Paul & Christine – Concept Photography III

Eine Figur aus Paul und Christine


Paul & Christine – Concept Photography II

Eine Figur aus Paul und Christine


Paul & Christine – Concept Photography I

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Instant Poetry (CVIII)

Unter Wasser
ertrinken alle Worte.


Briefing (XIV)

Ich schreibe keine Abschiedsbriefe mehr, weil das Wort “Abschied” keinen Sinn hat, solange die betreffende Person nicht stirbt öder völlig von der Welt verschwindet. Ich meine, wir leben im Zeitalter von permanenter, digitaler Erreichbarkeit, oder? Ich kann Leute, die ich seit Jahren nichtmehr gesehen habe, jederzeit kontaktieren, wenn ich ihre Mailadresse habe. Wenn ich sie nicht habe, hilft in der Regel Google. Und wenn auch das nicht hilft, sind mindestens zehn andere Leute online, die wissen, wie man den Menschen erreicht, den man erreichen will. Ein Abschiedsbrief würde also nur Sinn machen, wenn ich sicher wüsste, dass ich den Menschen, dem ich diesen Brief schreibe, sicherlich nie wieder von mir aus kontaktieren würde und gleichzeitig sicher wäre, dass er mich nicht wieder kontaktiert und beides zugleich kann ich bei niemandem, dem ich kenne oder einmal kannte, ausschließen, wenn man von der einen Person absieht, die unter die im ersten Satz genannte Option fällt.

Was also schreibe ich dann? Einen „bis-dann“-Brief, wahrscheinlich. In drei Wochen ziehen wir hier weg. Unsere Wohnung ist wirklich schön. Liegt relativ zentral, ruhige, unspektakuläre Gegend. Wenn man von dort die paar Schritte zur U-Bahn-Station läuft, muss man eine Brücke über die Elbe überqueren, an der es ständig nach Kaffee riecht, weil in der Nähe eine Tschibo-Rösterei ist. Hamburg Hamm, einer der gefürchteten Ost-Stadtteile, wenn auch der bei weitem harmloseste. Ich habe Angst, wegzuziehen. Mein ganzer Freundeskreis, der bei weitem nicht so klein ist, wie man glauben würde, befindet sich in Bayern, in einem Radius von wahrscheinlich 200 Kilometern. Ich bin 26 Jahre alt und habe keine Berufserfahrung, dafür aber einen Haufen Schulden, die sich im Laufe meines Studiums angesammelt haben. Ich habe ein paar rudimentäre Talente, nicht wirklich in der Hinsicht ausgeprägt, dass man sie kommerziell nutzen könnte. Ich kann ganz gut photographieren, ein paar Grafikprogramme gut bedienen, ich habe im Laufe der Zeit einen eigenen Schreibstil entwickelt, ich bin in der Lage, zu beurteilen und schlüssig zu begründen, ob ein Film, ein Musikstück oder ein Buch brauchbar ist und wo es auf einer Skala von eins bis zehn Punkten anzusiedeln ist, aber ich habe keines dieser Talente so weiterentwickelt, dass man ich es auch beruflich nutzen könnte, wenn man von diversen kleineren Jobs absieht. Es gibt vermutlich Tonnen von Menschen, die das, was ich mache, ebenfalls können und zusätzlich in der Lage sind, Deadlines einzuhalten, die äußere Form zu wahren, ihren Stil konsequent und ohne Experimente weiterzuverfolgen und sich zu verkaufen. Das alles kann ich nicht. Es ist nicht so, dass ich es nicht versucht hätte, ganz im Gegenteil. Nur leider bin ich weder einer von diesen offensiven, grinsenden Gebrauchtwagenverkäufertypen noch einer von diesen überkorrekten, archkriechenden Strebern im Anzug. Ich bin introvertiert. Künstler. Ob das reicht, um einen Job zu finden?

