Nanoskop (IV)

Qualitätskriterium: Wenn Webseiten so kleine weiße Felder haben, in die man immer wieder neu was reinschreiben kann, dann mag ich die. / To Do: Vergessen, wie der Hase läuft. / “Nee, lieber nicht, das ist mir echt zu physisch.” / Punkt, Punkt, Komma, Strich – fertig ist das orthographische Carepaket für Dich. (bitte die Ausrufezeichen zurücksenden!!!) / Mobiliarkritik: Egale von Ikea. / Dieser Himmel enthält Content von Sonne und ist in Deiner Stadt nicht verfügbar. / “Warum bist Du eigentlich immer so mies drauf?” – “Weil ich Deine Scheißfrise verdrängen will, Alter.” (80er und 90er im Dialog). / Das Bezauberndste an Dir ist, dass Du auf eine positive Art so nostalgisch bist, wie ich es nie sein wollte. / Verschließe die Augen vor den kurzsichtigen Handlungen meines inneren Kamikazepiloten. / Friseurphantasie “Kammshot”. / Ich will mit Dir aus der Reihe tanzen, auf die wir nichts bekommen.


Hand in Hand.

Die Frau von der Tankstelle hat eine Phobie, die mit Händen oder Berührungen zu tun hat. Ich habe es lange beobachtet. An manchen Tagen trägt sie Handschuhe und kommt so gar nicht erst in Gefahr, die Hand eines Kunden berühren zu müssen. An den Tagen, an denen das nicht der Fall ist, versucht sie alles, um zu vermeiden, dass ihr die Menschen, die bezahlen wollen, das Geld direkt in die Hand geben. Sie tut dann so, als würde sie irgendetwas an der Kasse eintippen oder geht einen Schritt zurück, damit man die Münzen oder Scheine auf den kleinen gläsernen Geldtresen (haben diese Dinger eigentlich einen Namen?) legt und das Wechselgeld legt sie auch dorthin, selbst wenn man zögerlich die Hand aufhält. Wenn man es darauf anlegt und die Handfläche über das Ding ohne Bezeichnung hält, so dass sie nicht anders kann, dann nähert sie sich mit ihrer Hand erst ganz normal der eigenen Handfläche, um die Münzen im letzten Augenblick zu werfen und ihre Hand schneller als ein gewöhnlicher Mensch wieder zurückzuziehen. Wenn man nicht darauf achtet und nichts weiß von den Handschuhen und von dem Geldtresen, dann wirkt es fast ganz normal, wie sie das Wechselgeld reicht, aber wenn man die Sache einmal bemerkt hat, dann kommt man nicht umhin, immer wieder den Eindruck einer Fütterung einer bissigen Schlange zu haben. Sie muss sehr viel Übung in dieser Bewegung haben, denn ihr fällt dabei nie eine Münze daneben.


Nanoskop (III)

Unrealistische Vorstellungen haben mir einen fatalen Hang zum geschriebenen Wort vermittelt. / Dn slktv Whrnhmng ktzt mch n. / Kleine Mitbringsel aus dem Wortschatzland: Gesinde, Abgunst, Lotterbube und die Krawallbrause. / „Lass es mich positiv formulieren: Du bist der Fels auf meinem Dancefloor!“ / Hermes: Typ, der das Fersengeld ins Tuning investiert hat. / Wie in so vielen Fällen wurde durch inflationäre Nutzung aus 1337 eines Tages auch 0815. / Journalist: Mensch, der im Blätterwald etwas anzettelt. / Bis zu meiner eigenen Unbeweglichkeit verstrickt in Deinem Wortnetz. / Betreff: „Schreibblockade“ Nachricht: „20000 Zeichen unter dem Gar-nicht-mehr (<3)“ / Von Silben befallen. / Mein Blendlaternchen. Verlorenes Lächeln, wirres Haar, beruflich Tendenzieuse. / Hätten die Leute nicht ein Aussehen, dann könnte man 95% gar nicht voneinander unterscheiden.


