Kopfgeburt

Man hangelt sich von Tag zu Tag:
Es sind die kleinen Spinnereien, die zählen.


Cartoon

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NeuRosen (XLII)

Ich bin der perfekte Gast für jede Party. Ich komme, trinke perfekt viel, nicht so viel, dass ich nicht kotzend in der Ecke liege, aber soviel, dass ich die perfekten dummen Sachen mache, die perfekt vor der Grenze zur Peinlichkeit enden und nie jemanden persönlich verletzen, aber die perfekten Andekdoten sind.

Ich bin der perfekte Mitarbeiter. Ich bin da und arbeite, wann immer man mich braucht, egal ob ich eigentlich Zeit habe oder nicht, egal wie viel Uhr es ist, egal ob Wochenende oder Feiertag. Ich sage fast nie “Nein” zu irgendetwas und wenn ich es tue, dann ist es immer nur ein “Nein”, dass so lange gilt, bis ich wieder auch nur eine einzige freie Minute habe, um die vergangenen “Neins” aufzuholen.

Ich bin der perfekte Schreiberknecht. Ich schreibe perfekte Texte für viele verschiedene Menschen, von denen ich kein oder nur wenig Geld bekomme, ich schreibe, weil ich mein Schreiben perfektionieren will und hasse mich selbst dafür, wenn meine Worte aufgrund des oft vorhandenen zeitlichen Drucks auch nur ein kleines bisschen unperfekt werden.

Ich bin der perfekte Photograph. Ich mache die perfekten Bilder von den perfekten Events und auch wenn die Situation, in der ich photographieren soll, noch so schwierig ist, bemühe ich mich darum, dass das Ergebnis so perfekt wie nur möglich wird. Ich stelle nur die perfektesten von diesen Bildern in dieses Blog, dass ich so oft wie nur irgendwie möglich mit Updates versorge, die perfekt die Balace zwischen Bildern und verschiedenen Texten halten sollen.

Mein soziales Verhalten ist so perfekt, dass ich, aus Angst davor, etwas Dummes zu sagen oder etwas, das gegen die Einstellung von irgendwem gehen könnte, oft lieber einfach nur schweige.

Und wenn ich dann nach Hause zu Dir komme und nicht wenigstens dort ein bisschen unperfekt sein darf, dann halte ich mich irgendwann selbst nicht mehr aus.


Instant Poetry (XCII)

Zinsvermaust durch’s wilde Querfeldein:
Es ist ein Jammer mit all den schmucken Sternen.


It’s All About Complex Thinking (2008)

complexthinking


Flohmarktbriefe (V)

Friedrich ‘Fritz’ Ritter an Maria ‘Mietze’ Priester, 14.Juli 1921

Liebes Mährichen!

Sei bedankt für die nahrhafte Seelenspeise, die Du in Form der vielen guten Briefe mir bisher so Darbenden dargereicht hast. Mit Deinem lieben Zeilen zum Sonntagmorgen gabst Du dem Feiertag fürwahr den rechten stimmungsvollen Auftakt. Welch schöne Dinge sprichst Du da aus, und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, sagt man. – Auch die Ansichtskarte erfreute mich nicht wenig. Unsere in Aussicht genommene Wohnung liegt ja allerliebst, so hübsch frei. Sie hätte auch nach hinten hinaus gehen können, mit dem Blick über düstere von Grundmauern umschlossene Höfe, in denen sich Ferkel lebensfroh die Misthaufen herniederkugeln und Kettenhunde vor ihrer Hütte melancholisch wimmernd sich das Fell bearbeiten. Mit diesem Hinweis drücke ich nicht etwa einen Wunsch aus, dessen wahrscheinliche Nichterfüllung ich beklage. Ich meine nur, unter Umständen, gegebenenfalls, eventuell, wenn sich nichts besseres hätte finden lassen, wären wir doch gezwungen gewesen… Kannst Du mich denn nicht verstehen, liebe Mähri?

