Followerpower.

Leistungsträger, Erfolgsdruck, selbstgehäkelt, hier guck mein tolles Projekt, ich mach so viel, dass ich es kaum mehr schaffe. Findet ihr das nicht alle super, was ich alles mache? Lest ihr auch brav mit und klickt fleißig auf meine Buttons und followed und liked meine Projekte? Seid ihr nicht auch so froh, dass die Welt nie stillsteht, dass immer das nächste Projekt kommt und man nie weiß, was eigentlich wichtig ist, weil, die ganzen Sachen muss man ja erst mal machen, Reflektion kommt später? Ich schreib jetzt auch Bücher und halte Vorträge, ja, das tue ich, wen interessiert da schon noch, was ich eigentlich sage, wenn ich im Radio rede? Die alten Medien. Eigentlich mache ich mich über sie lustig, aber wenn sie anrufen, dann stehe ich auf der Matte und twitter euch das mit fünfhundert Tweets pro Minute ins Gesicht, wie toll es ist, in einem Fernsehstudio zu sitzen, denn eigentlich geht‘s hier doch darum, dass wir Macht haben. Und wenn ihr lest, dass ich Macht habe und in einer drittklassigen Talkshow auftrete, dann glaubt ihr, dass ich wichtig bin und klickt noch mehr auf meine Buttons. Und je mehr von euch auf meine Buttons klicken, desto mehr rufen die Sender bei mir an, versteht ihr den Kreislauf? Inhalte sind dabei nicht wichtig. Ich habe viel Macht. Ich dirigiere die Massen und wenn ich mein Mittagessen twitpice, dann klicken das vierhundert Leute an. 10% meiner Follower, ich meine, das ist schon was, vierhundert Leute, die ich gar nicht kenne, die sich für mein Mittagessen interessieren, das fühlt sich einfach gut an. Hier, guck mein neues Projekt, wir haben schon zweihundert Fans auf Facebook, der geschäftliche Erfolg kommt bei so viel Social Power wie von selbst, und wenn er nicht kommt, dann lassen wir es wenigstens so aussehen, als wäre er schon da, das zieht Kunden und Investoren, sozusagen Self-Fulfilling-Business. Am Ende ist es in jedem Fall ein Erfolg und wenn die Leute anfangen, zu bemerken, dass es doch nur Quatsch ist, dann sind wir längst beim nächsten Projekt und das Ding ist sowas von Zweitausendzehn, das will doch heute keiner mehr sehen, da habt ihr die Entwicklung verschlafen, ist ja auch klar, denn als wir absprangen, war es zum Untergang verurteilt, uns kann man nicht einfach mit irgendwem ersetzen, wir sind die Netzexperten. Ist doch egal, ob ein Kern da ist, Hauptsache, die Hülle glänzt, oder? Nächste Woche startet schon das nächste große Ding von uns, macht euch bereit, wir werden euer Leben total verändern, glaubt mir.


Irrlichter & Schönheit (X)

Ein Tweet.Ein Bild.Ein Stück.Ein Buch.Ein Lichtspielfilm.


Nanoskop (XIII)

Leute, die völlig kopflos handeln, haben den Vorteil, dass sie selten Bretter vor dem Hirn haben. / Ein nackter Mann hat mein Leben in der Tasche. / Poweruser der geistigen Landebahn (tiefflugüberfordert). / Ich kann genau nachempfinden, wie sich empathische Menschen fühlen müssen. / Einfach mal melodramatisch „Geh nicht.“ zu der attraktiven Frau sagen, die an der Supermarktkasse vor Dir gerade ihre Tüten gepackt hat. / DJ Wolverine, Master of Scratching. / Ich habe mich verschrieben. Die halbe Nacht lang. / Schweigegelübde in der Labertasche (farblich passend zum Mundwerk). / Tabuthema Inventur beim Geheimniskrämer. / Guck, da drüben sind die Dorfdeppen vom Global Village. / Die Eine von Vielen. / Eines der wichtigsten Dinge im Leben ist, dass man sich nicht dümmer stellt, als man ist, um Anderen zu gefallen. Das zieht die Falschen an.


Frank und Ich.