Nanoskop (II)

Sich verstricken lassen. Wie Wolle. / Ich erinnere mich gerne an meine nostalgischen Zeiten, zum Beispiel damals, als ich immer nur an früher dachte. / „Ich google schon wieder die Symptome von Hypochondrie. Fuck, es passt alles so verdammt gut zusammen.“ / Seelenverwandtschaftsbesuch. / Die einzige Möglichkeit, Dich für immer zu haben ist es, Dich zu verfassen. / To Do: Hula Hoop mit Augenringen, Haarmäuse klassifizieren und völlig ziellos Pläne schmieden. / Subtile Komplimente: Unter Deinem Niveau fliegen locker Flugzeuge durch. / Herbstgemüth (ganzjährig). / „Mach endlich ein paar Schritte vorwärts, und wenn es nur dem Zweck dient, auszuschließen, dass der feste Boden in Wahrheit Treibsand ist.“ / Pfandflaschenorakel: Alles im grünen Bereich.


Danach.

Ich bin instabil, drehbar gelagert, schattengierig. Deine Augen blicken auf meinen Mund. Wir schwimmen im Kreis und interessieren uns nicht für die Hände und die Beine und die Körper und die Köpfe der Menschen um uns herum, denn es zählt nur der Moment, der Moment des Hier und des Jetzt. Du bist zerbrechlich, stehst dennoch auf betoniertem Boden, bietest Halt in Deiner eigenen Haltlosigkeit. Ich verachte uns beide für unsere Fehler, Du liebst uns für das, was wir zusammen sind und diese beiden unterschiedlichen Blickwinkel auf dieselbe Sache treffen sich im Gewimmel dieser Nacht, verknoten sich heillos ineinander und formen Dinge, die ohne jeden Zweifel über die Gegenwart hinaus reichen.

„Ich bin schon spät dran, ich muss langsam mal los“, sage ich. Und dann gehe ich weg. Wir werden uns nicht wieder begegnen.


Nanoskop (I)

Buchstabenzähne, in unbeschriebene Blätter verbissen: Dieses hungrige Wir. / “Wenn Du glaubst, dass es Dir schlecht geht, dann stell Dir einfach kurz vor, Du wärst Céline Dion.” / Tausendjahrfarbene Zeitnarben. / “Zauberhaft, dass Du auch Retro-Farben und Vignettierung liebst.” – “Vignettwas? Ich mach die Bilder mit ner App, die ist voll beliebt!” / Die Einsamkeit hat mich umzingelt. / “Am Gleis 2 fährt ab: Resignation. Falls Sie das nicht interessiert, haben Sie die Anschlussmöglichkeit Gleichgültigkeit in egal Minuten.” / “Die Oper war mein zweites Standbein!” (Phantomschmerz) / Urst geil: Vokuhila Oliba. / Hinter jedem erfolgreichen Gamer steht ein dreiköpfiger Affe. / Nach meiner letzten Delphintherapie nahmen sich die meisten der Tiere das Leben.


Freier Fall.

Der Wunsch hatte ihn über Jahre gemartert. An dem Tag, an dem die Sterne vom Himmel fielen, setzte Nicolas zum ersten und letzten Mal einen Fuß auf das Stück Erde, das ihn jeden einzelnen Tag beschäftigt hatte, seitdem seine Tochter gestorben war. Er war noch kein alter Mann, aber die Zeit, in der er sich beim Anblick von jungen Frauen ernsthafte Chancen ausmalen konnte, war lange vorbei. In den letzten Jahren hatte etwas von ihm Besitz ergriffen, dass er selbst „die Mauer meines Turms“ nannte.

