Lorem Ipsum.

Diese Atmosphäre kurz vor einem Gewitter, wenn alles in stärkere und unwirkliche Farben getaucht ist. So fühlte es sich an. Ich saß an meinem Schreibtisch und öffnete das Programm – Open Office, meine Freunde rieten mir immer zu Word, aber ich hatte es nicht hinbekommen, mir das Ding illegal zu besorgen und ich hegte zu wenig Sympathie für Microsoft, um der Firma Geld in den Rachen zu werden – aber es kam wieder nichts aus mir heraus. Schreibblockade. Es ist ein absolut grauenhaftes Gefühl, keine Worte zu finden, wenn man sonst ständig und überall erzählt, dass das Schreiben das Einzige wäre, das einen wirklich glücklich macht. Eine plötzlich auftretende Blockade (bei mir kommen die Dinger niemals schleichend) macht einen Schreiber von einer Sekunde auf die andere zu einem überflüssigen Fleischhaufen, der irgendwo in einer Wohnung vor sich hingammelt.

Irgendjemand hat mir einmal erzählt, dass der längste Schluckauf 70 Jahre gedauert habe. Ich habe das nie nachgeprüft, aber immer wenn ich eine Blockade habe, dann muss ich daran denken, dass sie auch so lange dauern könnte wie der längste Schluckauf der Menschheitsgeschichte. Möglicherweise sogar länger, falls ich in den nächsten 70 Jahrens das Zeitliche segne, wovon bei meinem Lebenswandel im Grunde fest auszugehen ist. Der Gedanke an den Schluckauf ist inzwischen zu einem von mir mit mir selbst veranstalteten Ritual geworden, in den Phasen, ich über Tage keinen vernünftigen Satz formulieren kann. Das leere Blatt, standardmäßig eingestellt auf Times New Roman (serifenlose Schriftarten liegen mir bei der ersten Formulierung von Gedanken nicht, ich muss mich an den Haken und Ösen noch unfertiger Sätze entlanghangeln können), starrt mich dann auf eine Art und Weise an, die dafür sorgt, dass mir körperlich schlecht wird. Nicht selten so sehr, dass ich nach einigen Minuten einen Würgereiz bekomme und das Programm schließen muss. Es fühlt sich an, als würde die weiße Fläche direkt in meinen Kopf hineinglotzen. Nietzsche hatte keinen Computer, aber ich glaube, dass dieses von Schwachköpfen aller Arten, die eigentlich keine Zeile Nietzsche gelesen haben, gern benutzte Zitat von ihm mit dem Abgrund genau jenes Gefühl beschreibt, das ich empfinde, wenn ich an solchen Tagen vor dem Computer sitze und versuche, einen Text zu produzieren.

Man kann es nicht erzwingen, wenn man Nichts schreiben kann, auch wenn ich selbst oft gerne das Gegenteil behaupte. Freunden, die irgendwann in ihrer Jugend mal Gedichte und Tagebücher geschrieben haben und gerne wieder etwas zu Papier bringen würden, aber nicht wissen, wo und wie sie damit anfangen sollen, erzähle ich oft, dass es mit Inspiration nichts zu tun hätte. Man müsse nur Buchstabe an Buchstabe setzen, die Nummer wäre eher wie Fahrradfahren. Ich sage das, weil es gut klingt und wenn es nur einen einzigen Menschen dazu bringt, regelmäßig Gedanken zu verschriftlichen, dann hatte die Lüge schon ihren Sinn. Sie stimmt auf eine gewisse Art auch tatsächlich, aber andererseits sollte man, wenn man auf ein Fahrrad steigt, auch wissen, wo man verdammt noch mal hin will, sonst fährt man schurgerade gegen die nächste Wand, die im Weg rumsteht. Und ich habe in diesen Fällen, um die es hier geht, meistens das ungute Gefühl, meine Umgebung wäre mit ziemlich harten Wänden geradezu gepflastert.

Seltsamerweise fallen die Schreibblockaden immer auf die Phasen in meinem Leben, in denen ich sehr viele Sachen erlebe, fast so, als könnte sich meine Phantasie nur dann wirklich ungehemmt austoben, wenn ich gelangweilt und alleine in einer dunklen Kammer sitze und wochenlang mit niemandem rede. Als meine letzte Blockade mich voll erwischte, hatte ich gerade einen Sack neuer Menschen am Wegesrand gefunden, mit denen ich mich auf verschiedene Arten zu beschäftigen wusste (was insbesondere die junge Dame betraf, die bei einer der Parties meines besten Freundes aus Studienzeiten sturzbetrunken über meine Beine und anschließend direkt in mein Leben gestolpert war), mein Leben streunte also quietschbunt und chaotisch dahin, scheinbar ohne zu wissen, was es genau wollte, und ich hatte mich einfach hineinfallen lassen in diesen Strom aus Dingen, die ohne mein größeres Zutun einfach passierten und trieb dahin. Ich wusste, dass es ein Problem für mich werden könnte, aber ich tat dennoch wochenlang nichts dagegen.