Ich schweife ab. Thema dieses Briefes, der von einem Brief an eine spezielle Person zu einer Art offenem Brief geworden ist, ist die Tatsache, dass ich zum ersten Mal in diesem Leben für mehr als nur eine handvoll Monate die Orte verlasse, an denen ich die Menschen, die für mich von Bedeutung sind und meine Erinnerungen befinden. Ich bin im Grunde von diesen Dingen abhängig, auch wenn ich zur Einsiedlei neige. Ich mag es, so paradox das klingen mag, am liebsten, wenn ich zu drei Parties eingeladen werden, die direkt in der Nachbarschaft stattfinden und ich dann absagen kann, um zu Hause vor dem Computer zu sitzen. Es ist eher die Möglichkeit von Geselligkeit, die mich anspricht als die reale Ausübung derselben. Das wird in meiner neuen Heimatstadt, die von Millionen von Menschen bevölkert wird, sicherlich nicht so einfach sein. Menschen neu kennen zu lernen bedeutet immer auch, dass man viel Zeit mit ihnen verbringen muss. Wer drei mal absagt, gehört schon zur Vergangenheit. Aber was auch immer dort auf mich wartet, wo ich hingehe: Ich muss weg von hier. Ich muss es aus zwei Gründen tun: Der erste Grund ist der, dass es meine letzte Chance ist, den drohenden Bürgertum zu entkommen. Ich weiß, wie melodramatisch sich das anhört, aber es ist die blanke Wahrheit. Ich würde es später nicht mehr schaffen. Wenn ich erst mit dem Studium fertig bin, würde ich mitten in der bayerischen Provinz einen Job anfangen, den ich hassen würde und in dem ich von inkompetenten Menschen umgeben wäre, die mich ankotzen und würde trotzdem weiter und weiter manchen, bis ich irgendwann alt und verbittert wäre. Ich würde vielleicht irgendeine Frau kennenlernen und heiraten, ein paar Kinder zeugen und irgendwann feststellen, dass mein Leben genau zu dem geworden ist, was ich immer als schlimmsten Alptraum (ja, mit P, verdammt) im Kopf hatte. Provinziell und spießbürgerlich. Und zu weit weg von Meer. Der zweite Grund, der mich dazu zwingt, von hier wegzuziehen, ist ein wunderschönes Mädchen, das einen Vornamen trägt, der aus dem friesischen stammt und „kleiner Schwan“ bedeutet. Ich liebe dieses Mädchen schon fast seit dem Abend, an dem ich es kennenlernte, auch wenn ich nie zugeben würde.

Und weil das hier kein Abschiedsbrief ist, werde ich auch keine Abschiedsformeln finden. Und ich werde auch niemanden, nicht einmal in unpersönlicher Form, direkt adressieren. Die Menschen, die mich kennen, die Menschen die ich kannte und die Menschen, die ich leider nie so kennengelernt habe, wie ich es wollte (das dauert bei mir immer Jahre) werden wissen, dass dieser offene Brief an sie gerichtet ist. Dieser Brief ist an jeden gerichtet, der sich von ihm angesprochen fühlt. Und falls jemand von diesen Menschen irgendwann vorhatte, sowieso mal Hamburg anzugucken oder Urlaub in der Nähe zu machen, ist er hiermit herzlich eingeladen, mir zu schreiben und unsere Couch als Schlafplatz zu nutzen. Man könnte zusammen auf der Reeperbahn ein paar Bierchen trinken, im Hafen rumhängen oder irgendein Konzert besuchen und über Bayreuth plaudern. Oder diese hinterwäldlerische, dunkelfunzlige Gegend namens Oberpfalz. Ich nehm den ganzen Kram jedenfalls mit. Innenseitig.


The Other (2008)

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Model: Vren


Instant Poetry (CVII)

Betteln und Geben:
Im Nichts meiner Heimat
steht alles am alten Fleck.


