Unbetitelt.

Meine Gedanken sind Schmerzfänger, ich zerbreche unter Erinnerungen. Das sind verflucht gute Erinnerungen, die Gegenwart hat nicht ansatzweise eine Chance, ihnen standzuhalten. Ich wünschte nur, das mit dem Zerbrechen ginge ein bisschen schneller, denn es tut so verflucht weh.

Hundert Päckchen Zigaretten später komme ich nicht zu mir, aber wenigstens halbwegs wieder zu Verstand. Gedankenendlager. Um mich herum nur irgendwelche Menschen, die ich unterträglich finde, aber unterwegs angesammelt habe, nur um die Guten auszusortieren und zu behalten. Die Guten sind seltener als Zehennägel bei Regenwürmern. Im Grunde erzähl ich bloß allen, dass ich hier weg will, damit mich irgendwann jemand anguckt und sagt: „Geh nicht“, denn in Wahrheit habe ich nicht die geringste Ahnung, wo ich eigentlich hin soll.


Nanoskop (XIX)

Pro-Tipp: Der Endgegner ist man immer selbst. / „Manchmal fahr ich nach der Arbeit noch in den Wald, nur um dort Springkraut abzuschießen.“ / Uferloses Treiben. / „Wenn Du den Kontakt zu mir abbrichst, dann rede ich kein Wort mehr mit Dir.“ / Second Hand-Glück. / „Mein Tech-Blog ist in den Top 50 der deutschen Blogcharts.“ – „Das beeindruckt mich so sehr, dass ich sofort mit Dir schlafen muss.“ / Ich mag Menschen, die „Nummer“ gleichermaßen als Synonym für ein Musikstück und Sex benutzen. / „Ab wann ging das eigentlich alles schief?“ – „Ich glaube, das war dieser Moment, in dem wir uns zum ersten Mal trafen.“ / In mir brodelts dermaßen, kannste Suppe drin kochen. / Hilflos inflationäre Kommunikation. / Selbstbildnis als b-Seite von dem Song, zu dem ihr tanzt. / Mäanderner Konsumproduktreigen aka Supermarktregal. / Im nächsten Leben will ich ausschließlich ungestört im Grab rotieren. / „Ok, hier ist der Plan: Wir treffen uns zum Fummeln in der Unantastbar. Ich bin der mit der Menschenwürde!“


Kaskade 5-4

November. Der Monat, in dem traditionell kurz vor dem Winterschlaf noch alles den Bach runter geht, es gibt verdammt gute Songs darüber. Ich stelle mich ein auf ein paar kalte Monate mit kurzen Tagen ohne Dich, ich habe in dem leeren Zimmer meiner Wohnung Vorräte aus Zigaretten und Rotwein angelegt wie ein Eichhörnchen und die Schreibmaschine auf Körpertemperatur vorgeheizt, so dass ich mir beim Tippen einreden kann, dass McLuhan völlig Recht hatte und dass das alles kein so unnatürlicher Zustand ist, wie es sich oft anfühlt. Schreiben ist: Die eigene Seele vergewaltigen. Sie zu zwingen, alles rauszurücken, was drin ist und noch im letzten Winkel nach Resten zu kratzen, diese dann wild durcheinander zu mixen und falsch sortiert auf Papier zu kotzen, so dass am Ende keiner mehr erkennt, um was es eigentlich ging oder welcher Gedanke überhaupt Dein eigener war. Leider ist das alles in Vergessenheit geraten, seitdem der gute alte Erlebnisbericht aus Grundschulzeiten als Genre im Internet sein großes Revival erlebt.

Texte, die man ins Leben mitnehmen kann, haben nie eine knackige und in einem Satz zusammenfassbare Pointe. Witze und Binsenweisheiten schon, sie sind das Fast Food, dort, wo Zeitungsartikel, Blogeinträge und journalistische Texte mit aktuellem Zeitbezug inzwischen zu den Hauptmahlzeiten geworden sind. Nach ein paar Stunden hast Du in beiden Fällen jedesmal wieder Hunger, und wer weiß heutzutage eigentlich noch, was er vor drei Tagen gefressen hat? Von Fast Food wird man fett und krank. Aber was ist dann Literatur in dieser völlig unsinnigen Analogie? Ich verwerfe den Gedanken. Draußen vor dem Fenster werden Autofensterscheiben durch den ersten Frost ganz milchig und in meinem eigenen Erlebnisbericht steht, dass ich wieder nicht daran gedacht habe, Handschuhe und dicke Socken einzukaufen. Bringt sowieso nichts, das Frieren kommt immer von innen. Jemand, dem ich vor vielen Jahren nach dem Sex im Winter immer die Füße wärmen durfte, hat mir mal erzählt, dass Frauen mehr an den Extremitäten frieren, weil der weibliche Körper die in ihm vorhandene Wärme bei niedrigen Temperaturen mehr in die Mitte zusammenzieht, um ein dort eventuell vorhandenes Kind besser abzusichern. Mir gefällt die Geschichte, deswegen habe ich nie nachrecherchiert, ob sie stimmt. Wäre es unwahr, dann würde mir das die Illusion nehmen, dass die Natur über eine schwangere Frau im Schneesturm denkt: „Hör auf rumzuheulen und frier Dir Deine Scheißarme ab, Hauptsache ist doch: Ihr überlebt das hier beide“. Ich mag diese Illusion sehr. Sie ist ein bisschen so, als würde der statische Teil der Realität damit den schlimmstdenkbaren menschlichen Egoismus einfach per Gesetz unterbinden. Der Biologie entkommst Du niemals, selbst dann, wenn Du Dich weigerst, Kinder in die Welt zu setzen, kriegst Du Deinen Drang zur Schöpfung, zum Fortschritt, zur Evolution nie unter Kontrolle.