Glücklicherweise vergrabe ich Nüsse. Wenn man ein kreatives Hobby hat und das Ganze mit einer gewissen Ernsthaftigkeit verfolgen will, dann ist es nie ratsam, alles zu veröffentlichen, selbst wenn die Produktivität auf einem der seltenen Hochs ist, an dem das Hirn jeden Tag mehrere Photos, Texte und Bilder auswirft, und man sich fühlt, als wäre der zugehörige Körper nur eine überflüssige und leider notwendige Maschine, die nie richtig gut funktioniert, weil sie alle 24 Stunden gefüttert und für mehrere Stunden abgeschaltet werden muss. Es ist immer ratsam, den eigenen Rhythmus einigermaßen beizubehalten, egal, wie gut es läuft, und alles, was überschüssig ist, zu sammeln. Ich sammle phasenweise massiv viel für schlechte Zeiten und das Ganze hat eine Eigendynamik entwickelt, die groteske Datenberge in unzähligen Ordnern auf meiner alten Festplatte anhäuft mit Dingen, die vielleicht nie jemand zu Gesicht bekommen wird, aber immer in den Zeiten, in denen ich an den Schluckauf denken muss und in denen mir beim Anblick eines leeren Office-Dokumentes schlecht wird, bin ich sehr froh darüber, dass es diese Verzeichnisse gibt. Einig der Sachen verderben im Laufe der Zeit, fühlen sich irgendwie ranzig an, wenn man sie viel später noch einmal betrachtet, und man muss sie entsorgen, aber das meiste davon bleibt erstaunlich frisch. Mal sehen, wie es diesen Zeilen ergeht.


Verwässerung, Allzumenschliches (I)

Ich kenne mein Los
von SG Bangs

Mein Name ist Simon Gabriel Bangs und ich bin Journalist. Nein, nicht die Art von Journalist. Ich bin keine schleimige, arschkriechende Kröte, die im Sendung mit der Maus-Duktus für die Dummen über Politik oder Medien schreibt, und sich dabei nicht traut, etwas zu sagen, dass über bloßes Nacherzählen von Handlungsabläufen mit ein paar sarkastischen Untertönen hinausgeht, die sowieso nur die bemerken, denen man den Scheiß eigentlich gar nicht erklären muss. Ich bin auch keiner von denen, die sich wie Parasiten an ein bestimmtes Thema oder bestimmte Personen klammern und in einer Art von symbiotischer Hassliebe auf genau dem hängen bleiben, das sie, wenn es, wie sie so oft in ihren „kritischen“ Artikeln fordern, abgeschafft würde, arbeitslos und mit innerer Leere zurücklassen würde. Nein. Ich schreibe über das Leben und das, was da draußen so passiert. Ich schreibe Essays über das, was mit mir geschieht, wenn ich die Stadt unter meinen Füßen und den Geruch von ihrer Natur entfremdeten Menschen in meiner Nase habe. Mindestens 7000 Zeichen, das ist die einzige Vorgabe für einen meiner monatlichen Artikel in der Zeitung, für die ich mich dort draußen herumtreibe. Wäre es nicht um des Schreibens willen, dann hätte ich schon lange aufgehört, meine Wohnung zu verlassen. Ich bin die Menschen eigentlich leid. Ich bin ihre Dummheit und Ignoranz leid, es ist so sinnlos, gegen diese kollektive Apathie anzukämpfen. Kaum hat man zwei Idioten nach wochenlanger Überzeugungsarbeit von irgendetwas begeistert, schon wachsen vier andere Trottel nach, die dieselben alten Dummheiten wiederholen und weiter zementieren. Es frustriert mich, aber andererseits hält mich genau das im Geschäft. Ich habe immer gesagt: „Je dümmer die Menschen, desto höher mein Marktwert“, und ich glaube, dass das der Kern ist, aber es ist auch das zentrale Dilemma, dem ich nicht entkomme. Wissen Sie: Früher dachte ich, dass es ein Problem des Ortes wäre. Ich träumte immer davon, dem kleinen Dörfchen, in dem ich wohnte, in dem die Namen Franz Kafka, Emily The Strange und Hunter S. Thompson nicht mehr waren als etwas, das man im Glücksfall irgendwo schon mal aufgeschnappt hatte, zu entkommen und in die große Stadt auszuwandern, wo ich, so zumindest glaubte ich, meinesgleichen finden würde. Irgendwann schaffte ich es dort raus. Die Städte wurden über die Jahre größer und größer, aber ich fand dennoch nie diese Menschen, die ich suchte. Ich blieb allein. Also begann ich zu schreiben. Ich schrieb mir jede Nacht mein Gehirn aus dem Leib und je mehr ich schrieb, desto mehr hatte ich das Gefühl, endlich zu einem Ich zu finden, dass diesen Antrieb, andere Menschen kennen zu lernen, nicht mehr als Grundlage für sein eigenes Dasein brauchte. Ich war einfach nur noch. Und ich war verdammt glücklich damit.

Am liebsten schreibe ich über das Schreiben. Sie würden das Selbstreflexivität nennen, weil Sie ein schmieriger, pseudointellektueller Wichser sind, der das Prinzip aus seinem eigenen Handeln kennt und es gerne vor sich und vor anderen rechtfertigen will, ohne zugeben zu müssen, worum es sich dabei eigentlich handelt. Ich sage Ihnen, was es wirklich ist, wenn man über das schreibt, was man sowieso die ganze Zeit tut: Sich gehörig einen runterzuholen auf sich selbst, das ist es. Mehr nicht. Kaboom. Und jetzt erzählen Sie mir nicht, dass ich die Unwahrheit sage, ich kann Ihr zustimmendes Altherrengrinsen durch die Zeilen hindurch sehen. Ich schreibe über das Schreiben. Ich kann Ihnen zwanzigtausend Worte voller blumiger Metaphern und Chiffren für den Schreibprozess um die Ohren hauen, die Sie absolut davon überzeugen werden, dass ich die Sache verstehe, dass ich das Ganze durchschaut habe, die am Ende aber allesamt riesengroßer Bullshit sind, den ich beim Tippen einfach erfinde. Lassen Sie es mich so formulieren: Schreiben besteht eigentlich aus zwei Teilen: Aus dem Leben und aus dem Lesen. Sie können nicht schreiben, wenn Sie nichts erleben, denn sonst kopieren sie nur sinnlos Gefühle aus Novellen und Romanen, die Sie selbst gar nicht nachvollziehen können. Andererseits aber können Sie nichts von dem, was Sie da draußen erleben, festhalten, wenn ihnen das Vokabular fehlt, das Sie wiederum nur über den Konsum von Literatur erwerben können. Verstanden? Sie fallen an dieser Stelle auf das rein, was ich drei Sätze vorher erklärt habe: Das ist natürlich kompletter Nonsense. Schreiben Sie einfach drauf los, egal, wer oder wo Sie sind und lassen Sie dabei alle Hemmungen und Blockaden in Ihrem Kopf fallen. Wenn Sie schreiben, dann passiert das ganz automatisch. Sehen Sie? Sie glauben mir schon wieder, obwohl ich sie gerade eben erst aufs Kreuz gelegt habe.