Jedenfalls danken wir Deine Frau Mama nocheinmal recht herzlich für ihren Freundschaftsdienst. Bei dieser Gelegenheit frage ich Dich gleich noch einmal, ob Du dazu „kamst“, nachzuforschen, ob wir gegebenefalls schon Anfang nächsten Monats das Quartier beziehen könnten. Um es aber zu wiederholen, es handelt sich vorläufig nur um eine unverbindliche Anfrage, da die Stellungnahme meines Vaters zu der Reiseverlegung noch nicht hiesigen Ortes bekannt ist. Würden wir denn übrigens jederzeit nicht zu teuere Wohnungen finden können, falls wir auf die Gelegenheit verzichteten?

In den letzten Tagen nahm die „Geselligkeit“ bei uns einen für unsere Verhältnisse sehr breiten Raum ein. Erstens kam da ein Bekannter meiner Angehörigen aus Düsseldorf, der hier geschäftlich zu tun hatte und uns bei dieser Gelegenheit Grüße überbrachte. Auf Geheiß meines Vater sollte ich besagtem Herrn in Breslau als Führer dienen. Ich tat also und wurde von ihm dafür zu einem „Weinabend“ in einem Lokal geladen, dessen Pforten sich nur denen öffnen, die mit goldenen Fingern anzuklopfen in der Lage sind. Man braucht noch keine Veranlagung zum Wüstling zu haben, wenn man bei dem Besuch einer solchen in ihrer äußeren Aufmachung ansprechenden Stätte Wohlbehagen empfindet. Wir saßen im Garten, der nach den Anlagen am Stadtgraben zugelegen, in viele reizende voneinander getrennte Plätzchen zerlegt ist. Auf den weißgedeckten Tischen dufteten Blumen, die in schlanken Vasen standen und aus dem Pokale duftete die Blume des Weines mir lockend entgegen. Südwein, für dessen Süßigkeit ich einen kleine Schwärmerei besitze! Freilich war es bislang meistens eine Schwärmerei aus der Ferne. Es ist nur Eines was die Süße eines von der Mittelmeersonne geglühten Weines übertrifft: Die Lippen meiner – Urgroßmutter [Anmerkung des Abtippers: Fritz will Humor zeigen - Es gelingt nur bedingt]. Zu unserem Haupten wölbte sich da üppige Blätterdach stattlicher Ahornbäume, das von dem Licht der darin verborgenen Glühkörper in goldgrünen Schimmer sanft erglänzte. Es war recht stimmungsvoll. Nur etwas entbehrte ich – wiederum meine Urgroßmutter [Anmerkung des Aptippers: Jaja, ist ja gut jetzt]. Ich vermisste sie umso mehr, als das „girrende“ Lachen und Augengefunkel, das aus den lauschigen Winkeln in unserer Nachbarschaft hervordrang, unzweideutig bewies, das gar viele solcher Matronen hier ihre „Lieblingsenkel“ versammelt hatten, um edlen Familiensinn zu pflegen. An derartigen Orten kann man in der Tat, seine „Studien machen“, wie man zu sagen pflegt. So saß neben uns in trautem „tet-a-tet“ ein Paar, das unversehens von einem hinzutretenden aufgestört wurde. Man schien sich kennen, machte ziemlich berührte Gesichter. Deutlich erkennbar, war es eine für alle Teile unliebsame unverhoffte Begegnung. Es erfolgte eine Vorstellung, aus der für den Lauscher hervorging, daß beide Damen verheiratet und ihre Kavaliere nicht ihre „angetrauten Männer“ waren.

- Ich wurde im Augenblick unterbrochen, kann heut nicht fortfahren, wie ich wollte u. schicke daher das Geschriebene schon ab.

Deinen innigen Kuß erwidert Dir mit einem Dutzend Dein Fritz.

*Orthographie, Interpunktion und Paragraphen wie im Original. Das Copyright an diesen Texten liegt bei dem aktuellen Besitzer (dem Autor dieses Blogs). Anm. des Transkribienten.


Instant Poetry (XCI)

In breite Luftstreifen verwandeltes Tanzen.


In eigener Sache: Ausstellung

Die Ausstellung “Vielfalt Digitaler Kunst” in der Kunstlege Hohenegg startet am 1. Mai. Ich bin unter den ausstellenden Künstlern. Wer kommen will oder sowieso in dieser Gegend wohnt, ist hiermit herzlich eingeladen =). Einen (digitalen) Flyer gibt es hier.


