Nano (VII)

Du hast Pech im Glück? Lass mich raten: Da ist Liebe im Spiel.


I think of you in motion and how close you are getting. (2010)

I think of you in motion and how close your are getting.


Dreisam.

Er schreib ihr drei Briefe, dann schrieb er nicht mehr. „Buchstabenzähne, in unbeschriebene Blätter verbissen: Dieses hungrige Wir.“ Ein Wir, das nicht existierte, nie existiert hatte. Es gab bei genauerer Betrachtung der Umstände immer nur ihn selbst, und selbst das hätte ein fähiger Analyst mit etwas Zeit und mit dem entsprechenden Wissen um den in diesem Fall wohl notwendigen Fokus der Beobachtung höchstwahrscheinlich in Zweifel gezogen. Bernhard saß in seinem Sessel, zündete sich eine Zigarre an und guckte mich mit Augen an, die seinem Namen, der auf mich immer wie ein Name wirkte, den man einem behäbigen Tier geben würde, alle Ehre machten.

„Ich habe mich in der Tonart geirrt, das ist das Problem mit den Briefen, glaube ich“, sagte er und atmete langsam Rauch durch seine Nase aus. Er inhalierte Zigarren. Man sollte meinen, dass einen das umbringt, wenn man es ein paar Jahrzehnte praktizierte wie Bernhard, aber der Bursche war zäh. „Was willst Du eigentlich von mir?“, frage ich. „Lass mich nach Hause gehen. Ich kann Dir nicht mit Deinen Worten helfen. Was habe ich eigentlich verbrochen, dass ich mir das immer antun muss?“

„Erst, wenn Du verstanden hast, was ich Dir sagen will. Ich glaube, dass Du dann eine Lösung für das Problem findest. Du hast das bisher immer geschafft.“

Ich seufzte. Nicht, um ihm mitzuteilen, dass ich kapitulierte (er ging sowieso fest davon aus, dass ich ihm zuhören würde, die Ansage, dass ich gehen wollte, hielt er eher für eine Art inzwischen bedeutungslos gewordenes Ritual zwischen uns beiden, und vermutlich war es das wirklich), sondern eher als Notiz an mich selbst („Seufzer Nummer vierundzwanzig in einer Woche, Du musst Dein Leben ändern. Grundlegend ändern!“) und ließ ihn gewähren. Er öffnete die Schublade des Couchtisches, zog die Briefe und seine Lesebrille hervor, und begann damit, sie mir vorzulesen. Nach einiger Zeit verstand ich das Problem. „Du hast Dich nicht in der Tonart geirrt, Du hast Dich in der Zeit geirrt. Du schreibst ihr, als ob sie nicht mehr unter den Lebenden wäre“, sagte ich. „Zwischen den Zeilen klingt das immer wieder an. Natürlich ist das so, aber es passt nicht zusammen, Bernhard, die innere Logik dieser Briefe stimmt nicht, deswegen hast Du das Gefühl, dass sie so nicht funktionieren.“

Er guckte mich lange an, dann blickte er wieder auf die Papiere in seiner Hand. „Ich bin mir nicht sicher, aber Du könntest Recht haben“, sagte er. Anschließend drückte er die zu drei Vierteln aufgebrauchte Zigarre aus.  Der Rest blieb in dem Aschenbecher stehen wie ein untersetztes Ausrufezeichen. „Kannst Du bitte gehen? Ich muss einen Brief schreiben.“

Ich stand auf, ging in den Flur, zog meinen Mantel und meine Schuhe an und dann ging ich, ohne mich zu verabschieden. Drei Monate später hatte ich ein Paket im Briefkasten. Es waren knapp dreihundert Seiten und nachdem ich es zwei Mal gelesen hatte, war ich mir ziemlich sicher, dass es sein bisher bestes Buch war, obwohl ich ihn eigentlich schon lange in die Schublade derjenigen eingeordnet hatte, von denen nichts Brauchbares mehr zu erwarten war. Dieser Hurensohn hatte es noch einmal geschafft, mich richtig zu verblüffen. Und er hatte meinen Rat natürlich nur insofern befolgt, dass er das Problem explizit thematisierte. Ich grinste und ließ ihm Blumen schicken. Er würde sie dankend entgegennehmen und anschließend direkt in den Müll werfen, das wusste ich. Wir hatten unsere Rituale.