Vor ein paar Jahren habe ich einen Roman geschrieben. Eine Polemik, unter einem der zig Pseudonyme, die ich mir im Laufe der Zeit zugelegt habe, um ein paar unterschiedliche Perspektiven auszuleben, die ich nicht mit mir als Person in Verbindung gebracht haben wollte, weil die Leute trotz dreihundert Jahren Literaturwissenschaft nicht in der Lage sind, einen Text von seinem Autor zu trennen und als ein Stück eigenständige Kunst zu betrachten. „Also sprach Zarathustra“ auf Crack in der Postmoderne, wenn sie es zu einer billigen Schlagzeile verdichtet hören wollen. Es wurde glatt in der Luft zerrissen. Ich liebte es, wie es missverstanden und zerfetzt wurde und in den Kommentarspalten der großen Zeitungen und Blogs wetterte ich selbst am leidenschaftlichsten gegen das Buch. Es landete in der ersten Woche auf Platz Eins der Bestsellerlisten und blieb dort lange genug, um mir für den Rest meines Lebens meine zur damaligen Zeit gleichermaßen auf den Gipfel wachsende Zuneigung zum Alkohol und anderen Mittelchen nebst Autos, Wohnungen, Frauen und sonstigen Dekadenzien zu finanzieren. Um ehrlich zu sein interessierte mich dieser ganze Kram aber nie wirklich (ja, ich brauchte einige Zeit, um das zu verstehen). Das wirklich Gute daran war nicht das Geld, sondern die Freiheit und der Ruhm. Und die Ehrfurcht in gewissen Kreisen geradliniger Typen, in denen ich mit meiner verwinkelten Persönlichkeit vorher nur aneckte. Ich konnte also locker mit verfilzten, ungewaschenen Haaren, einem ausgebleichten Godspeed You Black Emperor-Shirt und einer selbstgedrehten Zigarette im Mundwinkel mitten in die angesehene Redaktion der Zeitung, für die ich diese Zeilen hier tippe, reinspazieren und alle wichen ehrfürchtig vor mir zurück, als wäre plötzlich ein Gespenst in ihrer Mitte aufgetaucht. Ein wandelndes Klischee, das war ich, und ich wandelte schnurstracks in das überdimensionierte Büro des Chefredakteurs und holte mir diesen Job. Und nun sitze ich hier und tippe. Mindestens siebentausend Zeichen. Zwei lange Spalten und ich habe keine Angst davor, dass ich es nicht schaffe, den Platz zu füllen, keine Angst vor den Reaktionen irgendwelcher Menschen, die in meinem Leben sowieso nie eine Rolle gespielt haben und nie eine Rolle spielen werden, weil sie die Art von Menschen sind, die ihren Kindern später erklären müssen, dass sie ihr Leben damit verbracht haben, unzeitlose Sachen über diese kompletten Versager in der Politik in ihre Tastaturen gehämmert zu haben und doch nichts ändern konnten. Ich habe Angst vor mir selbst und vor dem, was diese Kolumne mit mir macht. Seit dem Buch habe ich nicht mehr ernsthaft geschrieben. Ich habe ein bisschen diese neuen Medien ausprobiert, mit den Clowns auf Twitter auf Wortspielchen rumgekaut, ein bisschen gebloggt und mich über die Dummheit in Blogs aufgeregt, hier und da Gedichte geschrieben, für die ich mich immer nur rechtfertigen musste (was weniger an den Gedichten selbst, als vielmehr daran lag, dass heute niemand mehr Gedichte schreibt und man unweigerlich so erscheint, als wäre man komplett aus der Zeit gefallen, wenn man sich an Lyrik versucht, die über das Niveau 16jähriger Emo-Mädchen auf Myspace hinausgeht) und mich immer wieder an diversen Experimenten versucht, die eigentlich ein Weglaufen waren. Das hier ist mein großes Comeback. Und ich freue mich irgendwie darauf, ein paar blutige Nasen zu verteilen, wenn ich ganz ehrlich sein soll.


Schlummer. Ein Geschichtchen.

Für Ju.

1. Viertel nach Vier.

Als Lisa erwachte, hörte sie ein Geräusch. Das irritierte sie. In ihrem Haus gab es normalerweise keine Geräusche und schon gar keine zu dem Zeitpunkt des Erwachens oder kurz danach. Sie schlug ihre Augen auf (was sie eigentlich immer erst mehrere Minuten nach dem Aufwachen tat, um den Übergang zwischen Traumland und realer Welt sanfter zu gestalten) und blickte sich in ihrem Schlafzimmer um: Es war nicht auszumachen, was das Geräusch verursacht haben könnte und auch die Natur des Geräusches (es hatte sich bei dem Gehörten um ein dumpfes, völlig unmelodisches Gurgeln gehandelt, nicht etwa wie das Gurgeln von Wasser, dem, selbst wenn es Brackwasser ist, das den rostigen Abfluss der Toilette einer Altbauwohnung hinunterfliesst, doch immer eine gewisse phonetische Anmut innewohnt, die ihm von der Natur mitgegeben ist) ließ keinen Schluss auf seine Herkunft zu.

