Instant Poetry (CLXXX)

So blieb der Friede doch gewahrt:

Vier Scharten längs in ihrem Kopf,
dann endlich eine quer.


Kaskade 8-3

Ich habe mich Dir bedingungslos ausgeliefert, das macht man in einer aufgeklärten Zeit wie der, in die wir aus den primären Geschlechtsteilen unserer Mütter reingeflutscht sind, schon längst nicht mehr. Gib mir Geiselnahmen (Pest!), gib mir mein Stockholm Syndrom. Ein wildes Gefühl schlägt über die Stränge und alles, was Du bisher erlebt hast, um Längen. Ich will auf keinen Fall untertreiben. Irgendetwas dreht sich, dann die Erkenntnis: Das bin ja ich, nein, die Welt um mich herum, eine Frage der Perspektive; dann wieder äußerlich ausgeglichen in einem Zug Stunde um Stunde stillsitzen und Städte vorbeiziehen sehen, mit deren Namen man nur Verderben und Fäulnis zu assoziieren schafft, obwohl man nie dort war. Es ist nach Deiner Entschwindung jetzt wieder so ruhig zu Hause. Diese beunruhigende Mischung aus Blut, Staub und Federn liegt immer noch in der Luft meines Lebens, man (ich) kann maximal schemenhaft Dinge erahnen und ist an den meisten Tagen auch froh darüber. Viel zu ruhig; ich will zurück zu den Tieren. Ich habe starke nostalgische Gefühle für die Momente in der Erinnerung entwickelt, in denen es adrenalinbedingt keinerlei Zeitempfinden gab, wie damals, als man vom Fenster aus jederzeit Schiffen winken konnte (es war immer Viertel nach Vier).


Kaskade 7-1

Ein Manifest gegen die Beliebigkeit. Jemand stolpert über etwas. Etwas fällt über jemanden her. Neun Monate später kommen die Resultate. Dann: Sich ungebührlich in Illusionen verhangeln, die Etikette schlimm missachten, weil man keine Ahnung hat, welcher Fluchtweg sonst noch offenstünde. Wenn es ernst wird, nimmt jeder Reißaus, bekanntes Verhalten als Ausrede, Gemütlichkeit und Faulheit behalten Oberwasser, ob es den Tiefgang unter der still glänzenden Grenzfläche gibt, bleibt ungewiss, wenn keiner taucht. Ich möchte einen Roman schreiben, in dem die Protagonisten auf Strukturebene wechselseitig miteinander verschmelzen, so dass niemand mehr weiß, welche Figur eigentlich welche Charakterzüge trägt, es sei denn, er nimmt Zettel und Stift und schreibt jede Seite mit. Kostbares Wissen wird von einer Maschine einfach verschlungen, unbezeugte Taumelbewegungen vor einer wirklich gewichtigen Entscheidung. Unlängst eingetroffen: Die Vehemenz eines nicht sonderlich spezifischen Raunens. Ich stelle mir Menschen wie Planeten vor, auf denen sich tektonische Platten langsam verschieben, Vulkane unter der Wasseroberfläche aufbrechen, Gräben aufreißen, Gebirge verschoben werden, bis sich irgendwann Kontinente (de)stabilisieren. Wenn man es ernsthaft macht, dann ist das Schreiben wie sich mit einer Rasierklinge Wunden zufügen, damit sie endlich heilen, paradoxer Müll, der eigentlich gar nicht funktionieren dürfte. Ich stelle mir Menschen vor, denn ich habe nur Texte und ich weiß gar nicht, ob das ein schrecklicher Fluch oder ein Segen ist.


Kaskade 6-1

Hassobjekt A im Spiegel deutlich sichtbar. Fischfrikadellen helfen gegen zu viel Vegetarismus. Kannst Du es nicht googeln, dann existiert es eigentlich gar nicht, das denken die wirklich. Die Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft sucht Texte zum Thema „zeitgenössische Kunst digital“, der Link kursiert unter PR-Beratern, Social Media-Experten und Bloggern, die sich gegenseitig zum Mitschreiben auffordern. Ich lachte hart, Bernd. Hassobjekt B zieht seinen Slip mit einer verführerischen Hüftbewegung aus, nimmt ihn zwischen Zeigefinger und Daumen, zeigt ihn mir, lässt ihn dann auf den Boden fallen und wandert aus meinem Sichtfeld in Richtung Couch. Folgsam: Ich. Es ist so beschissen, dass die richtig guten Texte nicht im Netz stehen und dass das gar keiner von denen merken kann, die immer nur hier sind, weil sie dazu eben auch mal woanders rumlesen müssten. Ich habe einfach Vogelfutter in diesen langen Pflanzenkasten für den Balkon gekippt, vorher eine dicke Schicht Blumenerde, nachher eine dünne Schicht Blumenerde, fertig, zwei Tage später wuchs dort eine Menge Unkraut; ich finds verdammt hübsch. Hassobjekt A nimmt sein Ding in die Hand. Die Leute, die man wirklich anbeten sollte, weil sie anbetungswürdig sind, das sind fast immer die, die sich gar nicht anbeten lassen, die Dir eins auf die Fresse hauen, wenn Du es versuchst.