Ich wies ihn wiederholt darauf hin, dass ein Turm in der Regel identisch mit der Mauer war, dass Türme also selten zusätzliche Mauern hatten, außer als Bestandteile einer Burg, und nannte es für mich eine Post-Depression. Er war gewissermaßen über eine permanent-krankhafte Traurigkeit hinweg gekommen, nicht indem er etwas dagegen getan hätte oder indem er die Gleichgültigkeit als Ausweg gewählt hätte, sondern indem er das Gefühl zu einem Teil seiner Persönlichkeit hatte werden lassen, es akzeptiert hatte, als ob es ein ganz natürlicher Zustand wäre. Keine Verzweiflung mehr, keine Flucht in exzessiven Konsum von Rauschmitteln und keine Tage, in denen er, unfähig, sich der Welt, die er in größeren Teilen zutiefst verachtete, zu stellen, sein eigenes kleines Reich bestehend aus Haus und Garten nicht verlassen konnte. Er lebte einfach weiter, als ob es das normalste der Welt wäre, mit einer ausgewachsenen Depression zu leben und er machte damit keine schlechte Figur, meistens machte er, obwohl ich das ungern zugebe, sogar eine bessere als ich selbst. Zumindest schien das aus meiner Sicht so. Natürlich kaschierte er im Alltag (eher unbewusst als bewusst) seinen Zustand mit einer Schicht Sarkasmus, die dick genug war, um die zufälligen Begegnungen und kurzfristigen Bekannt- und Liebschaften nicht wirklich etwas von sich sehen zu lassen, aber er verheimlichte auch nie aktiv Dinge, wenn man ihn ausdrücklich genug fragte.

Nur diese eine Sache hatte ihn nie losgelassen, und jetzt, als wir endlich hier angekommen waren, stand er nur da, warf einen kurzen Blick hinunter auf den Wald und sagte: „Es sind nur Scheißbäume, Michael. Es sind einfach nur Scheißbäume.“ Sein Blick wanderte zu mir und für den Moment, in dem wir uns ansahen, hatte ich das Gefühl, mit einem grenzdebilen Idioten unterwegs zu sein. Ich sagte: „Ja“, und dann fuhren wir die vierhundert Kilometer zurück, ohne dass er ein weiteres Wort darüber verlor. Ich weiß nicht, was er sich dort zu finden erhofft hatte, auch wenn wir im Vorfeld lange darüber diskutiert hatten. Ich wusste zumindest, dass wir nicht hierher gekommen waren, um eine Lösung seiner Probleme oder Ähnliches (er würde nicht davon sprechen, Probleme zu haben, das war nicht sein Verständnis von Dasein) zu finden, aber irgendetwas hatte er doch erwartet, das konnte ich in der verächtlichen Art lesen, mit der er mir den Satz über die Bäume zweimal vor die Füße gespuckt hatte. Und ich hatte auch etwas erwartet. Der Mann war mein bester Freund, aber ich war mir nie sicher, ob er in der Lage war, etwas wie Freundschaft in meinem Sinne zu empfinden. Natürlich konterte er solche Äußerungen in der Regel mit der Aussage, dass niemand in der Lage wäre, Gefühle in Worte zu fassen oder die Emotionen eines Gegenübers nachzuvollziehen, was schlussendlich auch den Erfolg von Literatur und Musik im Allgemeinen ausmachen würde, nämlich genau diese natürliche Barriere zwischen Menschen einzureißen, aber ich kaufte ihm nie ganz ab, dass er wirklich so dachte. Es war nur ein Stein aus seinem Turm, den er mir da ganz unschuldig als eines seiner inneren Organe getarnt vor die Nase hielt, wie er es oft tat, um mit diebischer Freude zu beobachten, wie ich den Köder von allen Seiten inspizierte und schließlich entweder schluckte oder zur Seite fegte. Ich fasse das nicht als bösen Willen von ihm auf, dieses kleine Theaterstück gehört einfach zu unseren in Laufe der Zeit gewachsenen Ritualen. Ich bin sein Freund und ich bin keiner von diesen Schwachköpfen, die man heute leider immer öfter trifft, die dieses Wort an der Quantität von Zeit, die man miteinander verbringt oder noch schlimmer, an gemeinsamen Erlebnissen und Gesprächen festmachen. Freundschaft ist viel mehr eine Art von Zuneigung, die der Liebe sehr ähnlich ist, wenn man es genau betrachtet, und genau wie die Liebe entzieht sie sich unserem eigenen Willen. Man kann sich von Leuten fernhalten, die einem objektiv oder subjektiv eher schaden als nützen, ihnen die Freundschaft kündigen (der Begriff ist falsch, es ist kein Vertrag, der geschlossen wird), aber schlussendlich kommt man auch in diesem Falle nicht umhin, um sie zu trauern, wie um eine verlorene Liebschaft.