„Erzähl mir etwas über das Verhältnis zu Deinem Vater“ ist wahrscheinlich der beste Spruch der Welt, um Frauen rumzukriegen, aber man muss ein ziemliches Arschloch sein, um ihn zu benutzen. Frank denkt darüber nach, was passiert ist und zündet sich zum ersten Mal seit Jahren eine selbstgedrehte Zigarette an. Dieser süßliche Geruch von Tabak, silberne Rauchfäden, die in Richtung Zimmerdecke tänzeln und sich auf dem Weg dorthin in der Nichtsexistenz verlieren. Einzeln betrachtet sind Zigaretten wundervoll, im Rudel werden sie etwas abgrundtief Grauenhaftes, eigentlich genau wie Menschen, denke ich. Ich sollte jede Hoffnung aufgeben und mir eine Katze kaufen, das wäre es. Ein Stückchen Glut von der Zigarettenspitze fällt auf den Oberschenkel von Frank, verschmort dort ein paar Haare und tut ein etwa eine Sekunde lang höllisch weh, Frank wischt die Glut nicht weg, etwas körperlicher Schmerz tut zur Abwechslung ganz gut. Ich weiß, dass Du nicht weißt, was Du willst und will, dass Du weißt, dass Du eigentlich nichts von all dem willst. Männer kaufen sich wohl eher Hunde, oder rede ich mir das ein, weil ich gerne Außenseiter bin? „Ich sag es mal so: Einer Frau, die keine Probleme mit ihrem Vater hat, würde ich keine fünf Meter über den Weg trauen, mit der stimmt irgendwas Grundsätzliches nicht“, sagt Frank, fast so, als könnte er meine Gedanken lesen, wirft den noch glimmenden Zigarettenstummel mit einer verächtlichen Geste aus dem Fenster, geht dann in die Küche und setzt Wasser auf, vermutlich für Tee, ich sitze hier auf dieser beschissenen Ikea-Couch herum, die ich mir einreden habe lassen, gucke wie eine Eule durch die beschissen dicken Gläser von dieser Brille, die ich mir auch durch den Kauf eines neueren Modells nicht habe ausreden lassen und habe wieder einmal Angst vor dem, was als nächstes mit Dir und mir passiert und davor, dass ich demnächst womöglich nicht mehr diesen Schritt zurück treten und sehen kann, dass Du Dir selbst nicht gut tust, dass es mich irgendwann bald so trifft, dass ich verlerne, Dich zu lieben. Das wäre ein echtes Problem, nicht diese Scheingefechte um die Tatsache, mit wem Du heute oder morgen ins Bett gehst. Wenn das, was eigentlich bleibt, anfängt, zu gehen, das meine ich. In der Küche lacht Frank plötzlich über irgendetwas und steckt mich damit an.


Nanoskop (XII)

„Du hast Content, ich hab Worte.“ / (Neid auf diejenigen, die völlig unreflektiert Dinge tun und dabei ein Idiotenglück haben.) / Leute, die es mir zu einfach machen, haben bei mir kein leichtes Spiel. /„Du bist der Elephant in meinem Porzellangemüt.“ / „Ich will kein Best Of von Dir, ich interessiere mich mehr für die B-Seiten.“ / Ich, Du, er, sie, es. Die Story hat Potential. / „…aber die Illusion war ganz reizend, Liebste!“ – „Bitte gehen Sie weiter.“ / To Do: Unsere Namen mit meinen Taten in Deine Hirnrinde ritzen. / „Hast Du auch gehört, was ich gerade gesehen habe?“ – „Es riecht jedenfalls stark nach Ärger.“ (Synästhetiker unter sich.) / Selbstbildnis als per Dada-Generator benannte Datei ohne Endung. / Du liebst nicht, Du willst besitzen. / V̶o̶r̶s̶i̶c̶h̶t̶,̶ ̶f̶r̶i̶s̶c̶h̶ ̶d̶u̶r̶c̶h̶g̶e̶s̶t̶r̶i̶c̶h̶e̶n̶!̶ / „Warum mache ich alles falsch?“ – „Mit der Einstellung beeindruckst Du niemanden.“ – „Warum mache ich alles richtig und es funktioniert nicht?“


Rolle, jetzt!

Man kann entweder so tun, als wüsste man, wer man ist („Hallo, ich bin der Dirk und ich bin Medienjournalist / Blogger / Ohrenarzt / Anwalt / Vater von zwei Kindern / Briefmarkensammler / Bademeister / Student / studierter Philosoph / Bäcker / der Freund von… / Regisseur / Polizist / Pornodarsteller / Autor“) oder man fliesst einfach so durch verschiedene Rollen, die sich je nach Kontext ergeben und permanent ändern. Will man erfolgreich sein mit dem, was man tut, dann ist der zweite Weg in keinem Fall zu empfehlen. Erfolg fordert die totale Verschmelzung mit der sozialen Rolle bis hin zur Selbstverleugnung und das kriegen fast nur stupide Arschlöcher hin, die in Sachen Phantasie eher Autisten sind und das wirklich so durchziehen können, die sich ‘total committed’ haben oder halt Leute, die echt gute Schauspieler sind und es aussehen lassen können, als wäre diese eine Rolle wirklich das einzige große Ding, das ihnen am Herzen liegt, obwohl das natürlich Bullshit ist. Traurig ist, dass die, die es nicht hinkriegen, diesen Fokus zu vermitteln, sich dann wegen des daraus resultierenden mangelnden Erfolges oft so hängen lassen, dass sie sich irgendwann gar nicht mehr richtig um ihren Kram bemühen, weil er ja scheinbar sowieso egal ist, es guckt ja keiner mehr zu, und am Ende wirken dann tatsächlich diejenigen wie die Loser, die eigentlich die ganze Zeit viel ehrlicher bei der jeweiligen Nummer dabei waren. Verdammt.