„Hallo?“ warf das Mädchen in den Raum, als ob es als Quelle des verwirrenden Tones jemanden oder etwas ausgemacht hätte, der auf Fragen auch antworten konnte. Aber es antwortete niemand. „Hallo!“ sagte Lisa erneut und dieses mal gab es keinen Zweifel daran, dass am Ende der Äußerung ein Ausrufezeichen stand. Ein paar Sekunden war alles still, dann gurgelte es wieder. „Das ist unter dem Teppich“, dachte sie, und noch bevor sie die durch diesen Gedanken in ihrem Kopf ausgelöste Assoziationskette zu Ende bringen konnte (ein Ende übrigens, das eine Wiederauffrischung eines alten Kindheitstraumas auslösen hätte können, welches daher rührte, dass sie den Kopf  vor vielen Jahren einmal unter einen großen Teppich gesteckt hatte, um kurz nachzusehen, ob darunter wirklich Monstren lebten, dann immer weiter darunter gekrochen war und sich schließlich heillos in der Dunkelheit unter dem schweren, alten Gewebe verirrt hatte, bis sie nach Stunden von ihrem Vater entdeckt und befreit wurde, zu einem Zeitpunkt, zu dem sie sich bereits resignierend auf den aus ihrer Sicht in Kürze nahenden Tod eingestellt hatte), war der Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit nicht mehr vorhanden. Der Teppich war einfach verschwunden.

Nun haben es Gegenstände in der Welt, in der wir uns befinden, im Allgemeinen nicht an sich, einfach zu verschwinden, es sei denn, es handelt sich dabei um skurrile Fundstücke aus dem Photoarchiv von Lisas Großmutter, die sich sehr häufig im Zusammenhang mit den Besuchen der jungen bei der alten Dame im Nichts auflösten, von daher ist es sicherlich nicht verwunderlich, dass die anfängliche Verwirrung auf Seiten der Protagonistin an dieser Stelle der Geschichte sehr plötzlich in Angst umschlug. Die Schallwellen eines schrillen Kreischens verbreiteteten sich bis in die hintersten Winkel des Hauses, dieses mal sehr genau einer Quelle zuordenbar (Lisas Mund), schafften es aber aus dem Zimmer im ersten Stock nicht, bis zu den Nachbarn zu dringen, die sich im Vorgarten des angrenzenden Anwesens zu diesem Zeitpunkt bereits schmutzige Witze erzählten („Wer fickt besser, dein Hund oder der Postbote?“), Long-Island Ice Tea tranken und ihre Vorliebe für skurrile Sonnenhüte offenherzig zur Schau stellten. Zur Verteidigung der Nachbarn (obwohl wirklich niemand in der ganzen Stadt die Langheinrichs wirklich verteidigen würde), könnte man anbringen, dass Lisa Langschläferin war, was die Sache mit dem Alkohol etwas relativiert, die Sonnenhutgeschichte aber keineswegs rechtfertigt.

[unleserliche Passage im Manuskript]

Und genau genommen war Schlafen auch schon das einzige, das Lisa wirklich gerne tat. Manchmal fand sie auch Spass daran, Männer emotional zu quälen, aber in den meisten Fällen schien ihr das deutlich zu anstrengend angesichts dessen, was man für die ganze Mühe an wenig innovativen Reaktionen von Seiten der mit Penis bestückten Hälfte der Gesellschaft geboten bekam.

2. Gespenster im Hof.

„Jetzt mal ehrlich: Ich will Dir doch bloß helfen, Simon“, sagte er. Ich verschränkte die Arme vor mir. Es war Antwort genug.

Er seufzte. „Ok, pass auf, ich erkläre es Dir anders: Es ist sicherlich ein guter Einstieg. Alice meets Kafka, das Erwachen, eine merkwürdige Situation, ein junges Mädchen. Fast klassisch. Aber weißt Du denn wirklich, wo der Kram hinführen soll? Sei mal bitte ehrlich.“

„Ich habe den Schlusssatz schon geschrieben“, sagte ich.

Frank zögerte kurz mit seiner Antwort, ein alter Trick von ihm, auf den ich immer wieder reinfiel. Wenn er auch nur eine Millisekunde zu lange nicht antwortete, dann fühlte ich mich meist derart verunsichert, dass ich damit begann, mich vor ihm zu rechtfertigen und ich tat das oft, indem ich seine Kompetenz in Frage stellte (was mir im Nachhinein in 95% aller Fälle schrecklich leid tat und schlussendlich zu vielen Erinnerung der Marke „weißt Du noch damals, als Du ausgetickt bist, obwohl ich Recht hatte“ führte).

„Was weißt Du denn davon? Du hast den Kram vielleicht auch studiert, aber guck Dich mal an in Deinem Anzug und in Deiner ganzen Arschkriecher-Art: Du bist nur ein verfluchter Geschäftsmann. Mehr nicht.“

Es traf ihn.

Der Mann mit der hohen Stirn, der an diesem Tag nicht einmal wirklich einen Anzug, sondern nur ein Jackett nebst legerer Alltagskleidung trug, begann damit, seine auf meinem Schreibtisch verteilten Sachen einzusammeln.

„Ja, dann geh halt. Ich habe sowas von die Nase voll von Dir, Frank. Ich habe den Schlusssatz schon geschrieben, und was das heißt, das wirst Du auch in tausend Jahren nicht begreifen. Ich habe noch nie so früh schon gewusst, wo die Sache endet“, sagte ich.

Frank sagte zuerst nichts. Er war eigentlich viel zu diplomatisch und kannte mich zu gut, um sich in dieser Situation auf Diskussionen einzulassen, und genau das liebte ich an ihm. Aber an diesem Tag hatte ich schon zuvor den Bogen mehr als einmal überspannt.

