Nanoskop (XXXVIII)

Komplette Beziehung in acht Worten: „Du ziehst mich an – aus – nur noch runter.“ / Fortlaufende Verankerung. / „Was auf den Plattenteller kommt, das wird gehört.“ / Gegenstände, die mit dem Ende der Schulzeit ihre Daseinsberechtigung komplett verlieren: Tintenkiller, Geodreieck, Zirkel. / Wenn Du und ich vorkommen, dann ist es ein Monolog. / Trommeln, Zweige: Niederpolternd. / „Wenn es nach mir geht, dann wird Dein Platz an der Sonne demnächst frei!“ / Selbstbildnis als mein eigener Restlichtverstärker. / „Du bist so weltfremd.“ – „Du sagst das so, als wäre es kein Kompliment.“ / „Jon Bon Jovi würd ich gern mal eine kleben.” / Wer im Glashaus sitzt, der hat zuallererst den Salat. / Wenn Du die Welt ändern willst: Setzt Du bei Dir oder bei den Anderen an? / Harte linke Haken aus Text. / Der moderne Vampir lutscht vor dem Zähneputzen noch ne halbe Stunde auf Kupfermünzen rum, um seinen Blutdurst zu unterdrücken.


The Rain & My Mum (2013)


Tonfolge.

Wie diese rasend schnelle, abstrakte Musik in mich reinfließt und dort verarbeitet wird, als wäre es die Primärfunktion meiner Gehörgänge, eine Art trichterförmiger Eingang zu einem tonfolgenabsorbierenden, dauergierigen Behältnis zu sein, das nach immer mehr verlangt. Musik ist nicht wie andere Medien, man ist nicht satt, wenn man einem Song gehört hat, wie es bei einem Film oder Theaterstück der Fall ist, man will es direkt nochmal erleben und von richtig guter Musik wird man nie satt. Das Bedürfnis nach der Musik lässt nicht nach, wenn man sie gehört hat, sondern es wird stärker. Man wird hungrig. Ich habe nie verstanden, wie irgendjemand zum „Abschalten“ Musik konsumieren kann, für mich ist es mit höllischer Konzentration verbunden, weswegen ich es oft nur in meiner eigenen Gesellschaft und über Kopfhörer richtig gut kann. Ich trenne die einzelnen Instrumente voneinander, löse die Spuren auf, sortiere sie nach verschiedenen Kriterien, versuche, ihre individuellen Strukturen zu erkennen, setze sie dann in Kontext zueinander und baue so das Stück wieder zusammen und ich bin selten in der Lage, nebenher etwas Anderes zu tun. Der ideale Song für diese Herangehensweise ist etwa 8-10 Minuten lang und arbeitet nicht mit den üblichen Verse-Chorus-Verse-Schemata etwa der Musik, die im Radio gespielt wird, sondern eher mit nicht auf den ersten Blick erkennbaren, wiederkehrenden Themata oder sich ähnelnden Passagen. Das erklärt wahrscheinlich, warum ich beim ernsthaften Musikhören neben klassischer Musik, die verdammt gerne mag, auch wenn ich mir manchmal nicht sicher bin, ob ich sie wirklich durchschaue und Avantgarde-Kram aus den verschiedensten Genres, bei dem ich mir meist sicher bin, dass ich ihn durchschaue, vor allem stark gitarren- und strukturlastige Musik aus den verschiedensten und absurdesten Spielarten von Rock und Metal bevorzuge, die Namen wie „Shoegaze Black Metal“, „Mathcore“ oder „Drone Doom“ tragen und deren Musiker meist irgendwelche langhaarigen Leute aus kleinen Dörfern in den finstersten Wäldern von Skandinavien sind, die in ihrem Leben nie einen anderen Sinn gefunden haben, als irre schnell Gitarre zu spielen und fünfzehnminütige Kompositionen mit gurgelnder Gutturalakrobatik, die man auf keinen Fall mit Gesang verwechseln oder vergleichen sollte (denn dann kommt man zu dem Fehlschluss: „Der singt ja wie das Krümelmonster“, der etwa so dumm ist wie die Aussage „Das kann mein Sohn auch malen“ über moderne Malerei), und ebensoschnellen und präzisen Beiträgen ihrer Mitmusiker um diese Fähigkeit zu stricken.