„Siri, was macht man, wenn die Verzweiflung überhand zu nehmen droht?“ – „Leg Dir ein dickes Fell aus Resignation zu, so dass es sich nur noch wie ein sanftes, aufmunterndes Streicheln anfühlt, wenn sie Dir den Rücken raufkriecht.“ Extensions of Man, haha, so nenne ich meinen ersten Friseursalon in dem dazu passenden Paralleluniversum, denke ich, meine Gedanken in rücksichtsloser Brutalität auf Twitterkompatibilität beschneidend. Ich tue mir nicht gut, aber wer solls denn sonst machen? Ich gucke mich um, und es weht zu dramatischer Musik und einem Windsample so ein kugelförmiges Gestrüpp durch das Zimmer, wie in einem alten Westernfilm kurz vor dem Duell. Mein Schatten steht hinter mir, denn außer dem Licht dieses Computers erhellt nichts den Raum. Selbst wenn ich schneller ziehen könnte, hätte ich keine Chance, ich müsste mich erst noch umdrehen, denke ich, da höre ich schon, wie er den Revolver spannt.


Nanoskop (XVIII)

Ich schätze, die „Wer ist der attraktivste Mensch in meiner Umgebung, der mich ficken will?“-Definition von Liebe hat inzwischen gewonnen. / Will mich von dem Rudel Wildkätzchen adoptieren lassen, das bekanntlich unter aller Kanone lebt. / Strohhalm-Tarzan. / Paradoxer Internet-Phänotyp: Personen, die nur schreiben, was die Leute lesen wollen und sich gleichzeitig für „einflussreich“ halten. / „Bitte dramatisiere mich.“ / Kleine Städte sind viel menschlicher, aber man erlebt kaum Dinge. Ich frage mich, ob das ein Paradox ist oder doch eine normale Konsequenz. / Die drei ??? und Du. / „Mein Name ist Phrase, ich beweis gar nichts.“ / Zu gerne würde ich diesen Artikel mit Argumenten platthobeln, aber das Thema interessiert mich nicht genug, um dafür Lebenszeit aufzuwenden. / Falls jemand einen Job als Neuropeptid sucht: Die besten Achterbahnfahrten gibts in meinem Hypothalamus. / „Entschuldigung, falsch geboren.“


Hier.

Ich würde ihr gerne erklären, was sie tun kann, wie sie sich selbst davor schützen kann, erneut in eine solche Situation zu geraten, aber eine zehnjährige Drogenkarriere hat die Konzepte Vergangenheit und Zukunft aus ihrem Leben gefräst. Alles, was mehr als ein paar Tage zurück oder mehr als ein paar Stunden in der Zukunft liegt, spielt in ihrem Dasein keinerlei Rolle mehr. Maike wurde durch ihre schlecht getroffenen Entscheidungen in der Vergangenheit auf die pure Gegenwart geworfen, auf ein Leben im Hier und im Jetzt und sie meistert dieses Leben mit einer solchen Bravour, dass ich sie oft sogar ein bisschen um diese Existenzform beneide, auch wenn ich die äußeren Umstände und die Art der Menschen nicht ertragen könnte, die die Routine ihres Tagesablauf bestimmen. Es scheint dennoch so viel menschlicher, wie sie lebt, die Zeit als Faktor spielt in ihren Handlungen und Entscheidungen keine Rolle, während wir Idioten alle an der Vergangenheit kleben und auf die Zukunft große Hoffnungen setzen, nie aber wirklich bei uns ankommen.