„Du weißt überhaupt nicht, wie es endet“, sagte er. „Dir sind ein paar zufällige, kontextlose Zeilen eingefallen, die Du für das Ende einer Geschichte hältst, und weil Du gestern Nacht betrunken diese Geräusch-Teppich-Nummer aus Deinem verkorksten Hirn rausgeholt hast, glaubst Du jetzt, die beiden Textbausteine hätten irgendeine Verbindung metaphysischer Art, die nur Du allein erkennen kannst. Also wirst Du 220 Seiten wirren Mist dazwischen tippen und es für Bestimmung halten. Und dann haben wir Deinen dritten Flop in einer Reihe und Du kannst einpacken. Du kannst wieder als Gärtner arbeiten, wenn Du das hier weiterschreibst und wenn wir es drucken lassen. So sieht leider die Realität aus.“

„Ich träume heimlich schon die ganze Zeit davon, wieder als Gärtner zu arbeiten“, sagte ich.


Revision.

Ich hatte eigentlich vor, Ihnen an dieser Stelle zu erzählen, dass ich vergessen habe, wann die Geschichte spielt, die niederzuschreiben ich gerade im Begriff bin. Ich hatte vor, den Inhalt damit etwas märchenhafter zu gestalten, das Ungeheuerliche, das zweifelsohne in ihr wohnt, ein Stück weit zu bannen und ihren inhaltlichen Kern über dieses für jedermann ausgesprochen leicht als literarisch zu erkennende Genre in die Fiktion abzuschieben. Es gelang mir nicht. Es ist nämlich leider so, dass ich noch nie sonderlich gut lügen konnte (alle meine Versuche in dieser Hinsicht wurden von den Belogenen immer schnell enttarnt), und so klang auch die Einleitung der Geschichte nach dem Verfassen derart konstruiert, dass Sie (Ihren messerscharfen Verstand setze ich voraus, ich kenne doch die Menschen, die mir hier zulesen) schon nach wenigen Sätzen gesagt hätten: “Moment mal! Irgendetwas stimmt doch hier nicht!”

Dann hätten Sie vielleicht mit der Faust auf den Tisch geschlagen, ihrem imaginierten Mir eine Drohgeste über den Rand der Seiten hinweg gezeigt oder noch schlimmer: das Manuskript direkt zusammengeknüllt und in den Papierkorb geworfen. Derartige Reaktionen wollte ich auf das Dringlichste vermeiden, denn in diesem Fall hätten Sie nie erfahren, was ich Ihnen zu berichten habe. Ich schreibe diese Einleitung stattdessen also gänzlich wahrheitsgemäß und ich bin froh, dass ich Ihnen im Zuge der Neufassung auch das Geständnis von meiner geplanten Lüge machen kann, denn es sagt doch einiges aus über das Verhältnis von einem Menschen, der schreibt zu dem, der den Text anschließend liest, wenn man ehrlich zueinander sein kann. Natürlich ist mir klar, dass das auch Gefahren birgt: Gerade die Ehrlichkeit, mit der ich davon berichtet habe, wie ich Sie täuschen wollte, was den Zeitpunkt der Handlung der Geschichte angeht, die zu erzählen ich vorhabe, könnte in der Konsequenz natürlich zu dem gegenteiligen Effekt führen, dass Sie mir gänzlich misstrauen. Dieses Risiko gehe ich ganz bewusst ein.

Wenn Sie genau zugelesen haben, dann werden Sie bemerkt haben, dass ich davon sprach, dass die erste Einleitung bereits geschrieben wurde. Selbiges trifft zu, allerdings habe ich besagtes Dokument direkt nach der zweiten Korrekturlesung vernichtet, so dass es nicht mehr zugänglich ist. Ich will nichts vertuschen, ganz im Gegenteil bin ich, wie Sie aus diesen offenen Zeilen sicherlich entnehmen, um radikale Aufklärung der Situation bemüht, von daher vertrete ich auch die klare Position, dass Sie diese Informationen benötigen, um mich und das Folgende gänzlich verstehen zu können. Bestimmt werden Sie jetzt laut auflachen und sagen: “Jaja, vernichtet, ha, aber in seinem Kopf hat er die falschen Angaben noch!” und Sie haben jedes Recht dazu, das zu denken, denn es ist ja die Wahrheit: Ich erinnere mich genau an jene Sätze. Allerdings kann ich Ihnen versichern, dass sie meinen Geist nicht wieder verlassen werden, denn ich will die Sache ja nicht noch zusätzlich verkomplizieren, indem plötzlich zwei Versionen kursieren, die sich gegenseitig negieren, schließlich berief sich auch die erste Fassung darauf, dass gegenteilige Behauptungen falsch wären, was alles nicht unbedingt leichter macht, vor allem, wenn man bedenkt, dass dort sogar ganz ausdrücklich geschrieben stand, dass nur diese Zeilen und keinerlei folgende Niederschriften desselben Sachverhalts als einzige der Wahrheit entsprächen, völlig egal, was der Autor in Zukunft behaupte.


Form & Funktion.

Tu irgendwas. Wir verlieren. Tu endlich das, wofür wir Dich haben. Ich kann es nicht mehr aufhalten. Doch, ich kann, aber ich will es nicht mehr aufhalten. Ich habe es zu lange aufgehalten, als dass ich jetzt noch weiter könnte, denn ich verliere den Verstand dabei, das noch weiter zu tun. Ein Griff ins Klo und ich bin wieder am Anfang. Wie kann das passieren? Wo bist Du? Du bist irgendwo da draußen und rennst herum wie ein offenes Rasiermesser. Und Menschen schneiden sich an Dir. Der Mann mit dem Bart hat Recht.

