Keimling (I)

Vor der Tür steht dieser verdammte graublaue Rucksack, den ich haben will. Die Tür, das ist die Tür zu der Toilette auf dem Flur des dritten Stocks des städtischen Rathauses, in der ich stehe und darauf warte, dass draußen die Luft rein wird. Es ist früher Abend, nur noch ein paar vereinzelte Gestalten treiben sich in den Gängen herum. Es ist die Damentoilette, in der ich mich befinde. Und ich bin ein Kerl, was zur Erklärung meiner Nervosität vielleicht hinzuzufügen ist, selbige aber nur zum Teil begründet. Der größere Teil davon gründet auf dem, was sich in dem Rucksack befindet. Von Zeit zu Zeit drücke ich den Griff hinunter und öffne die Tür einen kleinen Spalt, um zu sehen, ob auf dem Flur das Licht aus ist. Wenn kein Licht da ist, dann sind auch gerade keine Leute da, denn das Licht schaltet sich automatisch wieder ab. Aber die Sicherheit ist trügerisch, denn der Schalter für das Licht befindet sich einige Meter neben den Aufzügen und wenn gerade jemand ankommt, dann kann es sein, dass derjenige schon im Flur ist, das Licht aber noch aus. Eben eben sah ich ein Pärchen vorbeigehen, er, dieser Typ mit der schwarzen Lederjacke, hat mich wahrgenommen, das heisst nicht mich direkt, aber die Bewegung der Tür hat er auf jeden Fall gesehen, denn er drehte sich im Vorbeigehen in meine Richtung um. Sie, eine Studentin, die ich in irgendeinem Seminar an der Universität schonmal gesehen zu haben glaube, schien ziemlich abwesend. Ich muss endlich an den Rucksack kommen, ohne dass jemand sieht, wie ich hier aus der Tür komme und ihn einfach an mich nehme. Und was noch schlimmer ist: Jede Minute, die ich länger warte, erhöht sowohl die Gefahr, dass jemand in die Toilette gehen will, während ich hier hinter der Tür stehe als auch die Gefahr für das Eintreten des schlimmsten anzunehmenden Falles, nämlich den, dass jemand den herrenlosen Rucksack an sich nimmt und ins Fundbüro trägt, das ironischerweise keine zwanzig Meter entfernt am Ende des Gangs liegt. Wie ich diese merkwürdige Situation hineingeraten bin? Ja, das ist eine gute Frage. Also die Geschichte geht so:


Startkuss (2006/2007)

Durchs Dunkel, renn,
und nimm Visionen mit,
neun an der Zahl,
vierzehn maximal.

Eins: Es wird passieren.
Zwei: Und zwar sehr bald.

Und fort.
Und fort.


Ich und Du

“Du bist Dir also sicher”, sagte ich.
“Ja, ich bin mir sogar verdammt sicher”, sagte sie.
“Und was passiert, wenn Du rausfinden solltest, dass es doch nicht das ist, was Du willst?”
“Dann werde ich Dich anlügen und Dir trotzdem erzählen, dass es die beste Entscheidung war, die je getroffen habe, was denkst Du denn?” Man konnte jetzt den Zorn in ihren Augen sehen.
“Ja, ich denke, das wirst Du tun”, sagte ich, “denn Du wärst viel zu stolz und eitel, um zuzugeben, dass ich Recht hatte. Du machst keine Fehler.”
“Hör’ auf. Bitte hör’ auf, mir einzureden, dass ich nochmal über alles nachdenken soll. Ich habe die Entscheidung schon getroffen.”
“Du gehst hin?”
“Ich gehe da hin. Und ich werde dort das beste aus dem machen, was ich dort finde”, sagte sie. Und dann fing sie an, zu weinen. Ich ging zu ihr rüber und legte den Arm um sie.
“Ich glaube, ich bewundere die Art, wie Du Dinge angehst ein bisschen”, sagte ich.
“Und ich hasse die Art, wie Du an Dingen zweifelst”, sagte sie, “Du bist völlig unfähig, jede Art von Entscheidung zu treffen, die wichtiger ist als die, welcher Film besser ist als der Andere.”
“Das stimmt nicht.”
“Warum bist Du dann so, wie Du bist?”
“Wie bin ich denn?”
“Du weißt, wie Du bist”, sagte sie, “Du bist altklug. Klugscheisserisch.”
“Es ist nur so, dass ich in allen Dingen Vor- und Nachteile finden kann. Und da Du die Nachteile offenbar ausblendest, zähle ich sie Dir auf”, sagte ich.
“Und das ist genau das, was mich wütend macht”, sagte sie und nahm ihre Jacke, “lass mich meine Entscheidungen alleine treffen und rede sie mir vor allem nicht schlecht, wenn ich sie schon getroffen habe. Bitte.”
Sie ging nach draußen. Man konnte hören, wie das Auto wendete und dann die Straße hinab fuhr.
“Du machst einen Fehler”, murmelte ich. Ich war mir dessen ziemlich sicher.


Freistil (XCIII)

Sie saß dort und hielt einen Hund an der Kette, dem man, wenn man sie nicht kannte, und ich kannte sie nicht, zutrauen würde, dass er sie, wenn ihm plötzlich danach war, einfach hinter sich herschleifen würde und trug mit einem schwarzen Stift Dinge in eine Tabelle ein, die sie scheinbar von ihren Tätowierungen abschrieb. Es bestand kein Zweifel daran, dass die blonde, spindeldürre Frau, die mir in einem Biergarten in Dresden zum ersten Mal begegnete, wo sie gegen Mittag einen Whiskey trank, ein paar richtige Probleme hatte. Mir erschien sie dennoch, oder vielleicht auch deswegen, wie einer der vertrautesten Fremden, die ich in den letzten Monaten gesehen hatte, wenn sie verstehen, was ich damit meine.