Auf der Rückfahrt hatten wir einen Unfall. Der Fahrer eines Autotransporters, der sieben nagelneue Mercedes gehobener Klasse (ich kenne die genaue Typenbezeichnung nicht, aber sie wissen, was ich meine, diese schwarzen, großen Schlitten, die von Politikern gefahren werden) mit sich führte, bekam in seiner Kabine bei zu hoher Geschwindigkeit und vermutlich in Folge jahrelangen Alkohol- und Zigarettenkonsums gegen die Sorgen des Fernfahrerdaseins einen Schlaganfall, verlor die Kontrolle über seine grundlegenden motorischen Fähigkeiten (ein relativer dümmlicher und unabsichtlicher Wortwitz, der mir in diesem Text erst bei der zweiten Korrekturlesung auffiel) und rammte direkt neben uns ungebremst einen Brückenpfeiler. Wir überlebten mit ein paar leichten Verletzungen, auch wenn einer der Wagen, die durch den Aufprall heruntergeschleudert wurden, kopfüber direkt vor unserem alten Ford auf der Fahrbahn landete. Nicolas erzählte mir später, dass er genau diesem Moment das Gefühl hatte, mit sich und der Welt absolut im Reinen zu sein und dass es genau deswegen vielleicht das Beste gewesen wäre, wenn dort für ihn alles geendet hätte. An einem Abend zwei Monate danach, an dem wir beide deutlich zu viel Akohol konsumiert hatten, fing er sogar an, mich dafür zu beschimpfen, dass ich dem herabfallenden Wagen ausgewichen war, er beschuldigte mich auch, den Turm um ihn eigentlich erst errichtet zu haben. Ich kam zu dem Schluss, dass das nur wieder einer seiner mir vor die Nase gehaltenen Steine war. Was sollte ich auch sonst tun?


Sichtfeld.

„Du könntest mit Deiner Meinung hinter mir stehen wie ein Spiegelbild.“

„Spiegelbilder stehen doch in der Regel eher vor der zu spiegelnden Person.“

„Nicht, wenn man ihnen den Rücken kehrt.“

„Gibt es wirklich ein Spiegelbild, wenn man nicht hinein sieht?“

„Ist das eine philosophische oder eine physikalische Frage?“

„Ich glaube beides. Also selbst wenn die Frage physikalischer Natur wäre, könnte man durchaus über sie streiten. Sie wäre wohl auch eher biologisch. Abbilder der Realität entstehen bekanntlich ja auf der Netzhaut des Betrachters.“

„Du denkst in die falsche Richtung. Was glaubst Du eigentlich, was wir mit dieser Meinung vorhaben?“

„Wir werden sie vertreten.“

„Und wo?“

„Vermutlich vor Jemandem.“

„Richtig. Und er wird uns gegenüberstehen. Also sieht er meine Meinung und Deine meine Meinung spiegelnde Meinung.“

„Ist dann der Spiegel überhaupt noch notwendig? Wenn er vor uns steht, sieht er sowieso uns beide.“

„Es ist nur eine Metapher.“

„Ich weiß. Ich will es aber trotzdem ausdiskutieren.“

„Natürlich ist der Spiegel noch notwendig. Damit er auch sich selbst sieht. Und unsere Übermacht im direkten Vergleich.“


Nano (VII)

Du hast Pech im Glück? Lass mich raten: Da ist Liebe im Spiel.


Dreisam.

Er schreib ihr drei Briefe, dann schrieb er nicht mehr. „Buchstabenzähne, in unbeschriebene Blätter verbissen: Dieses hungrige Wir.“ Ein Wir, das nicht existierte, nie existiert hatte. Es gab bei genauerer Betrachtung der Umstände immer nur ihn selbst, und selbst das hätte ein fähiger Analyst mit etwas Zeit und mit dem entsprechenden Wissen um den in diesem Fall wohl notwendigen Fokus der Beobachtung höchstwahrscheinlich in Zweifel gezogen. Bernhard saß in seinem Sessel, zündete sich eine Zigarre an und guckte mich mit Augen an, die seinem Namen, der auf mich immer wie ein Name wirkte, den man einem behäbigen Tier geben würde, alle Ehre machten.