Ich erinnere mich an ein Silvester, das ich mit ihr verbrachte. Ich hatte mich selbst eingeladen, weil ich kurz nach der Trennung von meiner Freundin den Jahreswechsel nicht alleine über die Bühne bringen wollte, sie wehrte sich zunächst gegen die Einladung, wiederholte das Mantra, dass es ihr Unglück bringe, wenn sie an diesem Tag nicht alleine wäre. Ich ignorierte ihre Bedenken und fuhr trotzdem zu ihr, weil ich nicht wusste, wohin ich sonst sollte. Um Null Uhr standen wir mit jeweils einer Flasche Bier in der Hand auf dem Balkon ihrer komplett verwahrlosten Wohnung in dieser nicht weniger verwahrlosten Kleinstadt und beobachteten das mickrige Feuerwerk, dass die dort lebenden Menschen zustande brachten. Sie wollte nicht ausgehen, nur vom Balkon aus das Feuerwerk gucken. Nach einiger Zeit fing ich an zu weinen. Sie kam zu mir rüber, umarmte und küsste mich, zeigte auf die explodierenden Raketen und ich sah noch einmal hin und verstand es. In den Minuten, die wir noch dort standen, war das jämmerliche Feuerwerk in dieser Scheißstadt plötzlich das Schönste, was ich jemals gesehen hatte.


Nanoskop (XVII)

Notiz an mich: Accountsperrung vortäuschen & den Trottel von der Theatertruppe meine Texte veröffentlichen lassen. Sein Name ist William. / Wonne, Künde, Lüfte. / Für die meisten Frauen untragbar, an Dir ein Anmutszeugnis. / Covere Led Zeppelin auf einem Butterbrot. / Wenn man das Scheitern vorab als ernsthafte Option mit einkalkuliert, dann fehlt eigentlich nur noch der Antrieb. / Frischer Wind in kleinen Dosen (luftdicht). / Dein Dein ganzes Umfeld bezauberndes Wesen provoziert meine inneren Inquisitoren. / In dem Kurs „Kreatives fiktionales Schreiben in der ersten Person Singular“ an der TU Münchhausen habe ich zu mir selbst gefunden. / Kommt, wir gründen die Global Village People. Ich bin der Gedankenpolizist. / Wir liegen zwischen Welten. / Zoff bei der Klebeband: Neues Tape „zu durchsichtig“, meint Sänger Tesa. / Salto mortale zurück ins Leben.


Wort für Wort (LVIII)

„Gib mir irgendetwas. Wirf mir Deinen Müll unachtsam vor die Füsse, ich sammle ihn auf, als wäre er das Wertvollste der Welt und stelle ihn in eine Vitrine, lade ihn mit einer eigens für ihn erfundenen Bedeutung auf, bis er kein Gegenstand mehr ist, sondern nur noch Symbol. Ich schnitze Chiffren aus Deinen billigsten Metaphern, so verschnörkelt, dass ich sie selbst nicht mehr entziffern kann, baue viertausendzimmrige Luftwolkenkratzer aus dem Hauch einer zwischen den Zeilen Deiner Sätze vermuteten Andeutung und höre erst dann wieder damit auf, wenn ich tot bin.“


Nanoskop (XVI)

„Ich muss mein Leben überdenken“ ist bei mir eher ein Daseinszustand als ein Vorsatz. / Du bist das Einzige auf diesem Planeten, das ich niemals ganz verstehen kann, so sehr ich mich auch darum bemühe. Deswegen liebe ich Dich. / „Durch das Internet habe ich gelernt: Ich mag Menschen eigentlich sehr. Es ist im Alltag eher so eine Asozialphobie.“ / ortfragme / „Wer sind eigentlich Deine besten Freunde?“ – „Soll ich Dir jetzt die Tastatur vorlesen oder was?“ / Versace-Visage. / Wer sich nie gehen lässt, der tritt auf der Stelle. / Gurgle Gewitter, paniere Pusteblumen. / „Ich hätte Dich wirklich gerne als Businesspartner.“ – „Vergiss es. Du bringst Deine Scheißpfandflaschen alleine weg.“ / Die Populärwissenschaft hat herausgefunden, dass sie ziemlich einfach zu verstehen ist und immer Recht hat. / Traumberuf: Marodeur. / Das, was viele für Bloggen halten und Battle-Rap sind gar nicht mal so unähnlich.


Zirkelschluss.

Und dann sitze ich bei dieser Gartenparty und mich gruselt vor dem zur Schau gestellten Spießertum, aber gleichzeitig sehne ich mich genau danach, vielleicht gruselt mich auch eher vor dieser Sehnsucht. Ich selbst habe kein Zuhause, weil: Mein verfluchtes Zuhause, das ist ja kein Ort, das bist einfach Du, und Du sitzt da zwar auch rum, aber das gilt nicht, denn ich darf Dich zur Zeit nicht heimlich knutschen, wenn keiner hinguckt. Deswegen setze ich mich weg, setze mich oben auf dieses Klettergerüst, das ist wie so eine Art von Protest, den keiner versteht. Macht nichts, ich verstehe ihn. „Er muss sich wieder demonstrativ absondern!“, heißt es.