Butterfly (2007)

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Metareflexion, yeah! (XXVII)

Audienz (I)

„Mit so einem Bockmist brauchst Du mir gar nicht ankommen. Wirf das weg.“ – „Willst Du mich verarschen? Ich dachte, wir wären Freunde?“ – „Sind wir auch. Aber das heißt nicht, dass ich solchen Schmutz in irgendeiner Form loben werde. Ich beurteile ein Kunstwerk nicht nach dem Künstler. Sorry. Und außerdem entspricht das so gar nicht Deinem Stil.“ – „Na ja, es ist halt ein Experiment. Du sagst doch immer, dass man ständig experimentieren und sich nicht festlegen soll.“ – „Experimentieren heißt doch nicht: Lizenz zum Scheiße bauen. Wenn Du Scheiße bauen willst, dann bau Scheiße. Aber behalt sie für Dich und drück sie mir nicht als mit dem billigen Alibi ‚es war doch ein Experiment’ in die Hand. Auch ein Experiment muss durchdacht sein. Und nur weil es ein bisschen originell ist, brauchst Du nicht glauben, dass niemandem zumindest unterschwellig auffallen wird, wie technisch mangelhaft es durchgeführt wurde.“ – „Du machst mich fertig. Du beleidigst meine Arbeit.“ – „Oh, jetzt komm mir bloß nicht so. Den unverstandenen und sensiblen Künstler spielen wir nicht untereinander. Wir spielen den nach außen, weil wir wollen, dass die Leute uns für feinfühlige Genies halten. Wir wissen, dass es eigentlich bloß harte Arbeit ist. Metaphysisch aufgeladenes Handwerk, wenn Du es eleganter ausgedrückt haben willst.“ – „Ich bin kein Handwerker. Ich bin Künstler. Das ist etwas grundlegend anderes.“ – “Zwei Dinge will ich Dir sagen. Erstens: Nein. Es sind zwei Ausdrücke für dasselbe. Und zweitens: Nur weil ein paar hundert Leute am Tag auf Deine kleine Internetseite gucken, bist Du noch kein Künstler. Guck mich an: Ich hab so was nicht, ich brauche nichtmal einen beknackten Computer. Ich bin Künstler, weil ich es lebe und weil ich hart an meinem Zeug arbeite. Merk Dir das. Und jetzt verschwinde und komm mir nie wieder mit irgendwas an, das Du derart gedankenlos hingerotzt hast.” – „Ja, Meister.“


Review: Gavin Rossdale – ‘Love Remains The Same’ (Song)

Viele stürzen tief ab, einige noch ein Stückchen tiefer: Nachdem Gwen Stefani die Umwandlung von der durchaus talentierten Rock-Sängerin bei No Doubt zur Möchtegern-Madonna mit diversen stylishen HipHop-Produzenten im Gepäck so halbwegs gut überstanden hat und dabei künstlerisch wenigstens nicht komplett in die Bedeutungslosigkeit gefallen ist, macht ihr Ehemann Gavin Rossdale, früher Sänger bei der von vielen respektierten (Post-)Grunge-Gruppe Bush, vor, wie man es noch konsequenter durchzieht mit dem Respektverlust in Sachen ‘ernsthafter Künstler’.

‘Love Remains The Same’ ist eine Tralala-Ballade, die gut und gerne in jedem Supermarkt oder Firmenhochhausfahrstuhl Deiner Wahl laufen könnte und mit ein paar möglichst weit nach hinten gemischten Alibi-Gitarren unverschämterweise auch noch so tut, als würde sie in irgendeiner Form an Institute- oder Bush-Zeiten anknüpfen. Und wenn man den Trailer zum kompletten Album “Wanderlust” auf youtube ansieht, dann steht durchaus zu befürchten, dass das hier nur der Anfang des Schreckens war. Rossdale entlarvt sich endlich als das, was einige schon länger vermutet haben: Ein zweiter Scott Stapp, der für ein paar wilde Jahre den Cobain gespielt hat, jetzt aber doch lieber ein bisschen Kohle einsacken will, um seinem Frauchen in nichts nachzustehen. Wuff.

3 von 10 Punkten.