„Ich habe mich in der Tonart geirrt, das ist das Problem mit den Briefen, glaube ich“, sagte er und atmete langsam Rauch durch seine Nase aus. Er inhalierte Zigarren. Man sollte meinen, dass einen das umbringt, wenn man es ein paar Jahrzehnte praktizierte wie Bernhard, aber der Bursche war zäh. „Was willst Du eigentlich von mir?“, frage ich. „Lass mich nach Hause gehen. Ich kann Dir nicht mit Deinen Worten helfen. Was habe ich eigentlich verbrochen, dass ich mir das immer antun muss?“

„Erst, wenn Du verstanden hast, was ich Dir sagen will. Ich glaube, dass Du dann eine Lösung für das Problem findest. Du hast das bisher immer geschafft.“

Ich seufzte. Nicht, um ihm mitzuteilen, dass ich kapitulierte (er ging sowieso fest davon aus, dass ich ihm zuhören würde, die Ansage, dass ich gehen wollte, hielt er eher für eine Art inzwischen bedeutungslos gewordenes Ritual zwischen uns beiden, und vermutlich war es das wirklich), sondern eher als Notiz an mich selbst („Seufzer Nummer vierundzwanzig in einer Woche, Du musst Dein Leben ändern. Grundlegend ändern!“) und ließ ihn gewähren. Er öffnete die Schublade des Couchtisches, zog die Briefe und seine Lesebrille hervor, und begann damit, sie mir vorzulesen. Nach einiger Zeit verstand ich das Problem. „Du hast Dich nicht in der Tonart geirrt, Du hast Dich in der Zeit geirrt. Du schreibst ihr, als ob sie nicht mehr unter den Lebenden wäre“, sagte ich. „Zwischen den Zeilen klingt das immer wieder an. Natürlich ist das so, aber es passt nicht zusammen, Bernhard, die innere Logik dieser Briefe stimmt nicht, deswegen hast Du das Gefühl, dass sie so nicht funktionieren.“

Er guckte mich lange an, dann blickte er wieder auf die Papiere in seiner Hand. „Ich bin mir nicht sicher, aber Du könntest Recht haben“, sagte er. Anschließend drückte er die zu drei Vierteln aufgebrauchte Zigarre aus.  Der Rest blieb in dem Aschenbecher stehen wie ein untersetztes Ausrufezeichen. „Kannst Du bitte gehen? Ich muss einen Brief schreiben.“

Ich stand auf, ging in den Flur, zog meinen Mantel und meine Schuhe an und dann ging ich, ohne mich zu verabschieden. Drei Monate später hatte ich ein Paket im Briefkasten. Es waren knapp dreihundert Seiten und nachdem ich es zwei Mal gelesen hatte, war ich mir ziemlich sicher, dass es sein bisher bestes Buch war, obwohl ich ihn eigentlich schon lange in die Schublade derjenigen eingeordnet hatte, von denen nichts Brauchbares mehr zu erwarten war. Dieser Hurensohn hatte es noch einmal geschafft, mich richtig zu verblüffen. Und er hatte meinen Rat natürlich nur insofern befolgt, dass er das Problem explizit thematisierte. Ich grinste und ließ ihm Blumen schicken. Er würde sie dankend entgegennehmen und anschließend direkt in den Müll werfen, das wusste ich. Wir hatten unsere Rituale.