Um halb zehn geht die Sonne unter, der Himmel wird so komisch dunkelblau. Die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Nacht hasse ich, und die dauert im Sommer endlos. Ich habe immer das Gefühl, das ist so eine Nicht-Zeit und außerdem Schmerzen in vorderen Bereich hinter der Stirn, die kommen von dem wenigen Schlaf, den ich bekomme und dem vielen Alkohol, den ich mir nehme. Ich denke wieder einmal darüber nach, wie schrecklich die meisten Berufe eigentlich sind. Nehmen wir Steuerberater: Du verbringst Deine Zeit damit, den Menschen dabei zu helfen, dem Staat möglichst trickreich und innerhalb der Grenzen des Gesetzes zu verschweigen, wie viel Geld sie verdient haben. Das machst Du im Grunde jeden Tag. Immer und immer wieder dieselbe Scheiße, jahrelang. Kann das irgendeinen Menschen wirklich erfüllen, der noch ganz dicht ist? Wahrscheinlich schon. Man muss bei jedem Gedanken hinterher noch mal überlegen, wer hier eigentlich der Geisterfahrer ist, das ist wichtig, damit man nicht starrköpfig wird. Und wenn man selbst der Geisterfahrer ist, dann ist es wichtig, abzuwägen, ob man jetzt auf den Standstreifen fährt, sich die Sache noch mal überlegt und umdreht, oder ob man nur deswegen umkehren würde, um mit dem Strom zu fahren, aber eigentlich doch in genau die Richtung will, in die man unterwegs ist. Schreibe ich eigentlich immer dasselbe oder fühlt sich das nur so an? Wahrscheinlich bin ich im Grunde gar nicht so weit weg von dem verdammten Steuerberater.


Nanoskop (XV)

Bin ich einsam, dann denke ich oft, ich muss Menschen kennenlernen. Lerne ich Menschen kennen, dann dreht sich das meist schnell wieder um. / Bei dem Begriff „Multitouchgesten“ muss ich immer an Frauen mit sieben Armen denken. / Grandiose Geschäftsidee für Chirurgen (extrem hoher Bedarf): Den Einwohnern von Hamburg ein Lächeln ins Gesicht operieren. / „Du bist doch total bunt im Kopf!“ / Geständnis: Ich bin ein Datei-Messie. / „Vorsicht! Als nächstes kommt die Indifferenzattacke!“ – „Ach, das ist jetzt auch schon egal.“ / Da bietet das Netz uns an, uns als komplexe, vielschichtige Wesen darzustellen und was macht ihr? Euere sozialen Rollen digital nachspielen. / Pancakes, Pynchon, Post-Rock. / Blaue Briefe von schlumpfine@gargamail.com / Das Antonym von Synonym ist Antonym. / Festgebissen in Verlustgeschichten, die behalte ich für immer.


Irrlichter & Schönheit (XI)

Ein Tweet.Ein Bild.Ein Stück.Ein Buch.Ein Lichtspielfilm.


Re: Emotion

In Momenten plötzlicher, überwältigender Schönheit schnürt mein limbisches System in Sekundenschnelle ein unfassbar komplexes, sich selbst widersprechendes Bündel an Emotionen und wirft es mir einfach zu. Ich stehe dann da und weiß nicht, ob ich es unbedingt fangen oder so weit wie möglich von mir wegschlagen will.


Nanoskop (XIV)

Internet mit seinen Bewertungsfunktionen ist so eine Art Panoptismus für das Schreiben. Grauenhaft, eigentlich. / Zugzwang, immerzu. / Äußerlich altern, innen immer kindlicher werden. Wir treffen uns wieder beim infantilen Greis! / Der Grund meiner Ausmusterung: Schlimmer Schreibfehler. / „Wie fühlst Du Dich an?“ – „Ist Dir klar, dass Du gerade die schlechteste Frage der Welt mit zwei Buchstaben in die beste verwandelt hast?“ / „Hybris“ meinte: Befehle der Götter ignorieren. Ein paar tausend Jahre später gilt man schon als „arrogant“, wenn man dumme Leute ignoriert. / Schüttle mir auf dem Phrasenkarussell Asse aus dem Ärmel wie anno dazumal, als ich noch nicht zum alten Eisen zählte. / Dickes Ende vs. Fettes Finale. / Die flachsten Filme erkennt man meistens daran, dass sie in 3D sind. / Immer positiv denken: Noch rund 18.000 Mal schlafen, dann ist der Quatsch auch vorbei.