Irgendetwas dreht sich um sich selbst. Dann beginnt es damit, sich selbst zu aufzufressen, es ist ein Bild wie aus einem dieser surrealen Filme, wie sie von Computernerds mit virtuellen Kameras in hochentwickelten Programmen gedreht werden, die etwas von Design verstehen und Kunst mögen, aber keine Ahnung vom Leben haben, weil sie ihre Rechner und die dunklen Kammern nie verlassen. Wie es an sich nagt, wie eine Raupe, die an einem Blatt nagt:  Eine amorphe Form in erdigen Pastellfarben, die sich selbst verspeist.

Tu irgendwas. Wir gewinnen. Tu endlich das, wofür wie Dich haben. Ich kann es nicht mehr lange behalten. Doch, ich kann, aber ich will es nicht mehr behalten. Ich habe es zu lange behalten, als dass ich jetzt noch weiter könnte, denn ich verliere mein Herz dabei, das noch weiter zu tun. Ein Schritt ins Luftschloss und ich bin wieder am Ende. Wie kann das passieren? Wo bist Du? Du bist irgendwo da draußen und rennst herum wie ein Wattebausch. Und Menschen prallen einfach an Dir ab. Der gut rasierte Mann hat Recht.


Nano (V)

Morgen: Wunschkonzert auf dem Ponyhof (mit Zuckerschlecken!), danach noch ein bisschen ziellos rumgeistern.


Nano (IV)

Früher dachte ich, dass wir später heiraten. Doch dann schlug der jugendliche Irrsinn bei mir kreative Wurzeln, bei Dir in Schlimmeres um.


Kausal.

„Nimm das Ding aus dem Mund“, sagte er. „Ratten rauchen keine Zigaretten.“

„Du willst Dir zwanghaft ein Stück von Deiner Realität bewahren, was?“, sagte ich. Ich zog an dem Glimmstängel und blies ihm den Rauch direkt ins Gesicht. Er wich einen Schritt zurück, drehte sich dann um und kotzte auf seine ledernen Cowboystiefel.

„Sorry, ich hab wohl was Falsches gegessen. Wusste nicht, dass Du so ein feines Näschen hast.“

Er wischte sich mit dem Handrücken zuerst einen Rest Kotze vom Mund, dann einige Schweißperlen von der Stirn. Ein undefinierbares Stückchen von dem, das er eben in der falschen Richtung wieder aus seinem Körper befördert hatte, blieb dabei in seinem Haar kleben.

„Was willst Du von mir?“

„Wie kommst Du auf die Idee, dass ich irgendwas von Dir will?“, fragte ich. „Wir sind hier nicht in irgendeiner Geschichte, deren Plot unweigerlich auf ein bestimmtes Ereignis hinausläuft. Du bist hier reingekommen, weil Du ein viel zu neugieriger Bastard bist, und ich sitze einfach hier rum und rauche. Pattsituation, wenn Du es so nennen willst. Du kannst mir glauben, dass mich Deine plötzliche Anwesenheit genau so schockiert wie Dich meine Erscheinung.“

„Ich rede mit einer kettenrauchenden Ratte in menschlicher Größe, die in einem verfickten Schaukelstuhl sitzt“, sagte er und lachte heiser, „und bekomme erzählt, dass ich genau so schockierend bin.“

„Guck mal öfter in den Spiegel“, sagte ich und kicherte fiepend. Ich nahm einen weiteren Zug von der Zigarette, drückte sie dann auf einer weißen Stelle auf meinem Bauch aus (was mit einem Zischen einen leicht süßlichen Geruch von verschmorten Haaren und Fleisch in den kleinen Raum entließ) und sprang Mr. Cowboystiefel mit einem Satz, den er schon aufgrund der schieren Geschwindigkeit meiner Bewegung nicht kommen sehen konnte, an, krallte mich an seinem Pullover fest und nagte blitzschnell sein Gesicht weg. Zu meiner Überraschung wehrte er sich nicht einmal, sondern kippte nur nach einiger Zeit, als ihn eine Ohnmacht davon erlöste, dieses Ereignis bewusst miterleben zu müssen, tonlos auf den Rücken.

Natürlich war es darauf hinausgelaufen. Es lief immer darauf hinaus. Was würden Sie denn denken, wenn Sie mir in dem kleinen Zimmer dieses alten Hauses begegnen würden? Diese Geschichten schreiben sich selbst. Einige sehen einen schwarzen Mann in mir, viele irgendein unförmiges, nicht genau fassbares Wesen mit Krallen und Zähnen, manche, die ganz wenig Phantasie haben, irgendwelche Monstren aus ihren Lieblingsfilmen, aber alle glauben ganz instinktiv, dass ich sie am Ende umbringen werde. Und genau das passiert dann auch. Es gibt einfach keinen Optimismus mehr auf dieser Welt.


Verlauf.

Du hattest gesagt, dass Du warten würdest.

Es war gelogen.

Ich wusste den Weg nicht und ich hatte mich verlaufen, deswegen rief ich Dich auf Deinem Mobiltelephon an, aber Du warst nicht da oder Du ignoriertest einfach meinen Anruf, ich weiß es nicht mehr genau, denn ich habe es verdrängt.

Etwas in mir wollte Dir Vorwürfe machen, aber ich ließ das nicht zu, ich stand weiter zu Dir, auch wenn mein Verstand Dich direkt verteufelte.

Wir hatten die Welt in der Hand und wählten den imaginären Spatz auf dem Dach eines Schlosses, das nur in unseren fiebrig-egoistischen Phantasien der Zukunft Bestand haben konnte.

Du machtest die Regeln und ich spielte das Spiel.

Ich bin das Aluminium. Ich bin das Dach.

Und Du bist das Schloss. Aber das zählt längst nicht mehr, denn es ist eine Binsenweisheit aus einer Zeit, die nicht mehr ist.

