Blutvergießen (2009)

Eine abstrakte Dada-Collage

“Blutvergießen unter die Haut / FOREVER ON THE EDGE OF Mr. Nice Guy”.


Pechvogel.

Es regnete ein paar Wochen später tatsächlich Hufeisen. Ich war leider gerade draußen.


NeuRosen (LVII)

Vor knapp zehn Jahren habe ich das erste und einzige Mal in meinem Leben jemanden verlassen. Ich bin einfach gegangen, ich zog die Tür Ihrer Wohnung hinter mir zu, in dem Wissen, dass ich Sie vermutlich nie wiedersehen würde. Im dem Moment, in dem ich es tat, schien es wie etwas teuflisch Grausames aber unfassbar Verlockendes zugleich: Einfach ausbrechen, weglaufen, mich nicht mehr melden, frei sein. Ich habe bis heute ein schlechtes Gewissen, wenn ich daran denke. Jenes schlechte Gewissen wurde vor ein paar Jahren so groß, dass ich anfing, random Menschen mit demselben seltenen Nachnamen aus dem Telefonbuch in ganz Deutschland anzurufen, um die Frau, um die es ging, wiederzufinden. Ich habe sie nicht gefunden, aber ich google bis heute manchmal ihren Namen, um hoffentlich irgendwann herauszufinden, was mit ihr passiert ist, obwohl wir kaum drei Monate zusammen hatten. Ich weiß nicht, warum ich zu so etwas banalem wie Menschen einfach zurücklassen nicht in der Lage bin. Zu etwas, das andere Menschen jeden Tag hundertausendfach tun. Ich kann niemanden allein lassen, der mir einmal wichtig war. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich immer nur dann eine Beziehung (und damit meine ich nicht nur Liebesbeziehungen) mit jemandem eingehe, wenn ich mir sicher bin, dass es für die Ewigkeit sein könnte. Und dass in einer Beziehung, die ich so einschätze, jedes wieauchimmer geartete Problem ein lösbares Problem ist, wenn man einfach nur darüber redet und keinerlei Scheu davor hat, dem anderen zu erklären, was eigentlich eben dieses verdammte Problem ist.

Leider bin ich oft mit dieser eigentlich grundeinfachen Einsicht, dass man Menschen, die man einmal nah an sich gelassen hat, nicht einfach wieder wegstößt, bis heute ziemlich allein. Daraus erwuchsen im Laufe der Jahre Stilblüten meiner Existenz, auf die ich gerne verzichten würde, wie eben das Googlen dieses einen Namens oder die Existenz jener teuflischen Dame, der ich ab und zu, aber dennoch auf regelmäßiger Basis mitteile, wie es mir geht, ohne jemals eine Antwort zu erhalten. Allerdings kann ich dennoch nicht nicht wirklich behaupten, dass mich diese Merkwürdigkeiten in irgendeiner Form in meinem Dasein einschränken würden. Im Gegenteil: Eigentlich mag ich meine Leichen im Keller, ich füttere sie oft und bilde mir, während ich das tue, ein, mit dieser Art von Verhalten besser zu sein als viele andere Menschen.


Der Sinn des Lebens (2009)

Eine abstrakte Dada-Collage

“Das Leben hat einen Sinn: / Seien sie oft altmodisch / Schwarz-Gelb ist wie für Sie gemacht! / BLOND. SIMPLY SEXY”


Im Fasanengarten (2009)

Im Fasanengarten

“Käpt’n Iglo im Fasanengarten / Sex and the Ökokurs”


Instant Poetry (CLVIII)

Ewig nach verbrauster Jugend schielend:
Er schien mir doch ein armer Hund, der Kerl.


Wort für Wort (LI)

„…aber anstatt mit ihr Sex zu haben, erzähle ich ihr, wie ich mich fühle. Und dann fahre ich mitten in der Nacht nach Hause in meine leere Wohnung, während Duweißtschonwer vermutlich grade irgendwo irgendwas mit irgendwem  treibt.“ – „Du bist echt süß.“ – „Süß? Ich bin so ein Softie, ich kotze mich selbst an.“


The Invocation (2009)

invocation-raventhird.de

Model: LD.


Instant Poetry (CLVII)

Inventur im Lyriklager:
Nur abgeranzte Metaphorik,
arg angestaubte Wortfeldreste,
zu kurze Hypotaxen
und ein paar kaputte Schüttelreime.


NeuRosen (LVI)

Manchmal, wenn ich aus der U-Bahn steige, dann laufe ich an dem stehenden Zug vorbei und blicke den Menschen, die dort sitzen und aus den Fenstern gucken, mitten in die Augen, während ich an ihnen vorbeigehe. Es ist erstaunlich, wie viele Leute sich dabei unwohl zu fühlen scheinen, wenn ich das tue. Wenn ich davon ausgehe, dass dieses Unwohlsein nicht an mir liegt (so gruselig sehe ich hoffentlich nicht aus), dann stellt sich mir unweigerlich die Frage, was dieses Gefühl sonst verursachen könnte. Diejenigen, von denen ich spreche, spielen sich dann plötzlich in den Haaren herum, zupfen ihre Kleider zurecht oder blicken schnell auf ihr Handy, wenn ihr Blick den meinen trifft. Ihre Reaktionen wirken fast so, als fühlten sie sich allein durch den Blickkontakt bei irgendetwas ertappt. Vielleicht beim Mensch sein statt nur Passagier.