Daily Irrsinn (I)

Nach einem unschönen Erlebnis mit einem Passbildautomaten heute morgen (der Automat hat nicht nur die Photos irgendwann einfach gedruckt, obwohl ich eigentlich noch unzufrieden damit war, sondern druckte auch einen schwarzen Querstrich in jedes der Bilder, der natürlich dazu führte, dass das Bild, das insgesamt etwa die Qualität von einem Handyphoto hatte, von der Stadt Bayreuth zurückgewiesen wurde) habe ich mein zukünftiges Passbild anschließend kurzerhand selbst photographiert. Natürlich wurde es ebenfalls abgelehnt: Es sei zu hell. Ärgerlich, aber aufgrund der tatsächlich etwas verschobenen Tonwerte (ich wollte halt blass aussehen) verständlich. Ich ging also ein drittes Mal aufs Amt, diesesmal mit vier zusätzlichen Versionen des Bildes im Gepäck, alle unterschiedlich in Kontrast, Sättigung und Tonwerten von viel zu dunkel bis viel zu hell.

Zunächst wollte der nette Herr, dem ich beim dritten Besuch zugelost wurde (man muss Nummern ziehen und wird dann dorthin gerufen, wo grade frei wird) keines der Bilder annehmen. Die seien alle viel zu dunkel. Als ich ihn darauf hinwies, dass sein Kollege mich vor einer Stunde nach Hause geschickt hatte mit der Aussage, dass eines eben dieser Bilder zu hell sei, kam er mit dem Argument, dass die Pixelzahl sowieso nicht stimmen würde. Die Pixelzahl. Bei einem ausgedruckten Bild. Ich habe ihm nicht erklärt, was DPI sind und warum mein Bild wesentlich mehr davon hat als jedes Automatenbild, sondern schlicht erklärt, dass das Bild 35x45mm hat, was den Anforderungen genau entspricht und darauf bestanden, dass das Bild genommen wird. Nachdem wir dann noch geklärt hatten, dass sich meine Augenfarbe in den letzten Jahren nicht geändert hat, war die Prozedur erledigt. Das Ganze hat insgesamt ca. dreieinhalb Stunden gedauert. Ich hatte irgendwie schon heute morgen im Gefühl, dass die Sache nicht so einfach werden würde.


If I Was (2008)

Gothic Model

Model: Vren


Instant Poetry (CVI)

Mut, von grellem Mondschein bedeckt,
Stirn voll Wunden,
Feuerküsse, Nebeltage:
Ihre Hülle schwebt heraus.


Wort für Wort (XLII)

“Machst Du heute noch das Passbild?” – “Ne. Morgen. Meine Haare sehen heute komisch aus.” – “Deine Haare sehen immer komisch aus.” – “Und ich bin unrasiert.” – “Du bist immer unrasiert.” – “Ich bin nicht immer unrasiert. Und auf dem Passbild will ich das schon gar nicht.” – “Warum denn nicht?” – “Ich will nicht, dass man mich auf dem Passbild erkennt.” – “Das ist ja wohl das Bescheuertste, was ich je gehört habe.”


Der Musikjournalist (IV)

Das kommende Album der amerikanischen Post-Grunge-Band Staind namens “The Illusion Of Progress” (Atlantic, VÖ: 05.09.) bekamen wir nicht als physische Promo-CD, sondern lediglich als Webstream zur Rezension. Abgesehen davon, dass man mit dem verwendeten Programm nicht einmal alle Tracks nacheinander abspielen kann, ändert der große Aufwand (es musste extra eine Promoterin die Mailadressen an die internationale Abteilung der Plattenfirma weiterleiten, die dann ihr wiederum einen Account im internen Bereich bei wmg.com für jeden einzelnen Schreiber einrichteten die personalisierten URLs für den Stream zurückschickten) leider auch nichts daran, dass die Platte zwar besser ist als die unterirdischen Versuche von Nickelback und 3 Doors Down, den Grunge nochmal in einer billigeren Version zum Mainstream zu machen, aber der Titel dennoch den Inhalt vorwegnimmt.


The Last Kiss (2008)

last kiss - raventhird.de

Model: Vren & Z.