Nanoskop (XXXVII)

Selbstbildnis als Prophet, der stoisch darauf wartet, dass eines Tages der Berg an seiner Haustür läutet. / Narben im Kopf, die sich in Denkprozesse einmischen. / Das letzte Tabu in einer komplett narzisstischen Gesellschaft: Wenn man sich selbst als Person total scheißegal ist. / Niemals an die Zukunft anbiedern. / Hast Du auch Menschen aus der Vergangenheit, die man nicht googlen kann, aber Du versuchst es trotzdem immer wieder? / Kompromiss-Interpunktion. / „Man wird echt schnell zum Außenseiter, wenn man sich nicht so benimmt, als wäre man gehirnamputiert.“ / Perlen nach Athen, Eulen vor die Säue. / „Keine Sorge, der Bursche hat ‘ne Leber wie Prometheus.“ (Sätze, die man in Asi-Kneipen selten hört.) / Und irgendwann investierst Du Unmengen von Zeit in die Reduktion selbstverschuldeter Komplexität. / „Benutze Literatur mit Tellerrand.“ / Selbstbildnis als Berg, der etwa alle siebzig Jahre einen neuen Propheten kommen und gehen sieht.


Анастасия II (2012)

anastasia II - raventhird.de

Model: Anastasia


Restedenken (I)

Über einen längeren Zeitraum nichts zu schreiben war nie eine ernsthafte Option. Wenn man nicht schreibt, dann tun es andere dennoch und man steht nur daneben und ärgert sich über sich selbst, es bleibt einem nur noch das Lesen, der Konsum. Nicht zu lesen geht auch nicht, wenn es das einzige Konsummedium ist, dass Du dauerhaft ertragen kannst. Ohne Konsum und Produktion droht schlimmstenfalls Stumpfsinn, bestenfalls willst Du plötzlich Dinge aus Holz bauen (ich wollte eigentlich schon immer mal Dinge aus Holz bauen).

Die zum zweiten Mal vorgetragene Frage, warum sie die Dateien in wild durcheinanderfliegende Ordner in ihrem Rechner wirft, in denen sie nichts wiederfindet und nicht stattdessen ein paar vernünftig sortierte Ordner aufmacht, beantwortet sie damit, dass sie ein Lied singt und dann lacht, eine Reaktion, die ich zunächst gar nicht als Antwort auf die Frage auffasse. Ich lache einfach mit. Ich bin wahrscheinlich der einzige Mensch mit Internetanschluss, der dieses Lied nicht kennt. Ich finde ein paar Tage später heraus, dass es „Gangnam Style“ heißt, das Wort „Gangnam“ hatte sie allerdings durch „Deutschland“ ersetzt. Die Antwort war ein deutliches: „Du verhältst Dich gerade sehr typisch für Dein Land.“

In meiner Bio-Kiste ist ein toter Schmetterling. Der Schmetterling hat keinen Kopf mehr. Ich habe das schon oft gesehen, dass bei toten Insekten die Teile, hinter denen sich organisches Gewebe befindet, zuerst sehr fragil werden und dann bei kleinsten Erschütterungen einfach zerbrechen, während andere Teile äußerst stabil sind und dem Lauf der Zeit trotzen. Bei Menschen ist es ja im Grunde auch so, nur besser nach innen und außen sortiert und ohne Zerbrechen.

Ich stehe genau dort, wo die Funken landen. Das Osterfeuer ist riesig, dummerweise hat man offenbar trockene Zweige angezündet, was die Anzahl der Funken massiv erhöht. Es ist dunkel und das alles sieht wirklich wunderschön aus. Statt den Standort zu wechseln lege ich den Kopf in den Nacken und gucke in die Richtung des glühenden Regens, der aus dem Himmel in meine Richtung fällt. Ein Funke landet auf meiner Nase, dort habe ich jetzt eine kleine rote Stelle, die aber langsam schon wieder verblasst.

Wenn man Aufmerksamkeit haben will, dann reicht der einfache Trick, ein Battle-Rapper zu werden. Tape Deinen Kopf wie ein Boxer seine Hände und zerleg ein paar Texte von anderen Autoren, die viele Leser haben. Noch leichter ist es nur, das Fernsehen oder „die Medien“ anzugreifen. Leider ist es auf Dauer auch ziemlich ermüdend und man hat am Ende selbst überhaupt nichts geschaffen, dass von Belang wäre, sondern nur dumm rumgemeckert. Oppa Deutschland Style.


Анастасия (2012)

Model: Anastasia


Ohne Titel

„Warum leuchten Deine Augen denn so?“, fragte das Kind.