Skeleton Dance (2008)

skeleton-raventhird.de


Review: Ashes Divide – “Keep Telling Myself It’s Alright”

Da sind sie wieder, diese merkwürdig-atonalen Gitarrenriffs, zwischen denen sich (alp)traumartige Melodien hervorwinden. Billy Howerdel, früher der eher im Hintergrund waltende Chef und Hauptsongwriter von A Perfect Circle, macht endlich wieder Musik und er hat eine neue Band namens Ashes Divide. Wobei ‘Band’ eigentlich nicht das richtige Wort ist, denn bis auf das Schlagzeug, das von Drumgott und Workaholic Josh Freese eingespielt wurde und ein paar Cello-Melodien von Devo Keenan, dem Sohn des A Perfect Circle- und Tool-Sängers Maynard James Keenan, hat Billy Howerdel auf dem Debüt “Keep Telling Myself It’s Alright” alles alleine gemacht. Sogar den Gesang.

Wer sich jetzt Sorgen darüber macht, ob die stimmlichen Fähigkeiten des vor seiner eigenen Karriere als Gitarrentechniker bei einigen sehr namhaften Acts (genannt seien hier nur David Bowie, The Smashing Pumpkins, Nine Inch Nails, Guns N’ Roses und Tool) tätigen Mannes dazu ausreichen, denkt grundsätzlich in die richtige Richtung: Es ist gewöhnungsbedürftig, ihn am Mikrophon zu hören, aber das liegt weniger daran, dass er schlecht singen würde (im Gegenteil klingt er sogar erstaunlich gut), sondern an seiner stimmlichen Nähe zu eben jenem Keenan, die dadurch noch zusätzlich betont wird, dass er natürlich auch hier wieder diese extrem eigenwilligen, sphärischen Melodien schreibt. Bei mehr als einem Song stellt man sich vor, wie dieser mit der alten Besetzung klingen hätte können.

Das Album ist viel zahmer als man vermutet. Schon der Opener ‘A Wish’ erinnert eher an die ruhigen Songs eines Trent Reznor als an die doch sehr oft riffbasierten APC-Tracks. Im Verlauf der Platte bekommt der Zuhörer diverse Midtempo- und Downtempo-Tracks serviert, die man nicht wirklich Balladen nennen will: Gespenstisch-depressive Stücke wie das herausragende ‘Stripped Away’ geben akustikgitarrenbasierten Songs wie ‘Forever Can Be’ die Klinke in die Hand, die absurderweise wie die invertierte Version von Stadionrockballaden klingen. Dass er das Rocken grundsätzlich aber nicht verlernt hat, demonstriert Howerdel auch: Die erste Single ‘The Stone’, etwas eingängiger als der Rest der Platte oder der großartige Sechseinhalbminüter ‘Sword’ wecken Erinnerungen an die Zeit von “Thirteenth Step” und gehören zu den Highlights dieses Albums.

Der große Pluspunkt von “Keep Telling Myself It’s Alright” ist in jedem Fall die Gitarrenarbeit. Was der Glatzkopf hier präsentiert, ist mehr als bemerkenswert: Es klingt nicht nur hochmodern, düster und sehr organisch, sondern vor allem weiterhin so originell, wie man es von ihm bereits gewohnt ist. Auf der anderen Seite muss mal aber auch konstatieren, das eben jene Gitarren zu oft zu sehr im Zaum gehalten werden und bei zu vielen der Kompositionen hinter einer doch deutlich bemerkbaren Elektronik, die auf dem Album omnipräsent ist, aber nie den Fluss stört, zurücktreten. Zwei oder drei härtere Songs hätten in jedem Fall mehr als gut getan und die über weite Strecken sehr introvertiere Atmosphäre der Platte, die an “Adore” von den Smashing Pumpkins heranreicht, auf ein erträglicheres Maß zurechtgestutzt.

“Keep Telling Myself It’s Alright” ist trotz einiger deutlicher Schwächen eine spannendes, visionäres Modern Rock-Album mit einer handvoll Ausnahmesongs, das einige Zeit braucht, um seine Wirkung zu enfalten, sich dafür aber dann umso fester in den Gehörwindungen festsetzt.

7 von 10 Punkten.