Tatort Fernsehen (I)

„Sie wissen, warum ich hier bin?“

„Wer zum Teufel sind Sie?“

„Ich bin investigativer Journalist.“

„Ach was? Ich auch.“

„Machen Sie sich nicht lächerlich. Sie sind eine schmierige Kröte, die sehr ernste Themen wie Kindesmissbrauch für trashige TV-Shows missbraucht.“

Zwei Frauen betreten den Raum und stellen sich hinter S.G. Bangs. Eine hält ein iPhone in der Hand und filmt damit den auf der anderen Seite des Tisches sitzenden Produzenten. „Für YouTube“, sagt sie. Der Produzent nimmt einen Aktenordner, der auf dem Tisch liegt, klappt ihn auf und hält ihn sich vor das Gesicht. Er schweigt lange. Dann sagt er:

„Das ist eine aufklärerische Tätigkeit.“

„Und Sie holen sich auch noch Schützenhilfe von Revolverblättern. Wo genau ist denn die aufklärerische Tätigkeit in einer Sendung, die möglichst gruselige Sex and Crime-Szenarios herbeiführen will und dann nur noch draufhält, um dem Zuschauer letztendlich zu vermitteln, dass das Internet irgendwie böse ist?“

„Na ja, wir zeigen… wir zeigen, was so passieren kann, wenn man im Internet unterwegs ist.“

„Sie stellen Fake-Profile von Kindern und Jugendlichen ins Netz und locken Leute darauf, um daraus maximal dramatisch ausschlachtbare Geschichten mit schnellen Schnitten und hysterischer Thriller-Musik zu basteln. Hinweise zum sicheren Verhalten im Netz kommen in ihrer Sendung überhaupt nicht vor. “

„Die Sendung an sich ist der Warnhinweis.“

„Der Warnhinweis wovor? Dass man sich besser nicht im Netz aufhalten und sich stattdessen lieber passiv von strunzdummen Realityformaten im TV auf der Couch berieseln lassen sollte?“

„Wir von Fernsehen haben wenigsten noch den Anspruch, den Leuten ein paar Werte zu vermitteln.“

„Werte? Der einzige Wert, den sie vermitteln, ist der, dass man mit reißerischer und billigster Aufmachung Leute vor den Bildschirm locken und die Quote erhöhen kann. Sie sind Abschaum.“

„Die Sendung hat prominente Fürsprecher.“

„Die CSU-Ministergattin, die sich von einem Sender wie dem Ihrigen dafür einspannen lässt, zwischen vielen anderen Aufklärungs- und Dokusendungen, die Titel wie ,Grenzenlos Geil‘ oder ,Sex vor der Kamera‘ tragen, das Thema Kindesmissbrauch als Reality-Krimi-Soap zu präsentieren? Das ist nicht Ihr Ernst, dass Sie die arme Frau jetzt als Argument vorschieben. Die ist doch selbst ein Opfer der Fernsehverdummungsgeneration.“

„Werden sie nicht frech! Das ist eine sehr ehrenwerte Frau. Und Werbung machen wir in der Sendung auch nicht.“

„Ach so, Sie sind also auch noch gemeinnützig. Sie widern mich langsam richtig an. Wenn wir das hier nicht aufzeichnen würden, um Sie bloßzustellen, dann würde ich Ihnen an dieser Stelle ins Gesicht spucken. Und ich bin wohl nicht der Einzige, der dieses Verlangen hat.“

„Das ist so typisch deutsch. Wenn einer ein mutiges Format entwickelt, wird er gleich nach der ersten Sendung von allen in den Dreck gezogen.“

„Mutiges Format? Und was ist das hier?“

Bangs tippt in sein Notebook, klickt zwei Mal, dreht den Screen dann in die Richtung des Produzenten. Ein Video läuft.

„…“

„Ist das nicht eine amerikanische Sendung, die Sie einfach nur kopieren? Eine Sendung, von der der britische TV-Kritiker Charlie Brooker sagt: When a TV show makes you feel sorry for potential child rapists, you know it’s doing something wrong?“

„Von kopieren kann keine Rede sein! Das Thema hat nunmal wieder viel Brisanz gewonnen!“