Instant Poetry (CLXXIX)

Gegenwärtig eher heimlich:

Tendenzen gegen das Vielleicht.


Kaskade 5-6

Es war nicht so wie in meiner Vorstellung. In meiner Vorstellung sind diese Dinge viel größer. Das ist ein Grund dafür, warum ich dort so viel Zeit verbringe. Sie sucht ein Kajak für Berlin, hat sie gesagt, auf der Spree paddeln, natürlich. Anderswo giften sich fremde Menschen gegenseitig in Texten an, die ewige Droge heißt Zynismus, weil man unbedingt dabeisein muss, Präsenz zeigen, sehen und gesehen werden, aber bloß nicht zugeben, dass es einem doch heimlich Spaß macht oder dass man es grundabstoßend findet, man will ja nicht so sein. Du hast nie gelernt, ehrlich zu sein. Du schwimmst nur in der Mitte, weil es dort den meisten Applaus zu holen gibt. Asoziale TV-Sendungen gucken und in Echtzeit darüber Spott in Netzwerke kippen gilt als en vouge. „Ich mach irgendwas mit Medien. Den ganzen Tag lang, weil ich kein Leben habe.“ Eigentlich bräuchte ich nur ein verdammtes Lagerfeuer, eine Blockhütte im Wald und eine handvoll Menschen als Geiseln. In diesem avantgardistischen Schwarzweißfilm, der so wirkt, als wäre er mit dem Kameramodul eines alten Game Boys gedreht worden, zieht sich jemand die Haut vom Gesicht und lacht dabei. Nach einer Woche in Schweden wäre das Stockholm Syndrom abgeklungen, das nicht von der Entführungssituation verursacht wurde, sondern von dem Zustand im Jetzt. Vom äußerlichen Anschein her liebenswert, in der Realität eine Bestie. Gibt es jemanden, vor den Du Dich stellen und ohne auch nur ansatzweise mit dem Gehirn zu zucken „Ich liebe Dich“ sagen könntest? Nein, wir reden hier nicht vom Verliebtsein und den Schmetterlingen, sondern von der echten Nummer, die nicht erst wächst, wenn man sich irgendwann so arrangiert hat, dass man sich gegenseitig grade so ertragen kann, sondern die einfach ist, die nichts fordert und wie das natürlichste Ding auf der Welt einfach bestehen bleibt, egal, was der andere tut. Gibt es so jemanden? Wenn ja, dann schätze Dich glücklich, egal, was er oder sie antworten würde. Du hast noch etwas von dem in Dir, das ich suche.


Kaskade 5-4

November. Der Monat, in dem traditionell kurz vor dem Winterschlaf noch alles den Bach runter geht, es gibt verdammt gute Songs darüber. Ich stelle mich ein auf ein paar kalte Monate mit kurzen Tagen ohne Dich, ich habe in dem leeren Zimmer meiner Wohnung Vorräte aus Zigaretten und Rotwein angelegt wie ein Eichhörnchen und die Schreibmaschine auf Körpertemperatur vorgeheizt, so dass ich mir beim Tippen einreden kann, dass McLuhan völlig Recht hatte und dass das alles kein so unnatürlicher Zustand ist, wie es sich oft anfühlt. Schreiben ist: Die eigene Seele vergewaltigen. Sie zu zwingen, alles rauszurücken, was drin ist und noch im letzten Winkel nach Resten zu kratzen, diese dann wild durcheinander zu mixen und falsch sortiert auf Papier zu kotzen, so dass am Ende keiner mehr erkennt, um was es eigentlich ging oder welcher Gedanke überhaupt Dein eigener war. Leider ist das alles in Vergessenheit geraten, seitdem der gute alte Erlebnisbericht aus Grundschulzeiten als Genre im Internet sein großes Revival erlebt.