Irrlichter & Schönheit (IX)

Ein Tweet.Ein Bild.Ein Stück.Ein Buch.Ein Lichtspielfilm.


Gleichung.

„Ich fühle mich wie etwas, das von einem Lastwagen gefallen ist“, sagt sie. „Ich habe die dunkle Ahnung, dass es noch andere gibt, die sind wie ich, andere, bei denen ich mich zu Hause fühlen würde, aber die sind nicht hier. Ich liege hier rum, an einem Ort, an den ich nicht gehöre, ganz alleine. Und ich bin aus eigener Kraft nicht dazu in der Lage, hier wegzukommen. Es ist nicht einmal möglich, dass mich jemand aufhebt und mich dorthin bringt, wo ich hin soll, denn niemand weiß, wo mein Bestimmungsort eigentlich ist. Der Lastwagen ist schon längst wieder beladen worden, mit anderen Gegenständen, und auf der Reise an ein völlig anderes Ziel.“

„Nette Metapher“, sagt er, „aber dieses Gefühl ist so verflucht typisch, dass man schon wieder ein ‘arche-’ davorklemmen könnte. Das Drama des Invidualismus, das Gefühl der Verlorenheit und Einsamkeit. Diese brutale Empfindung, völlig anders zu sein als der Rest der Leute, die man halb verabscheut und halb genießt, bei der gleichzeitigen Ahnung, dass irgendwo da draußen jemand ist, der einem exakt gleichen könnte? Das kann vermutlich so ziemlich jeder von sich behaupten.“

„Ich glaube“, sagt sie, „Du bist auch von einem Lastwagen gefallen. Aber Du redest Dir lieber ein, dass es nicht so ist, damit Du nicht so traurig davon wirst.“


Nanoskop (XI)

Ich bin derart optimistisch und pessimistisch zugleich, dass ich schon erahnen kann, wie das Glas beim Überlaufen umkippt. / Gutes tun: Das betonenswerte Unbetonte laut betonen. / (Ich missbrauche mein Leben eigentlich nur als eine Art Feed, an den ich mein Blog und meinen Twitteraccount anschließen kann.) / „Was machen wir hier?“ – „Was nicht? Das ist die Frage.“ / To Do: Den Rahmen sprengen. / Meine geheime Superkraft ist es, mein Privatleben zugunsten von keiner Karriere zu vernachlässigen. / Gute Musik wird niemals alt. / Postprivacy-Vorreiter: Der Nachbar von gegenüber, der immer fast nackt am Fenster seiner Wohnung steht. / Die Kombination von Ehrlichkeit, Humor und Intelligenz wird heute oft als Zynismus verunglimpft. / Auf Dogmen ins Verderben reitend. / „Wirfst Du mir noch einen Kuss zu?“ – „Das ist eine Fangfrage.“ / Blicke über den Tellerrand. Sehe Besteck.


Narzissmus und Kakteen.

Eins.

„Mein Verstand greift gierig nach allem, das er dort findet, meine Finger umklammern alle existierenden Eventualitäten und die Dinge, die sonst noch erreichbar sind. Es ist wenig bis nichts, es passt in eine einzelne Hand, aber man muss sich eingestehen, dass es schön glitzert, das kannst selbst Du sehen. Zumindest hofft das ein Teil von mir, dieser Teil, der sich im Kreis um mich selbst dreht und der dieses Selbst noch immer als ein Wir liest, in dem das Du bereits gar nicht mehr existiert, weil es wie selbstverständlich absorbiert wurde und sich absorbieren hat lassen. Menschen sprechen manchmal mit Pflanzen. Sie murmeln Hauptsätze, in seltenen Fällen sogar mit besonderer Mühe angefertigte parataktische Konstruktionen in ihre Kakteen, während sie Gießkannen in der Hand halten. Ich kann diese Menschen verstehen, ich bin in gewisser Hinsicht noch schlimmer.“ – „Glaubst Du, dass Du verstehst, was Du da sagst?“ – „Ja.“ – „Du bist ein Betrüger. Du liest kein Wir, Du liest ein erweitertes Ich.“

Zwei.