Ein Reh mit einem Tuch im noch schwach ausgeprägten Geweih kam den Weg entlang und ich fragte es nach Dir und es winkte nur hilflos mit seinem Tuch und verschwand dann im Wald.

Also rief ich nach Dir und irrte ziellos durch das Gestrüpp, aber Du antwortetest wieder nicht und irgendwann stand ich allein an einem Knotenpunkt und blieb einfach stehen und dann schlug ich Wurzeln.

Meine Wurzeln gruben sich mit jedem Tag, den ich dort stand, tiefer in die Erde.

Meine Haare wurden nach einiger Zeit grün und meine Haut wurde irgendwann ganz braun und ganz hart.

Mir wuchsen zuerst neue Arme, dann wuchsen mir neue Finger.

Immer mehr davon.

Irgendwann kamen Männer mit Helmen und mit mechanischen Sägen.

Sie sägten mir zuerst die Arme ab und dann mitten durch meinen Körper.

Ich habe an Dich gedacht, als sie begannen, mich zu zersägen, und ich stelle mir gerne vor, dass Du in genau diesem Moment auch an mich gedacht hast. In meiner Vorstellung treffen sich unsere Gedanken irgendwo in der Mitte der Entfernung, die zwischen uns war und spielen unsere Geschichte in einem metaphysischen Theater immer wieder in neuen Variationen nach, bis sie endlich einen Weg finden, das Schauspiel auf eine Ebene zu verfrachten, auf der die Darsteller aufgrund der schieren Quantität der sich tendenziell endlos wiederholenden Auftritte und der daraus resultierenden, prägenden Erfahrung mit dem Material mit ihren Rollen komplett verschmelzen. Und schließlich miteinander.


Im Gestern.

„Findest Du es verwerflich, wenn man Ereignisse in seinem eigenen Tagebuch so wiedergibt, wie man sie sich zu passieren gewünscht hätte?“

„Wieso sollte ich das verwerflich finden?“

„Ich weiß nicht. Es kommt mir wie eine Fälschung vor.“

„Ach, komm schon. Unterschiedlich arbeitende Gehirne, verblassende Erinnerungen, Beobachtungen mit Brennpunkten auf unterschiedlichen Dingen: Das sind die eigentlichen Verzerrer. Dinge so aufzuschreiben, wie man sie gerne erlebt hätte, das ist einfach nur konsequent. Man interpretiert die Sachen, die einem zustoßen, doch sowieso so lange, bis sie  irgendwie in das eigene Leben reinpassen.“

„Wenn man Optimist ist.“

Ich lächelte. „Ja, wenn man Optimist ist. Du bist doch einer, oder?“

„Hm. Ich glaube, ich habe mich noch nicht entschieden. Also glaubst Du, es ist sogar gut, alles aufzuschreiben, wie immer man will?“

„Es ist perfekt. Zuerst machst Du die Erinnerungen in Worten konkret, gibst ihnen Körper, und dann schreibst Du sie in Dich hinein und lässt nicht mehr zu, dass sie in Deinem Kopf wild herumwuchern, wie es ihnen gerade passt.“

„Geschichtsfälschung als persönliche Überlebensstrategie. Das machen ziemlich viele Menschen, wenn man mal darüber nachdenkt. Wahrscheinlich mehr als man glaubt. Besonders diejenigen, die kein Tagebuch führen. Aber die benutzen eher Leerstellen. Vergessen und Verdrängen. Anders könnten die sich doch gar nicht aushalten.“

„Das glaube ich auch. Es ist ja eigentlich ganz einfach: Geschichte ist nur das, was überdauert. Wenn es ohne Dich keine Geschichte gäbe, dann revidierst Du nichts. Du schreibst es.“

„Aber was mache ich, wenn mein Tagebuch irgendwann jemandem in die Hände fällt, der weiß, wie das alles wirklich passiert ist? Man würde mich im Nachhinein für verrückt erklären.“

„Tausch doch zusätzlich die Namen der Leute gegen Phantasienamen aus und schreib groß Literatur darüber. Das klappt.“


Nano (III)

Manchmal sind wir wie Rapunzel und Medusa, die sich gegenseitig Zöpfe flechten.


re:publica 2010: „Kreisbewegungen, oder?“

Zwei Mal wagte ich am gestrigen Tag den Versuch, einen „ernsthaften“ Artikel über die re:publica 2010 in die Tastatur zu hacken, ich wollte diesen bunten, wilden Social Media-Gemischtwarenladen an drei Locations mit neun Veranstaltungsräumen, zig Workshops, Seminaren und Vorträgen und 2500 Besuchern mitten in Berlin, dieses Internet mit echten Menschen aus distanzierter, journalistischer Perspektive betrachten. Ich musste daran scheitern: Allzu schnell bemerkte ich, dass ich, egal, was ich schreibe, der Veranstaltung damit genau so wenig gerecht werde wie alle diese ignoranten Artikel über die „Bloggerkonferenz“, die in den letzten Tagen in allen großen Holzmedien erschienen sind. Nein, sie war nicht hochgradig selbstreferentiell, diese re:publica, sie war aber auch nicht sonderlich visionär. Sie war nicht mit ausschließlich hochwertigen Veranstaltungen gespickt, aber auch nicht mit schlechtem Inhalt übersät. Sie ist kein Vorbote einer Zersplitterung der Netzkultur, aber wirkliche Schnittmengen gibt es zwischen Teilen der Twitteria (ich meine damit sicher nicht die Leute, die nebenbei auch ein bisschen ihre Links über die Seite schicken, sondern eher diejenigen, die am späteren Abend Twitter mit StudiVZ verwechseln und darüber schreiben, wer gut auf der Tanzfläche aussieht) und netzwerkenden Social Media Beratern in vielen Fällen tatsächlich nicht mehr.

