißegal ist, wie ich mich fühle, wenn sie mich dazu zwingt, Dinge zu tun, mich vergewaltigt. Sie ist immer da und wird immer da sein, aber sie nimmt mich nicht in den Arm”, sagte er.

“Du willst also bedingungslos geliebt werden?”, lachte der alte Mann. “Früher gab es solche Dinge, mein Junge. Früher. Heute kannst Du froh sein, wenn sich überhaupt irgendjemand einen Dreck um etwas anderes als sich selbst schert. Du bist dummerweise genau in einer Zeit geboren, in der ein Übergang zu etwas anderem stattfindet, das noch nicht ganz klar ist und Du musst Dich damit arrangieren. Wenn Du Menschen beneidest, die Familie haben, dann beneidest Du nur Illusionen, nur vereinzelte, reaktionäre Verhaltensweisen, die nichts mehr damit zu tun haben, wie die Menschen heute wirklich sind. Die rational beste Lösung ist die, dass Du selbst zu einem Egoisten, oder, wenn Du das aus irgendeinem Grunde nicht kannst, gleichgültig wirst und nur noch auf Dich selbst vertraust. Alles andere zerstört Dich über kurz oder lang. Freu’ Dich über die Kunst, freu’ Dich, dass sie Dich ausgesucht hat, ihrer Liebe kannst Du Dir sicher sein. Menschen, die an das Gute im Menschen glauben, überleben heute hingegen in der Regel nicht besonders lange.”

“Aber ich möchte gerne glauben”, sagte er. “Vielleicht sind das nicht in jedem Fall nur Illusionen.”

“Ich sehe schon, Du bist noch nicht soweit. Du musst erst noch tiefer fallen. Oder viel öfter”, antwortete der Alte und kicherte gehässig in seinen Bart, schadenfroh über die Dinge, die mir seiner Meinung nach zwangsläufig noch zustoßen würden.


Eingekesselt

Eine marodierende Bande Möwen umkreist unser Haus.


Logik

Mein Körper riecht nach Farbe. Es muss alles radikaler werden.


Forward/rewind

Schwulstlastig, erhobenen Mutes und freigeistig,
die leichtere Luft wie ein Opiat inhalierend,
gehe ich in Vergangenheit und Zukunft zugleich.


Zwei

Ein alter Mann auf dem Gehsteig
schläft endgültig ein und ist fort.
Zwei Häuserblocks weiter, neben Dir liegend,
vermute ich Dinge und liege nicht falsch.


Besucher

Verzaustes Niemandslicht
im Stadtgebrodel.

In den Hinterhöfen
kotzen die Menschen
auf den Beton.


Heinz’ altes Buch

Ich komme gerade von einem ziemlich großen Flohmarkt. Ich war relativ lange dort, aber das Einzige, was ich trotz angestrengter Suche kaufenswert fand, war eine Rohwolt Taschenbuchausgabe von Philip Roths großartigem Werk „Der menschliche Makel“, die ich in haargenau derselben Version schon besitze. Ich entdeckte sie an einem der umfangreicheren Stände mit allerlei Dingen, der damit warb, dass man hier sechs beliebige Artikel für einen Euro erwerben könne. Ich suchte relativ lange, konnte aber außer dem Buch, das ich schon deswegen haben wollte, weil ich es nicht irgendwem in die Hände fallen lassen wollte, der es nicht wertschätzt, nichts finden und so erwarb ich das Exemplar für 20 Cent. Was ich vorher nicht gesehen hatte, war die innen befindliche Widmung, die so lautet:

„Vielen Dank für die 5 wunderschönen Jahre mit Dir. Frohe Weihnachten 2003 und 25.12.2003. Dein Heinz“

Daneben hat Heinz noch ein kleines Herz hingezeichnet. Was mich daran irritiert ist das zusätzliche Datum. Entweder wünscht Heinz seiner Angebeteten frohe Weihnachten UND einen frohen ersten Weihnachtsfeiertag oder er bezieht sich auf das Datum, an dem er das Buch verschenkt hat, was allerdings genauso seltsam wäre, denn üblicherweise schenkt man doch am Heiligabend, oder? Wie dem auch sei, es scheint jedenfalls nicht geklappt zu haben mit den Beiden, sonst wäre das Buch wohl nicht an einem Grabbelstand wieder aufgetaucht. Schade eigentlich. Literaturgeschmack hatte Heinz ja durchaus.