Texte, die man ins Leben mitnehmen kann, haben nie eine knackige und in einem Satz zusammenfassbare Pointe. Witze und Binsenweisheiten schon, sie sind das Fast Food, dort, wo Zeitungsartikel, Blogeinträge und journalistische Texte mit aktuellem Zeitbezug inzwischen zu den Hauptmahlzeiten geworden sind. Nach ein paar Stunden hast Du in beiden Fällen jedesmal wieder Hunger, und wer weiß heutzutage eigentlich noch, was er vor drei Tagen gefressen hat? Von Fast Food wird man fett und krank. Aber was ist dann Literatur in dieser völlig unsinnigen Analogie? Ich verwerfe den Gedanken. Draußen vor dem Fenster werden Autofensterscheiben durch den ersten Frost ganz milchig und in meinem eigenen Erlebnisbericht steht, dass ich wieder nicht daran gedacht habe, Handschuhe und dicke Socken einzukaufen. Bringt sowieso nichts, das Frieren kommt immer von innen. Jemand, dem ich vor vielen Jahren nach dem Sex im Winter immer die Füße wärmen durfte, hat mir mal erzählt, dass Frauen mehr an den Extremitäten frieren, weil der weibliche Körper die in ihm vorhandene Wärme bei niedrigen Temperaturen mehr in die Mitte zusammenzieht, um ein dort eventuell vorhandenes Kind besser abzusichern. Mir gefällt die Geschichte, deswegen habe ich nie nachrecherchiert, ob sie stimmt. Wäre es unwahr, dann würde mir das die Illusion nehmen, dass die Natur über eine schwangere Frau im Schneesturm denkt: „Hör auf rumzuheulen und frier Dir Deine Scheißarme ab, Hauptsache ist doch: Ihr überlebt das hier beide“. Ich mag diese Illusion sehr. Sie ist ein bisschen so, als würde der statische Teil der Realität damit den schlimmstdenkbaren menschlichen Egoismus einfach per Gesetz unterbinden. Der Biologie entkommst Du niemals, selbst dann, wenn Du Dich weigerst, Kinder in die Welt zu setzen, kriegst Du Deinen Drang zur Schöpfung, zum Fortschritt, zur Evolution nie unter Kontrolle.

„Siri, was macht man, wenn die Verzweiflung überhand zu nehmen droht?“ – „Leg Dir ein dickes Fell aus Resignation zu, so dass es sich nur noch wie ein sanftes, aufmunterndes Streicheln anfühlt, wenn sie Dir den Rücken raufkriecht.“ Extensions of Man, haha, so nenne ich meinen ersten Friseursalon in dem dazu passenden Paralleluniversum, denke ich, meine Gedanken in rücksichtsloser Brutalität auf Twitterkompatibilität beschneidend. Ich tue mir nicht gut, aber wer solls denn sonst machen? Ich gucke mich um, und es weht zu dramatischer Musik und einem Windsample so ein kugelförmiges Gestrüpp durch das Zimmer, wie in einem alten Westernfilm kurz vor dem Duell. Mein Schatten steht hinter mir, denn außer dem Licht dieses Computers erhellt nichts den Raum. Selbst wenn ich schneller ziehen könnte, hätte ich keine Chance, ich müsste mich erst noch umdrehen, denke ich, da höre ich schon, wie er den Revolver spannt.


Instant Poetry (CLXXVIII)

Zwischenzeit und Tatendrang,

Scham und Kuss und fortbewaffnet
bis in alle Endlichkeit.


Instant Poetry (CLXXVII)

Querverhexte Lyriktage:
Gespenster sitzen nähend bei Gewändern.

Fabel Dich in meine Welt.


Kaskade 3-3

Nichtstun, das ist es. Mein Regenschirm hat sich im heftigen Wind umgestülpt, ein Außenskellett aus Metall brach plötzlich hervor. Du kommst klar, es wird alles super, ich weiß das. Dann kann ich das nicht mehr, dann muss ich was anderes machen. Dann flog er weg, wie eine Fledermaus aus der Hölle. Kannst Du mir sagen, was Liebe meint, Vater? Ich kann das nicht, ich kann nicht einfach nur so Worte hinschreiben. Wenn ich Ferien habe, dann weiß ich nie wirklich, was ich mit mir anfangen soll. Für Dich mag das zutreffen, aber die Wahrheit sieht anders aus! Träum Du von Deiner inneren Mongolei, sie reist jetzt in die Wirklichkeit. Literarische Figuren machen einfach, was sie wollen, sogar die, die man selbst erfindet, das fasziniert mich an denen. Schufauskunft Karma-Konto: Arschloch. Was mach ich denn, wenn die Leute anfangen sollten, das zu mögen? Was mache ich dann eigentlich? Die Sonne scheint rein, mein Rolladen ist kaputt. Du siehst aus, als hättest Du ein Gespenst photographiert, Junge. Magischer Realismus, das ist doch alles so scheißsubjektiv, wenn man ein bisschen Phantasie hat, dann ist der Begriff nur noch was für die Pragmatiker. Ich stehe immer noch im Regen und tue einfach nichts dagegen. Und das ist nur subjektiv betrachtet die beste Idee, ich sehe es ein. Vierhundert Meter weiter landet der Regenschirm auf dem Asphalt, zuckt noch zweimal mit seinen Metallgelenken und bleibt dann regungslos liegen. Der Entschluss, neben Dir zu gehen, steht.