„Und das machen Sie woran fest?“

„Naja, die Ministergattin. Und das Internet.“

„Aha. Weil die Dame kürzlich ein Buch geschrieben hat, um sich selbst ein bisschen in den Mittelpunkt zu stellen, weil man das als Ministergattin so tut, muss man jetzt eine ekelerregende Sendung machen, die niemandem nützt außer Ihrer Geldbörse? Aber geht‘s nicht auch darum, dass Íhnen die Felle wegschwimmen wegen diesen neuen Medien und Sie auch deswegen ein bisschen mit Angst, Sex, Internet und Gewalt Quote und Stimmung gleichzeitig machen wollen? Passt ja auch, wo jetzt gerade der Facebook-Film ziemlich erfolgreich anläuft und die StreetView-Debatte noch präsent ist. Die Netzgemeinde schaltet außerdem bestimmt ein, diese Bloggertypen brauchen doch Themen, über die sich aufregen können, das haben Sie sich doch dabei gedacht, oder?“

„Facebook verkauft seine Userdaten. Da sind auch die Daten von Kindern dabei.“

„Woher haben sie denn diesen Mist?“

„Naja, die Verbraucherschutzministerin…“

„Politik und TV. Das scheint mir die neue Achse der Desinformation und Verblödung zu werden. Was mich eigentlich wirklich interessiert: Stellen Sie sich so dumm oder glauben sie diesen Mist wirklich, den sie da unkontrolliert in die Hirne der Leute streamen? Es wäre spannnend, das zu wissen, denn in letzterem Fall wären sie mit ein bisschen Aufklärung durchaus heilbar. Andersrum sind sie einfach ein perfides Arschloch.“

„…“

„Weiß Ihre Frau eigentlich, was sie da tun?“

„Lassen Sie meine Frau aus dem Spiel!“

„Weiß ihre Frau, was für Sendungen sie produzieren? Würden Sie diesen Dreck eigentlich selbst gucken? Was bringt einen erwachsenen Mann dazu, soetwas beruflich zu machen?“

„…“

„Warum reden Sie denn jetzt nicht mehr mit mir? Würden Sie diesen Dreck selbst gucken, den Sie produzieren? Was bringt einen erwachsenen Mann dazu, solche Sendungen zu machen? Warum beleidigen Sie denn die Intelligenz Ihrer Zuschauer?“

Der Mann steht auf und verlässt den Konferenzraum. Er verbirgt sein Gesicht weiterhin hinter dem Aktenordner.

„Ja, laufen Sie nur weg. Aber vor sich selbst können Sie nicht weglaufen. Und vor den Leuten, die inzwischen zum Glück etwas klüger geworden sind und sich nicht mehr kritiklos jeden Müll reinziehen, den ihnen das Fernsehprogramm vorsetzt, auch nicht.“

„Tatort Fernsehen“ ist ein fiktives, aber leider sehr realitymäßiges Format, das sich mit der fortgesetzten Beleidigung der Intelligenz der eigenen User durch die alten Medien auseinandersetzt. Unser erklärtes Ziel ist es, die konsequent vorangetriebene Verdummung ganzer Bevölkerungsschichten (sogenanntes ,Erteelling‘), die sich mangels Recherchekompetenz und -möglichkeiten kein eigenes Bild machen können, zu stoppen und zu einem Straftatbestand erklären zu lassen.


Zwischentöne.

„Ich wollte Dich doch anrufen. Es kam was dazwischen.“

„Was kam denn dazwischen?“

„Ich weiß nicht. Das Leben, wahrscheinlich.“

„Das Leben kommt immer dazwischen, oder?“

„Ja, ich schätze schon. Meinst Du, es gibt die Chance, dass zwischen uns keine Klamotten sind, wenn wir uns das nächste Mal sehen?“

„Ich schätze, das kommt sehr darauf an, was Du zwischenzeitlich so getrieben hast und ob Du Dir zwischen uns inzwischen mehr als keine Klamotten vorstellen kannst.“

„Das klingt wie ein Ja unter Vorbehalt.“

„Wahrscheinlich, weil es ein Ja unter Vorbehalt ist.“

„Lass uns treffen.“

„Das muss lass uns uns treffen heißen.“

„Lass uns einander treffen.“

„Wann und wo denn?“

„Keine Ahnung. Ich ruf Dich morgen an.“

„Falls nichts dazwischenkommt?“

„Genau.“


Nano (VI)

Schreiben, das ist Dinge aus dem Kopf zu verbannen in die Unsterblichkeit.