Die Leute gucken mir in die Augen, das ist revierverletzend. In dem vom Regen ganz silbrigen Kreis, den ich um mich gezogen habe, koche ich Erinnerungen auf und versuche weiterhin, Deine Gegenwart und Körperlichkeit zu ignorieren. Ich kann meine Sätze einfach nicht bändigen, ich bin kein Dompteur wie die Anderen und ich schere mich nicht um mich selbst oder die Zukunft. Ziellose Vogelspuren im Schnee und meine neurotische Art. Du bist nicht meine Muse, denn das hier ist keine Kunst. Menschen sprechen manchmal mit Pflanzen. Sie murmeln Hauptsätze, in seltenen Fällen sogar mit besondere Mühe angefertigte parataktische Konstruktionen in ihre Kakteen, während sie Gießkannen in der Hand halten. Ich kann diese Menschen verstehen, ich bin in gewisser Hinsicht noch schlimmer.


Kaskade 3-3

Nichtstun, das ist es. Mein Regenschirm hat sich im heftigen Wind umgestülpt, ein Außenskellett aus Metall brach plötzlich hervor. Du kommst klar, es wird alles super, ich weiß das. Dann kann ich das nicht mehr, dann muss ich was anderes machen. Dann flog er weg, wie eine Fledermaus aus der Hölle. Kannst Du mir sagen, was Liebe meint, Vater? Ich kann das nicht, ich kann nicht einfach nur so Worte hinschreiben. Wenn ich Ferien habe, dann weiß ich nie wirklich, was ich mit mir anfangen soll. Für Dich mag das zutreffen, aber die Wahrheit sieht anders aus! Träum Du von Deiner inneren Mongolei, sie reist jetzt in die Wirklichkeit. Literarische Figuren machen einfach, was sie wollen, sogar die, die man selbst erfindet, das fasziniert mich an denen. Schufauskunft Karma-Konto: Arschloch. Was mach ich denn, wenn die Leute anfangen sollten, das zu mögen? Was mache ich dann eigentlich? Die Sonne scheint rein, mein Rolladen ist kaputt. Du siehst aus, als hättest Du ein Gespenst photographiert, Junge. Magischer Realismus, das ist doch alles so scheißsubjektiv, wenn man ein bisschen Phantasie hat, dann ist der Begriff nur noch was für die Pragmatiker. Ich stehe immer noch im Regen und tue einfach nichts dagegen. Und das ist nur subjektiv betrachtet die beste Idee, ich sehe es ein. Vierhundert Meter weiter landet der Regenschirm auf dem Asphalt, zuckt noch zweimal mit seinen Metallgelenken und bleibt dann regungslos liegen. Der Entschluss, neben Dir zu gehen, steht.


Nanoskop (X)

Ich beneide heimlich die Ähnlichkeit zwischen den Menschen, die sie immer zu Komplizen und Schlimmerem werden lässt. / Beliebtes Reimschema in der Protestlyrik des 21. Jahrhunderts: A-C-A-B-A-C-A-B. / Ich sehe was, was Du nicht siehst, obwohl ich vom ersten Moment an blind davon war. / Ich ganz Ohrläppchen, Du ganz Zähne. / „Es wurden Fehler gemacht.“ – „Ok, was genau hast Du dieses Mal verbockt?“ / Schneemann aus Wurst. / (Alltagstipp: Lieblos verfasste SMS einfach mit zufälligen Buchstabenketten beantworten.) / Lass mich Dein Lorem Ipsum sein, niedliches Hohlköpfchen. / Habe versucht, Kinderarbeit in Asien zu bekämpfen und alles, was ich dafür bekommen habe, war dieses lausige T-Shirt. / Talente süßsauer. / Diesen „Nur für Schuhglas“-Container haben die doch nur aufgestellt, um mir einzureden, dass ich meine Märchenillusionen wegwerfen soll. / Flimmertierchen, augenblicklich.


Nanoskop (IX)

Funke Respekt auf geheimen Frequenzen. / „Alltag, das hat etwas selbstloses.“ / Spontane Zuneigung zu Menschen, die Entfernungen zwischen Orten in Anzahl der Songs messen, die man auf der Fahrt in der U-Bahn hören kann. / To Do: Nahtlose Verknüpfungen zu Weberknechten stricken. / Das hättest Du gerne! (Imperativ) / Pro-Tipp: Der einfachste Weg, sein Blog bekannter zu machen: Artikel darüber schreiben, wie man sein Blog bekannter macht. / Hirnschmalzbrot mit Runkelrübenmarmelade. / „Korrektes Zitieren ist eigentlich gar nicht so schwer.“ – Quelle: Zeitung. / (Hinter Dir steht ein dreiköpfiger Head of Quality Management.) / Am meisten frustrieren mich Leute, denen man nicht mal erklären kann, dass sie Schwachköpfe sind, weil sie die Erklärung nicht verstehen. / „Manchmal bist Du mir ziemlich Subjekt.“ – „Schreibst Du etwa schon wieder irgendwelchen Kitsch über mich?“