Dialog

“Sprich einfach in meinen Mund”, sagte er, selbigen wie zur Möglichkeit der Eingabe von Worten weit öffnend und verdrehte dabei die Pupillen nach innen. Zwei Schmetterlinge flogen zu meiner eigenen Überraschung aus eben jener Mundhöhle, formten kurz eine flatternde Doppelhelix und stürzten dann während des Aufstiegs zu Boden, wo sie sich entzündeten und zu kleinen schwarzen Klumpen zusammenschmorten. Es wirkte wie Sarkasmus.


Kopfstimme

Wie sang der Winter?

“Irgendwann bist Du gänzlich verglimmt.”

In den Winkeln des Schädels
bleiben dann klebrige Schatten
von Nichts.


Keimling (II)

Schon als die ersten Sonnenstrahlen durch das kaputte Dach des Hauses direkt auf meine Nase fielen – es muss etwa gegen 11 Uhr 20 gewesen sein – saßen die ersten Menschen draußen auf der Wiese und aßen zu Mittag. Ich schlug die Augen auf und lauschte ihren vielen gleichzeitig geführten Gesprächen, die der Wind in mal lauteren, mal leiseren Fetzen hier rüber trug, ließ mich vom Strom der Worte mal in diese, mal in jene Unterhaltung mitnehmen, fand aber nichts, woran ich mich klammern hätte können, um sanft wieder ins Traumland hineinzugleiten, also packte ich die dünne Wolldecke mit beiden Händen, warf sie von meinem nackten Körper, sprang aus dem Bett, streckte mich und gähnte dabei so melodramatisch, als würde ich auf einer Kabarettbühne stehen.

Ein neuer Tag hatte begonnen, und ich war noch immer an diesem Ort, den ich eigentlich nur für ein paar Stunden hatte aufsuchen wollen, um einen alten Freund zu treffen, der mir vor vielen Jahren einen Rat gegeben hatte, dessen eigentliche Bedeutung für mein Leben ich erst vor einigen Monaten zu fassen imstande gewesen war. Mein ursprünglicher Plan sah es vor, hierher zu kommen, um ihm zu danken und zu sehen, wie er so lebte und mir dann in der Gegend einen Job zu suchen, der mir wenig bedeutete, ein paar Jahre zu arbeiten, um schließlich weiterzuziehen. Weiterzusuchen. Nach dem, was ist. Kennen sie den Song ‘Let It Be’ von den Beatles? Ach was, jeder kennt diesen Song. Ich frage mich schon seit einer Ewigkeit, wofür dieses ‘it’ in meinem Leben stehen könnte. Bevor ich allzu sehr abschweife: Da es ja inzwischen hinlänglich bekannt ist, wie das so läuft mit festen Vorhaben und warum die Wendung “ursprünglicher Plan” heutzutage eine ziemlich geläufige ist, kam natürlich alles ganz anders:


Kopfgeburt

Man hangelt sich von Tag zu Tag:
Es sind die kleinen Spinnereien, die zählen.


NeuRosen (XLII)

Ich bin der perfekte Gast für jede Party. Ich komme, trinke perfekt viel, nicht so viel, dass ich nicht kotzend in der Ecke liege, aber soviel, dass ich die perfekten dummen Sachen mache, die perfekt vor der Grenze zur Peinlichkeit enden und nie jemanden persönlich verletzen, aber die perfekten Andekdoten sind.

Ich bin der perfekte Mitarbeiter. Ich bin da und arbeite, wann immer man mich braucht, egal ob ich eigentlich Zeit habe oder nicht, egal wie viel Uhr es ist, egal ob Wochenende oder Feiertag. Ich sage fast nie “Nein” zu irgendetwas und wenn ich es tue, dann ist es immer nur ein “Nein”, dass so lange gilt, bis ich wieder auch nur eine einzige freie Minute habe, um die vergangenen “Neins” aufzuholen.