„Viele Bienen haben sie gemacht, sind aus Wachs“, sagte sie. „In meinen Augen stecken Dochte und die brennen langsam auf mich herunter und das Feuer lockt Menschen an wie Motten, die sich daran wärmen, tief hineinglotzen und sich darin selbst zu erkennen glauben. Aber eigentlich brennen sie gar nicht langsam, sondern ziemlich schnell auf mich herunter. Irgendwann werden dort nur noch leere, schwarze Augenhöhlen zu sehen sein, das Wachs komplett vom Feuer verschlungen und umgekehrt und das wird keine gute Zeit für mich oder irgendjemanden.“


Nanoskop (XXXVI)

Zacharias, die zauselige Zypresse. / Von Jackson Pollock habe ich viel über das Kochen gelernt. / Gegendarstellung: gnulletsradnegeG. / Sätze, die man gerne mal hören würde: „Diesen ganzen Mainstreamscheiß mach ich nicht mehr mit, z. B. Individualismus.“ / Sehenswerte Infografik aus ganz vielen Schriftzeichen, die sich zwischen zwei Buchdeckeln zu ganzen Sätzen zusammengerottet haben.  / Gender Studies auf Bachelor. / Trendthema Selbsterkenntnistest: Wenn Dir jemand einen Spiegel vorhält, läufst Du dann wütend dagegen? / Sie rauchten diese langen, dünnen Filterzigaretten und schmierten sich gegenseitig Honig um die Bärte, Augenaushacken streng verboten. / „Wie geht es Dir?“ – „Es kommen gerade ein paar Erzählstränge durcheinander.“ / Musikalisches Schriftbild. / „Ich möchte nicht zurück nach Hamburg. Ich mische mich einfach unter die Babyenten und bleib hier.“ / Alles Ungeschriebene bedroht die Welt.


Pflanzen wissen, wie man elegant stirbt. (2012)


Bericht über einen Bericht.

Ich bin ganz allein auf diesem Festival und fühle mich nicht gut, weil ich allein hier bin. Man geht nicht allein auf Festivals, das wirkt verdächtig. Ich muss mehr wie ein Journalist denken, denke ich, denn ich bin ja als einer hier. Ich habe ein Schildchen um den Hals baumeln, auf dem mein Name und darunter das Wort „Presse“ steht, auch wenn ich mich jedes Mal wie ein Betrüger fühle, wenn ich es bei irgendwem vorzeigen muss. Das hat aber gar nichts mit der konkreten Situation zu tun, ich war schon oft mit so einem Schildchen auf Festivals, ich fühle mich einfach ziemlich häufig wie ein Betrüger, egal was ich tue. Als Journalist kann man jedenfalls allein auf ein Festival gehen, das ist nicht nur völlig ok, sondern sogar die Aufgabe, ich bin nur ein neutraler Beobachter, kein Teil des Geschehens. Ich muss mich dringend meiner Aufgabe des neutralen Beobachtens zuwenden, es ist schon zu viel Zeit vergangen, in der ich das nicht getan habe.

In meiner Hand ist eine Bierflasche. Es ist schon mindestens die vierte Bierflasche, die in den letzten paar Stunden in dieser Hand war und es ist erst früher Nachmittag. Das ist nicht gut, denke ich, da stolpere ich während des Rumflanierens und Denkens plötzlich über etwas (vermutlich mich selbst) und falle einen kleinen Abhang hinunter, der mitten auf dem Festivalgelände ist, die Bierflasche löst sich dabei aus meinem Griff (die Hand und der Arm werden zum wilden Herumrudern im Nichts benötigt, was freilich keinerlei erkennbare Wirkung hat, weswegen die Frage im Raum bzw. auf dem Festival stehen bleibt, warum mein Körper unwillkürlich diese Bewegungen ausführt), fliegt durch die Luft und schlägt auf meinem Handgelenk wieder auf, als ich am Fuß des Hügels schon ein paar kleinere Zeiteinheiten als Sekunden später im Gras zum Liegen gekommen bin. Dann läuft sie neben mir aus und gluckert dabei, als würde sie über mich lachen. Das tut kurz alles höllisch weh (der Einschlag der Flasche auf dem Handgelenk mehr als der Sturz), ich muss aber ebenfalls darüber lachen. Welcher Idiot baut einen Hügel auf ein solches Gelände? Das wird alles immer schlimmer, denke ich. Journalisten fallen nicht betrunken irgendwo runter und lachen über ihre eigene Dummheit und ich wollte doch wenigstens einmal ein guter Journalist sein.