Instant Poetry (CLXXIV)

Ich ganz Buchstabe, Du nur Zahl:
Deine Zukunft zielt auf Ruhm, meine heißt Unendlichkeit.


The Sunflower (2010)

sunflower - raventhird.de


Tatort Fernsehen (I)

„Sie wissen, warum ich hier bin?“

„Wer zum Teufel sind Sie?“

„Ich bin investigativer Journalist.“

„Ach was? Ich auch.“

„Machen Sie sich nicht lächerlich. Sie sind eine schmierige Kröte, die sehr ernste Themen wie Kindesmissbrauch für trashige TV-Shows missbraucht.“

Zwei Frauen betreten den Raum und stellen sich hinter S.G. Bangs. Eine hält ein iPhone in der Hand und filmt damit den auf der anderen Seite des Tisches sitzenden Produzenten. „Für YouTube“, sagt sie. Der Produzent nimmt einen Aktenordner, der auf dem Tisch liegt, klappt ihn auf und hält ihn sich vor das Gesicht. Er schweigt lange. Dann sagt er:

„Das ist eine aufklärerische Tätigkeit.“

„Und Sie holen sich auch noch Schützenhilfe von Revolverblättern. Wo genau ist denn die aufklärerische Tätigkeit in einer Sendung, die möglichst gruselige Sex and Crime-Szenarios herbeiführen will und dann nur noch draufhält, um dem Zuschauer letztendlich zu vermitteln, dass das Internet irgendwie böse ist?“

„Na ja, wir zeigen… wir zeigen, was so passieren kann, wenn man im Internet unterwegs ist.“

„Sie stellen Fake-Profile von Kindern und Jugendlichen ins Netz und locken Leute darauf, um daraus maximal dramatisch ausschlachtbare Geschichten mit schnellen Schnitten und hysterischer Thriller-Musik zu basteln. Hinweise zum sicheren Verhalten im Netz kommen in ihrer Sendung überhaupt nicht vor. “

„Die Sendung an sich ist der Warnhinweis.“

„Der Warnhinweis wovor? Dass man sich besser nicht im Netz aufhalten und sich stattdessen lieber passiv von strunzdummen Realityformaten im TV auf der Couch berieseln lassen sollte?“

„Wir von Fernsehen haben wenigsten noch den Anspruch, den Leuten ein paar Werte zu vermitteln.“

„Werte? Der einzige Wert, den sie vermitteln, ist der, dass man mit reißerischer und billigster Aufmachung Leute vor den Bildschirm locken und die Quote erhöhen kann. Sie sind Abschaum.“

„Die Sendung hat prominente Fürsprecher.“

„Die CSU-Ministergattin, die sich von einem Sender wie dem Ihrigen dafür einspannen lässt, zwischen vielen anderen Aufklärungs- und Dokusendungen, die Titel wie ,Grenzenlos Geil‘ oder ,Sex vor der Kamera‘ tragen, das Thema Kindesmissbrauch als Reality-Krimi-Soap zu präsentieren? Das ist nicht Ihr Ernst, dass Sie die arme Frau jetzt als Argument vorschieben. Die ist doch selbst ein Opfer der Fernsehverdummungsgeneration.“

„Werden sie nicht frech! Das ist eine sehr ehrenwerte Frau. Und Werbung machen wir in der Sendung auch nicht.“

„Ach so, Sie sind also auch noch gemeinnützig. Sie widern mich langsam richtig an. Wenn wir das hier nicht aufzeichnen würden, um Sie bloßzustellen, dann würde ich Ihnen an dieser Stelle ins Gesicht spucken. Und ich bin wohl nicht der Einzige, der dieses Verlangen hat.“

„Das ist so typisch deutsch. Wenn einer ein mutiges Format entwickelt, wird er gleich nach der ersten Sendung von allen in den Dreck gezogen.“

„Mutiges Format? Und was ist das hier?“

Bangs tippt in sein Notebook, klickt zwei Mal, dreht den Screen dann in die Richtung des Produzenten. Ein Video läuft.