Ich bin der perfekte Schreiberknecht. Ich schreibe perfekte Texte für viele verschiedene Menschen, von denen ich kein oder nur wenig Geld bekomme, ich schreibe, weil ich mein Schreiben perfektionieren will und hasse mich selbst dafür, wenn meine Worte aufgrund des oft vorhandenen zeitlichen Drucks auch nur ein kleines bisschen unperfekt werden.

Ich bin der perfekte Photograph. Ich mache die perfekten Bilder von den perfekten Events und auch wenn die Situation, in der ich photographieren soll, noch so schwierig ist, bemühe ich mich darum, dass das Ergebnis so perfekt wie nur möglich wird. Ich stelle nur die perfektesten von diesen Bildern in dieses Blog, dass ich so oft wie nur irgendwie möglich mit Updates versorge, die perfekt die Balace zwischen Bildern und verschiedenen Texten halten sollen.

Mein soziales Verhalten ist so perfekt, dass ich, aus Angst davor, etwas Dummes zu sagen oder etwas, das gegen die Einstellung von irgendwem gehen könnte, oft lieber einfach nur schweige.

Und wenn ich dann nach Hause zu Dir komme und nicht wenigstens dort ein bisschen unperfekt sein darf, dann halte ich mich irgendwann selbst nicht mehr aus.


Metareflexion, yeah! (XXVII)

Audienz (I)

„Mit so einem Bockmist brauchst Du mir gar nicht ankommen. Wirf das weg.“ – „Willst Du mich verarschen? Ich dachte, wir wären Freunde?“ – „Sind wir auch. Aber das heißt nicht, dass ich solchen Schmutz in irgendeiner Form loben werde. Ich beurteile ein Kunstwerk nicht nach dem Künstler. Sorry. Und außerdem entspricht das so gar nicht Deinem Stil.“ – „Na ja, es ist halt ein Experiment. Du sagst doch immer, dass man ständig experimentieren und sich nicht festlegen soll.“ – „Experimentieren heißt doch nicht: Lizenz zum Scheiße bauen. Wenn Du Scheiße bauen willst, dann bau Scheiße. Aber behalt sie für Dich und drück sie mir nicht als mit dem billigen Alibi ‚es war doch ein Experiment’ in die Hand. Auch ein Experiment muss durchdacht sein. Und nur weil es ein bisschen originell ist, brauchst Du nicht glauben, dass niemandem zumindest unterschwellig auffallen wird, wie technisch mangelhaft es durchgeführt wurde.“ – „Du machst mich fertig. Du beleidigst meine Arbeit.“ – „Oh, jetzt komm mir bloß nicht so. Den unverstandenen und sensiblen Künstler spielen wir nicht untereinander. Wir spielen den nach außen, weil wir wollen, dass die Leute uns für feinfühlige Genies halten. Wir wissen, dass es eigentlich bloß harte Arbeit ist. Metaphysisch aufgeladenes Handwerk, wenn Du es eleganter ausgedrückt haben willst.“ – „Ich bin kein Handwerker. Ich bin Künstler. Das ist etwas grundlegend anderes.“ – “Zwei Dinge will ich Dir sagen. Erstens: Nein. Es sind zwei Ausdrücke für dasselbe. Und zweitens: Nur weil ein paar hundert Leute am Tag auf Deine kleine Internetseite gucken, bist Du noch kein Künstler. Guck mich an: Ich hab so was nicht, ich brauche nichtmal einen beknackten Computer. Ich bin Künstler, weil ich es lebe und weil ich hart an meinem Zeug arbeite. Merk Dir das. Und jetzt verschwinde und komm mir nie wieder mit irgendwas an, das Du derart gedankenlos hingerotzt hast.” – „Ja, Meister.“


8bit Sounds

Ich habe heute mein erstes volldigitales Mixtape (oder eher Muxtape) ‘aufgenommen’. Es enthält die coolsten 8bit-Coverversionen, die im ganzen Web zu finden sind und waren (ich sammle diese grandiosen Werke seit einiger Zeit). Computerspielmusiktechnik von vorgestern trifft auf Gitarrenmusik von heute. Gameboy Metal & Alternative, gewissermaßen.