Ein Mädchen kommt angelaufen, beugt sich über mich und fragt, ob ich mich verletzt hätte. Ich würde ihr echt gerne sagen, dass ich schwerverletzt bin und von ihr versorgt werden muss, dass sie mir das Leben gerettet hat und wir jetzt durch das Schicksal verbunden sind oder irgendetwas in der Art, denn sie ist wirklich hübsch und trägt Ohrringe, die versilberte Spielwürfel sind, aber das wäre alles gelogen und Journalisten lügen nicht, höchstens, um an Informationen zu kommen und sie wirkt nicht so, als ob sie irgendwelche Informationen hätte, vielleicht maximal darüber, wo man hier was zu rauchen bekommt, eine Information, die mich schon interessiert, die aber für einen Journalisten nicht relevant sein darf. Ich sage: „Nein, alles ok, aber Danke“ und lächle sie an. Sie lächelt zurück, sagt, dass der Sturz echt witzig aussah und ist dann auch schon wieder verschwunden. Als sie wieder verschwunden ist, ärgere ich mich kurz, sie nicht doch in ein Gespräch verwickelt zu haben. Vielleicht hätte es ja geholfen, mich als Pressevertreter erkennen zu geben. Grober Berichterstattungsfehler.

Ich greife nach der Bierflasche neben mir und trinke den letzten Schluck aus (Bierflaschen laufen nie ganz aus, wenn sie umkippen, das hat mit der Beschaffenheit von Flaschen mit sich nach oben verengenden Hälsen in horizontaler Lage an sich zu tun, die Möglichkeiten für so eine Flasche, ganz auszulaufen, sind: dass sie zerbricht, auf einem Abhang mit Öffnung nach unten landet oder aber direkt auf die Öffnung fällt und auf ihr stehen bleibt, letzteres ist ein äußerst unwahrscheinlicher Fall, den ich aber schonmal aus erster Hand beobachtet [„aus erster Hand beobachtet“ ist eine Formulierung, die mich sehr irritiert, ich habe mich aber genau aus dem Grunde dazu entschieden, sie in diesem Text zu lassen] habe).

Mein Artikel über das Festival, der in einer schäbigen, kleinen Lokalzeitung erscheint, die trotzdem deutlich mehr Leser hat, als jedes Blog, den ich in den letzten drei Jahren betrieben habe, heimst später Lob von allen Seiten ein, zu Recht, ich habe schließlich knallhart dafür recherchiert, mir sogar einige der eher mittelmäßigen* (*schlechten) Bands angeguckt und später doch noch  andere Informanten nach diversen Dingen befragt.


Nanoskop (XXXV)

Blutpolka und Knochentango. / Endlich jemanden kennengelernt, der auch zur Einsiedelei neigt. Sie will mich nur leider fast nie treffen. / Ich wusste genau, dass ich gleich denken würde „Ich wünschte, ihr wärt weniger vorhersehbar“. Ich wünschte, ich wäre weniger vorhersehbar. / OSX Oachkatzlschwoaf. / Kosename „Kollaborateurin“. / Ein Anti-Märchen, quasi. Brutal wahr, dafür hier und jetzt. / Nur sprachlich paradoxer Geheimplan „Mit Dir abstürzen, nur um bei Dir zu landen“. / Pädagogik auf Tornister studieren. / Pro-Tipp: Wer für Favs und Likes schreibt, der bekommt nur selten mehr als Favs und Likes. / Statussymbol „Selbstironie“. / Die allesentscheidende Frage bei Intelligenztests in Zeitschriften ist die, ob man ernsthaft den Test ausfüllt. / „Wir kennen uns von den Blütenblättern des Gänseblümchens.“/ Die Gemeinsamkeit von ganz alten Cartoons und Schmidtchen Schleicher: Elastische Beine mit federnden Knien. / Unbesetzter Metal-Bandname „Maehdreshor“.


Nanoskop (XXXIV)

Windschiefe Kopfgeburten. / Kommentare, in denen irgendwelches Gezeter über angebliche „Zensur“ vorkommt, lösche ich meistens direkt. / „Niemand liebt mich.“ – „Dein Hauptproblem ist Deine Einstellung.“ – „Dabei hat mich eigentlich sowieso niemand verdient.“ – „Viel besser.“ / Jugenderinnerungen (an den Innenseiten der Unterarme). / Ramba Zamba : Remmidemmi / „Du umarmst mich ein bisschen zu intensiv für eine normale Begrüßung.“ (Oft gedachte Sätze, die nur selten gesagt werden) / Reichtum: Die sorgfältige Auswahl, nicht das Anhäufen. / Will ein medizinisches Fachbuch für Kinder schreiben. Provisorischer Titel: „Flimmertier & Nasenhärchen“. / Jeder hat heute eine Meinung zu allem. Es gibt so scheißviele Meinungen, dass Meinungen völlig egal geworden sind. / Die Dämonen der Anderen. / Die Leute aus der Zukunft machen sich so oder so über uns lustig. / „Wann gehst Du endlich kurz Zigaretten holen?“