Begründung

Kreative Pause: Nikotinentzug.


Schrat

Eigentlich ist es kein Wunder, dass ich den Ruf habe, etwas kauzig zu sein (“Waldschrat”): Die Gegend, in der ich geboren wurde und in der ich ganze 18 Jahre meines Lebens verbracht habe, zählt nicht nur zu den dünnbesiedeltsten Regionen von ganz Deutschland, sondern ist auch fast zu 50% von Wald bedeckt. Das zumindest behauptet Wikipedia. Ich hätte intuitiv auf 90% getippt.


Alarmierendes

Dieses Land steuert auf Abgründe zu.


Sag jetzt nichts

Zwitscherkalt und zwischen Worten;
Wir flüstern uns die eigenen Gedanken
aus einem Grunde nicht ins Ohr:
Wir denken, dass wir Telepathen sind.


Metareflexion, yeah! (XXVIII)

Audienz (II)

„Ich drehte mich nach links, nach rechts, das letzte bisschen Bodenhaftung verschwand mit der übriggebliebenen Suppe von vorgestern, die ich im Klo hinunterspülte. Immer müssen, das ist so schlimm wie nie dürfen, steht auf einer Postkarte, die neben eben jenem Abort an der Wand befestigt ist. Und das heißt: Das Schicksal, oder noch besser: Der Glaube an das Schicksal ist ein zweischneidiges Schwert. An manchen Tagen ist der Zwang, zu erschaffen, etwas geradezu grausames, etwas, das genauso schlimm ist wie „nie dürfen“. Noch bevor der Gedanke zuende gesponnen war, verechote er sich, drehte dabei einen Kreis und verschlang sich selbst von hinten. Ein Schutzmechanismus meines Kopfes. Dann packte ich meine Sachen und kam hierher. Es sind Dinge zu tun, heute. Dinge, die scheinbar völlig zwecklos sind, aber dennoch von uns getan werden müssen, nicht nur deswegen weil wir sie tun können“, sagte er und grinste mich an.

„Ich sehe, was Du meinst“, antwortete ich. „Aber glaubst Du nicht, dass die Dinge, die wir tun müssen, auch von anderen getan werden können? Glaubst Du nicht, dass Du es alles irgendwie hochstilisierst mit Deinem Glauben an ein Schicksal?“

„Nein“, sagte er. „Das glaube ich nicht. Wenn wir die Dinge nicht selbst tun, tut sie früher oder später jemand anderes, jemand, der es eben nicht kann und dann, ganz tief in uns drin, ärgern wir uns darüber, dass wir sie nicht vorher getan haben. Dass wir sie nicht besser getan haben. Ich habe das zu oft erlebt, um auch nur einen einzigen Gedanken, eine einzige Idee wieder im Nirgendwo verschwinden zu lassen. Es wäre sicher der einfachste Weg, die Ideen einfach wieder entwischen zu lassen, ihnen nicht zu folgen und sich einen Dreck darum zu kümmern, ob es jemand anders tut. Aber irgendwas in meinem Kopf, das auch in Deinem ist, soweit ich das sehe, glaubt nicht an einfache Wege. Nicht auf lange Sicht. Irgendwann kommt eine Idee, der Du folgst und die Dich zu etwas führen wird, dass auch Dich als Person an sich betrifft und nicht nur die Kunst. Die Suche ist nicht immer nur eine Suche, von Zeit zu Zeit findet man auch Dinge, auch wenn die Suche an sich natürlich das eigentliche Ziel bleibt. Unter den gefundenen Dingen kann finanzieller Erfolg sein, kann tiefe persönliche Befriedigung sein, ein großartiges Werk, Unsterblichkeit, was auch immer. Irgendwann kommt ein Weg, der zu soetwas führt. Und wenn er kommt, dann folge ihm bis zu seinem Ziel, aber bleibe dort nicht stehen, sondern folge danach wieder den anderen Funken. Sonst wirst Du leer werden.“


Unzitat (VII)

Ich liebe das süße Leben und ich liebe die Stille. Aber ich glaube an den Sturm.