Kaskade 2-4

Der einfache Weg ist aber nicht der Beste, ich hoffe, das ist Dir klar. Die brutale Wucht, mit der Gefühle einen überfahren können, erstaunt mich immer wieder. Schatten sind nicht schwarz, sie sind blau, man sieht es, wenn man sie photographiert und dann mit der Pipette in Photoshop die Farbe aufnimmt. Ohne die Ablenkung hätten Gedanken überhaupt keine Inhalte, überhaupt keine. Ich möchte mich an das Gestern erinnern, als ob es kein Heute gäbe. (Was würde eigentlich passieren, wenn ich Dich einfach küsse?) Ich blicke auf meine Hände und frage mich, was ich getan habe, um so zu werden. „Die Worte fliegen auf, der Sinn hat keine Schwingen“, sagt der König zu Hamlet. Damals bin ich einfach mit zu Dir gefahren und habe mit Dir geschlafen, wie einfach das war, als wäre es in einer anderen Welt passiert, in der es keine komplizierten Beziehungen zwischen Menschen gibt. Es gibt Schreibprogramme, die darauf basieren, dass man den kompletten Bildschirm zum Schreiben hat und von nichts abgelenkt wird. (Wie ich mit meinen Lippen die Zukunft verändern würde, und dafür nicht mal reden müsste, das frage ich mich.) Nicht in einer anderen Welt, in einer besseren/einfacheren Welt. Die Wahrheit ist, dass es gerade die Ablenkung ist, die das Schreiben ausmacht. Ich springe statt dem Schatten einfach über diesen Fluss, der ist auch blau.


Instant Poetry (CLXXVI)

Selten dumme Macht des Lärms:
Ganz selten dümmer ist das Schweigen.


Kaskade 2-1

Das was Du beschreibst, sind Verlustängste. Mit Blicken kann man viel Respekt zollen. (Fick sie, fick sie). Wann hast Du zuletzt gehört, dass jemand zu Dir gesagt hat, dass er Dich vermisst? Ich kann ihr nicht helfen, wenn ich mir nicht endlich selbst helfe. Metaphern braucht niemand, der sich noch an die Realität klammert. Sind das Gedanken, die in Klammern stehen oder sind das die Sachen, die eigentlich jemand sagt? “Hier ist niemand, dem man Fragen stellen könnte.” Er hat studiert und dann diese Sache mit der Ausbildung, komplett verkacktes Leben. Diese Typen ziehen sich ernsthaft Leuchtkostüme an und dann stellen sie Bilder davon in Netz. Buchstaben kann man nicht anfassen, außer man benutzt eines dieser Schreibgeräte mit Glasoberfläche. Wenn Du und ich vorkommen, dann ist es ein Monolog. Wie sie guckte, nachdem sie mir von den Dingen erzählte, die sie getan hat – es war, als wollte sie herausfinden, ob ich ihr Anerkennung zukommen lasse. Mach endlich mal wieder ein bisschen Sport, Deine früheren Muckis verwandeln sich sind sonst in Männertitten. Die Stimme gehört mir nicht. (Vermisst Du Deine Eltern?). Sie würde es wohl blumiger umschreiben, wenn sie so redet. Ich umarme Dich und dabei bemerke ich erst, wie sehr Du mir gefehlt hast, es ist diese Körperlichkeit, die ist einfach universell. Er ist niemandes Bote, aber das heißt nicht, dass dieses Paket ihm gehört, es hat einen Besitzer und er ist es nicht. Herzen wollen Blumendonner. Pragmatismus ist der beste Grund, etwas zu bauen, das real ist, das man anfassen kann. Das Ganze ist mir eine zu große Last. In meiner eigentlichen Sprache traue ich mich gar nicht, zu fluchen, Du saudumme Fotze. Die Dinge sind doch heute gar nicht mehr echt, wenn man sie nicht googeln kann. “Ich hasse Dich so.”