Anhören kann man sich das Meisterstück hier.


Der Ball

Der höfliche Tanz der grauen Gespenster:
Kleider rascheln,
Stimmen wispern,
lautlos lachen blasse Münder;

Unsichtbar und doch zu spüren:
Der Tod steht mittendrin
und winkt direkt zu mir rüber.


Wenn ich nicht dauernd so scheißviel zu tun hätte…

…dann würde ich vielleicht auch mal ans Telefon gehen, wenn einer meiner Freunde mich Abends anruft. Ich würde sagen “Hey Dude, wazzzaaaaap?” und er oder sie würde sagen, dass ich doch rüberkommen soll ins Dings, richtig einen Saufen (denn so jung kumma nimma zam) und ich würde meine Lederjacke überwerfen und noch ein paar Leute anrufen und mich dann mit all denen in ne Kneipe setzen und ein paar Bier trinken und belangloses Zeug reden und vielleicht würden wir dann noch zu irgendwem nach Hause gehen und dort noch einen schlechten Film gucken und danach noch mehr Alkohol trinken und noch mehr belangloses Zeug reden. Und an irgendeinem Punkt würde ich dann plötzlich den Gedanken bekommen, dass es mir doch lieber gewesen wäre, wenn ich an dem Abend scheißviel zu tun gehabt hätte und ich weiß nicht, ob ich das eher auf meinen Workaholismus, auf meinen generellen Hang zur Einsiedelei oder auf die Tatsache, dass ich lieber etwas aufregenderes machen will als nur in Kneipen rumzuhängen zurückführen sollte. Oder womöglich auf alles davon gleichzeitig.


Zerstreuung

Zwischen Windeln und Kakteen
steht Dr. Jedermann und denkt
dass ihn in seinem Hause
alles von sich selbst ablenkt;


Einzig, manchmal

Die Explosion des Regenbogens;

Mein einzig Licht und keine Fragen.

Manchmal verechot sich in der Realität das Nichts,
manchmal verstrickt sich alles beim zerhäkeln.


Charakterlos.

Eine Tür: Tentakelumschlungen, hinterhöfig. Ich öffne sie, meiner angeborenen Neugierde folgend. Dahinter: Ein Spiegel, mich mehr verzerrend als reflektierend, durchschreitbar, was für ein billiges Klischee. Ich gehe hindurch und stehe inmitten eines Feldes voller Musik, die nicht von außen, sondern von innen kommt, mich auflösend, die Sache ist quälend und wundervoll zugleich. Das Auflösen der einzelnen Körperteile tut weh, aber wenn sie erst fort sind, fühlt man sich auf eine merkwürdige Art erleichtert, als ob die jeweilige Stelle die ganze Zeit nur eine Belastung gewesen wäre.

Dann folgte: Ein Misston. Der unangenehme Laut hallte in meinem Kopf wieder und klang, als ob jemand auf eine Nackschnecke getreten wäre, die sich dann wie mit einem letzten Wehklagen blubbernd in den Tod verabschiedet. Die Sache schlug in einen bösen Trip um, aus Alice wurde Malice und wieder hatte dieses Erlebnis ein Klischee erfüllt. War ich wirklich derart von Stereotypien geleitet? Ich beschloss, aufzuwachen und blickte aus dem Fenster. Diese alte Antenne, die jemand in den Blumenkasten gesteckt hatte, bewegte sich draußen agil im Wind, sie schien das lebendigste Ding hier zu sein.


Ausgrenzung

Tentakelnde Langsamkeit,
die alles umschließt:

Brückenköpfe und Krankheit
als Abwehrmechanismen
von mir selbst.