Buntes Nachtlied.

Dort drüben hängen die bunten Schildkröten, von denen ich Dir bereits erzählte, fein säuberlich aufgereiht an einem Tau, unter ihnen stehen Schüsseln, die das Blut auffangen werden, wenn ihnen der Mann, der diesen grausamen Job schon seit Jahren übernimmt, die Kehlen durchschneiden wird. Ihr Blut hat jeweils die im Farbkreis gegenüberliegende Farbe von der ihres Panzers. Schon seit Anbeginn der Zeit gewinnen wir auf diese Art und Weise die Farbe, die wir dringend benötigen, um zu malen. Es mag Dir grausam erscheinen, Dir, als jemandem, der zum ersten Mal in diesem Land zu Besuch ist, aber das Leben hier bedeutet rein gar nichts ohne die Kunst, wir opfern unser ganzes Dasein der Kunst und die Schildkröten tun genau dasselbe, wenn auch durch unsere Hand. Sie genau hin: Sie zappeln nicht. Sie wissen, was mit ihnen geschehen wird, sie sind ganz ruhig. Wir haben natürlich im Laufe der Zeit versucht, die Prozedur zu verändern, das Blut der Schildkröten nur anzuzapfen und wir haben auch nach anderen Quellen zum Gewinnen der Farbe gesucht, aber es war alles erfolglos, es führte zu letztendlich unbefriedigenden Bildern. Es scheint fast so, als würde das Leben dieser Kreaturen mit dem letzten Tropfen in die Schüsseln fallen und sich von dort in die Bilder fortsetzen, die Du so bewunderst. Ich will gar nichts beschönigen: Es ist brutal, was wir tun. Es verlangt uns einiges ab, so zu leben. Aber wir sind nunmal, was wir sind und wir müssen es aufrechterhalten. Jeder Versuch, das grundlegende Prinzip unseres Daseins zu ändern, würde zwangsläufig zu einer gesellschaftlichen und kulturellen Katastrophe führen, deren Ausmaß sich niemand, der hier geboren wurde, auch in im Ansatz vorzustellen vermag. Die Barbarei würde Einzug halten. Es würde aus diesem Land genau das werden, was Du als Deine Heimat kennst.


Nimmer (2007)

Mein Außensein
schlief jene kleinen Tage lang,
und das Verlangen, so zu schreiben,
schien im Innensein versteckt auf Reisen.

Wenn Du Süße rochst, dort drüben,
wo links der Schnee und rechts das Lachen:

Ging es dann ums Schweigen?

Du Friedhof meiner Phantasien,
ich buddle mich erneut durch Deine Grüfte
und öffne heut’ das frischste Grab.


Metareflexion, yeah! (XVIII)

Schneeblind und ohne viele Sinnwunden
wüte ich durch Deinen Vorgarten, Kunst,
und trage die Machete
wie eine Wunderwaffe vor mir her,
obwohl sie nur das Werkzeug ist.


Ausriss (2007)

Irrlichterst Du mich again?
Sinnverwichtelt ohne Niederkunft,
durchtrainiert und abgefuckt, dennoch:
Trockne Rosen auf dem Tisch,
leuchtend in se bräin.


Das kleine Niemandslicht (2007)

Zwischen jedem Tau fällt Regen:
Ohne festen Vorsatz schwebend.

Frischer Schnee lässt warten:
Dein Wort tanzt aus jeder Quelle.

In der Kürze der gebotenen Eile
backe ich wieder Brot
und Uhus umarmen nochmals Ungeheuer:
-.-


Tiefenstrukturanalyse (XII)

3.Oktober 2007

“Mittagsbuffet: Heute 6,90″, verkündet groß ein Schild vor dem chinesischen Restaurant um die Ecke. Ein Blick auf den Aushang der Speisekarte daneben verrät dem sptzfindingen Besucher, dass es normalerweise nur 5,50 kostet. Aber es gibt ja was zu feiern, heute.


Lichtbau

Im Lichtbau: Woyzeck mit leerer Flasche.

Was blendet denn so?


Metalreflexion, yeah! (XVII)

Willst Du Dein Herzblut wenigstens für einen Tag in die Kunst gießen? Ich bin Dein Mann, der Kollaborateur in allen denkbaren und noch zu erfindenden Genres, die gutgeölte Maschine, die auf Abruf zaubert, mit Wunderkamera, selektivem Blick und Händchen für dieses und jenes immer im Zwielicht unterwegs, um mitten aus den unbeachteten Schatten glänzende Lichtbilder virtuell zurecht zu malen. Erzähl mir einfach von deiner Idee. Wenn sie mir gefällt, dann setzen wir sie zusammen um.


Freistil (LXXVI)

Als ich die Treppe zu meiner Wohnung hinaufsteige, geht vor mir eine Frau auf Stöckelschuhen, die plötzlich den linken Schuh verliert. Sie macht noch einen Schritt vorwärts, bemerkt dann, was passiert ist und dreht sich um zu mir. Ich habe längst den Schuh aufgehoben und halte ihn ihr in meiner ausgestreckten Hand entgegen, was dadurch, dass sie mir einige Stufen vorraus ist und somit höher steht, dramaturgisch kaum besser inszeniert sein könnte. “Huch, das ist ja wie im Märchen”, sagt sie und lacht. “Stimmt” antworte ich.

Sie meint die Situation, ich das Leben an sich.