„…“

„Ist das nicht eine amerikanische Sendung, die Sie einfach nur kopieren? Eine Sendung, von der der britische TV-Kritiker Charlie Brooker sagt: When a TV show makes you feel sorry for potential child rapists, you know it’s doing something wrong?“

„Von kopieren kann keine Rede sein! Das Thema hat nunmal wieder viel Brisanz gewonnen!“

„Und das machen Sie woran fest?“

„Naja, die Ministergattin. Und das Internet.“

„Aha. Weil die Dame kürzlich ein Buch geschrieben hat, um sich selbst ein bisschen in den Mittelpunkt zu stellen, weil man das als Ministergattin so tut, muss man jetzt eine ekelerregende Sendung machen, die niemandem nützt außer Ihrer Geldbörse? Aber geht‘s nicht auch darum, dass Íhnen die Felle wegschwimmen wegen diesen neuen Medien und Sie auch deswegen ein bisschen mit Angst, Sex, Internet und Gewalt Quote und Stimmung gleichzeitig machen wollen? Passt ja auch, wo jetzt gerade der Facebook-Film ziemlich erfolgreich anläuft und die StreetView-Debatte noch präsent ist. Die Netzgemeinde schaltet außerdem bestimmt ein, diese Bloggertypen brauchen doch Themen, über die sich aufregen können, das haben Sie sich doch dabei gedacht, oder?“

„Facebook verkauft seine Userdaten. Da sind auch die Daten von Kindern dabei.“

„Woher haben sie denn diesen Mist?“

„Naja, die Verbraucherschutzministerin…“

„Politik und TV. Das scheint mir die neue Achse der Desinformation und Verblödung zu werden. Was mich eigentlich wirklich interessiert: Stellen Sie sich so dumm oder glauben sie diesen Mist wirklich, den sie da unkontrolliert in die Hirne der Leute streamen? Es wäre spannnend, das zu wissen, denn in letzterem Fall wären sie mit ein bisschen Aufklärung durchaus heilbar. Andersrum sind sie einfach ein perfides Arschloch.“

„…“

„Weiß Ihre Frau eigentlich, was sie da tun?“

„Lassen Sie meine Frau aus dem Spiel!“

„Weiß ihre Frau, was für Sendungen sie produzieren? Würden Sie diesen Dreck eigentlich selbst gucken? Was bringt einen erwachsenen Mann dazu, soetwas beruflich zu machen?“

„…“

„Warum reden Sie denn jetzt nicht mehr mit mir? Würden Sie diesen Dreck selbst gucken, den Sie produzieren? Was bringt einen erwachsenen Mann dazu, solche Sendungen zu machen? Warum beleidigen Sie denn die Intelligenz Ihrer Zuschauer?“

Der Mann steht auf und verlässt den Konferenzraum. Er verbirgt sein Gesicht weiterhin hinter dem Aktenordner.

„Ja, laufen Sie nur weg. Aber vor sich selbst können Sie nicht weglaufen. Und vor den Leuten, die inzwischen zum Glück etwas klüger geworden sind und sich nicht mehr kritiklos jeden Müll reinziehen, den ihnen das Fernsehprogramm vorsetzt, auch nicht.“

„Tatort Fernsehen“ ist ein fiktives, aber leider sehr realitymäßiges Format, das sich mit der fortgesetzten Beleidigung der Intelligenz der eigenen User durch die alten Medien auseinandersetzt. Unser erklärtes Ziel ist es, die konsequent vorangetriebene Verdummung ganzer Bevölkerungsschichten (sogenanntes ,Erteelling‘), die sich mangels Recherchekompetenz und -möglichkeiten kein eigenes Bild machen können, zu stoppen und zu einem Straftatbestand erklären zu lassen.


Come Home And We’ll Forget All About It (2010)

comehome - raventhird.de


Exi(s)t (2010)

exist - raventhird.de