Lonely Monkey Islands.

Die Erkenntnis dieses Abends lautet: Unterschätze niemals das Leben, Sebastian. Es hat oft noch diverse Joker in der Hinterhand.


Elegy (2009)

elegy-raventhird.de

Model: LD.


Schwanengesang.

Das draußen liegt sie, die Stadt, in die ich immer wollte. Es ist spätsommerlich warm, man müsste fast darüber schreiben. Ich kam auf den Tag genau nach vier Wochen mit dem Ende des Sommers zurück, und fand die Dinge, die mich hier wieder hingezogen haben, die mich in diesen vier Wochen so kämpfen haben lassen für das, was ich erreichen wollte, nicht mehr vor. Als ich noch eine halbe Stunde entfernt an einem Rastplatz hielt, um Sie anzurufen, war die Welt noch in Ordnung. Ich nehme Sachen so extrem detailliert war und zusätzlich ging alles so extrem schnell, in meiner Erinnerung ist es eher eine Zeitlupe aus einzelnen Bildern, wie ein Film, der nicht richtig abgespielt wird. Ich komme nach Hause, trage meinen schweren Koffer die Treppe in die Wohnung hinauf, die wir gerade eben erst zusammen bezogen haben, Sie wirkt extrem distanziert, ich versuche, Sie zu küssen und Sie dreht sich weg, mein Mund landet auf ihrer Wange. Am nächsten Tag kommt sie mit dem Klischeesatz wir müssen redennach Hause und zur Tür rein, ich höre schon gar nicht mehr richtig zu, das ist mir alles zu billig, ich bin doch Kreativmensch. Als Antwort auf fünfeinhalb Seiten Seelenstriptease schreibt Sie mir später einen pragmatisch-rationalen Brief auf einem einzigen Blatt Papier. Nach mehr als zwei Jahren einfach so in den Müll geworfen zu werden ist nicht jedermanns Sache, aber ich stecke es mit zwei bunten Spätsommerblättern, einem toten Marienkäfer mit spannendem Muster (gelbrot, neun Punkte, asymmetrisch verteilt) und einer frisch gedrehten Zigarette in die Hosentasche, weil so viele meiner Beziehungen so scheitern. Einfach so, explosiv und plötzlich, nach Jahren voller Glück.

„Willst Du mich nicht zum Abschied umarmen?“

Damit fing alles an. In den dunkleren Momenten der letzten Tage wünsche ich mir fast, es wäre damals tatsächlich ein Abschied und kein Anfang gewesen. Sie ist jetzt gerade irgendwo, ich darf mir nicht vorstellen, wo dieses irgendwo sein könnte, unser gemeinsamer Haushalt, behutsam im Verlauf dreier gemeinsamer Wohnungen aufgebaut, steht vor seiner Auflösung, die mir vorzustellen gerade noch ein großes Rätsel für mich ist, in meinem Job komme ich mit den einfachsten Aufgaben schlichtweg nicht zurecht, ich hoffe nur, dass es mir niemand übel nimmt, ich treibe mich mit wildfremden Leuten in dieser Stadt herum, will nur irgendwie möglichst schnell das vergessen, was noch gar nicht wirklich bei mir angekommen ist, ich will aber vor allem Menschen um mich haben. Denn wenn das wirklich bei mir ankommen sollte, dann würde es mich härter treffen als wegzustecken ich momentan in der Lage bin. Some dance to remember, some dance to forget*. Das Leben geht immer weiter, es endet nicht einfach in solchen Situationen, aber man selbst wird immer gefühlloser und gleichgültiger dabei. So was nennt man alt werden, glaube ich. Wichtig ist, dass man sich selbst nicht dabei verliert, so viel habe ich aus den immer wiederkehrenden Ereignissen dieser Art bereits gelernt. Daran, dass ich weiterhin nach dem einen Menschen für mich suche, besteht indes kein Zweifel. Daran, dass ich noch immer daran glaube, dass Sie dieser eine Mensch ist, eigentlich auch nicht. Sie sieht das leider nicht und ich kann es nicht ändern. Ab morgen werde ich versuchen, das Rauchen aufzugeben. Nein, ich werde es nicht versuchen, ich werde es tun. Daran, dass ich mich nicht verlieren werde, besteht Zweifel. Vielleicht bin ich schon dabei, hoffentlich kann ich das aufhalten. Ich liebe das Leben eigentlich über alles und hätte Dir das so gerne gezeigt, wenn Du mir eine Chance dazu gegeben hättest, Schwan. So gerne würde ich mit Dir die halbe Welt becouchsurfen, Schneeballschlachten veranstalten, den Mond von hinten photographieren, am Lagerfeuer mit Freunden tanzen, im Heu neben den Hühnern schlafen, zu Julia nach Berlin fahren, zu Deinem Vater fliegen, Grillparties in der Wohnung schmeißen, im Meer schwimmen gehen, so unfassbar gerne mit Dir nach Kanada in eine Kommune ziehen und irgendwann mit Dir zusammen Lieder darüber schreiben, wenn ich die Zeit habe, die Gitarre endlich richtig spielen zu lernen. Alles dreht sich neu im Kreis, ich werde gerade ein neuer Mensch, ich werde der Mensch, den Du immer wolltest. Der Preis dafür bist paradoxerweise Du. Das Leben hat einen verflucht brutalen Humor.

*The Eagles sind eigentlich scheußlich, muss man dazu sagen, aber der Satz trifft es.