Ein Brain-Stream, stattdessen: „Content is King“, Du sollst Deine Besucher wertschätzen, Realsatire pur im Vortrag „Blogs monetarisieren“. Extrem flache Tipps und Kniffe, mit denen man angeblich mehrere tausend Euro monatlich beim Bloggen verdienen kann, treffen amerikanische Fernsehprediger-Mentalität mit ein bisschen billiger Comedy. Den Leuten gefällt es. Die Menge johlt auch dem Wikileaks-Mann zu, der ein paar Powerpoint-Folien abliest, die erzählen, was sein Unternehmen so macht und der anschließend eine halbe Stunde lang Beispiele eben dafür auflistet. „Hätte ich bei Wikipedia detaillierter selbst nachlesen können“, denke ich, da twittern schon die Ersten über angebliche Standing Ovations. Dabei sind von einigen hundert Zuhörern nur drei oder vier Leute in der ersten Reihe aufgestanden, und die klatschen eher für das Projekt an sich, nicht für den Vortrag, jede Wette. Ein Hattrick macht das locker wett: Der halbe Popstar Jeff J. ruft das Zeitalter der Post-Privacy aus und erklärt anschaulich, warum er der Meinung ist, dass es nur positive Effekte haben kann, so öffentlich wie möglich zu agieren. Anschließend geht er, zur Untermauerung seiner These, mit ein paar Besuchern der #rp10 tatsächlich in die Sauna. Nackt sind wir alle gleich, das ist die Botschaft. Und ich hielt die Ankündigung in der Rede noch für einen Witz. Was hingegen passiert, wenn die Öffentlichkeit ein paar öffentliche Sachen nicht so toll findet, und wie man die dann unvermeidlichen Trolle unter Kontrolle hält, erläutert später Sascha L. in einer unterhaltsamen, selbstironischen und dennoch tiefsinnigen Rede, die mit „How To Survive A Shitstorm“ betitelt ist. Spannende These: Irgendwann, wenn sie ausufert, dann wird die Schlammschlacht gar zur Anti-Kritik, in der der eigentliche Kern der Kritik hinter einem braunen Trolltornado verschwimmt. Dazwischen das absolute Highlight: Prof. Dr. Peter K. referiert über zwei Gruppen von Heavy-Netzusern, die sich gar nicht verstehen können, weil sie mit anderen Bewertungen auf gleiche Dinge blicken, am nächsten Tag falsch wiedergegeben („Internetversteher vs. Nicht-Versteher“) von den meisten Zeitungen, die möglichst schnell Artikel darüber in die Online-Ausgaben bringen müssen.

Slow Media geht anders, nämlich mit Qualität und Hingabe. Der Vortrag dazu ist allerdings so überfüllt, dass ich den Versuch entnervt aufgebe, dort tiefere Information zu erhaschen und mich wieder in den Hof begebe, wo die Digital Natives sich beim Plausch seit Tagen gegenseitig Honig um den Mund schmieren. Wir verteilen für den 13. Stock die ganze Zeit an diverse Leute WanderCamp-Buttons, ich verstecke ein paar wenige Zettelgedichte auf den Toiletten. Im Vorbeigehen sehe ich vor der Kalkscheune ein paar rauchende alte Männer mit Poken, den Internet-Tamagotchis von 2008, herumspielen, die über die junge Netzgeneration schimpfen, die angeblich nichts selbst aufbaut und nur die vorhandenen Ami-Netze nutzt, und schäme mich fremd, denke aber gleichzeitig unwillkürlich darüber nach, ob das uns in ein paar Jahren auch so gehen wird. Wird man uns irgendwann auch auslachen, weil wir uns permanent im Netz mit dem Netz beschäftigen, aber alle anderen es bereits als ganz natürlichen Lebensraum entdeckt haben, über den man eigentlich gar nicht mehr wirklich reflektieren muss? Content is doch King, weißte. Aber wenn der Content nur aus Metacontent besteht, dann wird es irgendwann eng, sinniere ich in meine Kopfnotizapp, als sich plötzlich Robert B. neben mich setzt. Dem schreibe ich oft böse Kommentare in sein Blog und habe ihn als Freund gelöscht, als er seine Follower verkaufen wollte, er lädt mich trotzdem zu einer Zigarette ein. Überhaupt: Geeignet für deluxes Namedropping, so eine Veranstaltung: Der genannte und grundsympathische Sascha L. überredet mich und eine alte Freundin dazu, mit auf die Party am ersten Tag zu kommen, als ich eigentlich schon nach Hause fahren will, ich sehe ständig Mario S. mit seiner alten Kamera (die in Wahrheit modernste Technik ist) herumstreunen, kettenrauchen und Bilder machen. Irgendwann überwinde ich mich und wechsle sogar Worte mit ihm. Hauptorganisator Johnny H. ist sowieso der netteste Mensch der Welt, wie ich feststelle.

Anderswann sitzt irgendwo in der Nähe in einem Cafe (nein, nicht das Oberholz, ich vermeide diesen Klischeeort aus Gründen) @silenttiffy und wartet auf mich. „Eiere durch Berlin wie ein sich selbst ausgesetzt habender Hund“, schreibt sie, als ich im Stechschritt zur S-Bahn eile, mein iPhone permanent in der Hand, busy wie ich hier bin. Ich bin anschließend heilfroh drüber, dass ich für ein paar Stunden raus aus dem überdrehten Zirkus in der Friedrichstraße bin, schimpfe über das Programm, um herauszufinden, was meine eigentliche Meinung zu dem Ganzen ist, fühle mich inzwischen durch die Tonnen von Eindrücken psychisch derangierter als nach der Knüppelnacht auf dem With Full Force und habe Menschen gesehen, denen ich Nachts nicht auf Facebook begegnen will. Und trotzdem: Ein paar Sachen und diverse Begegnungen waren wirklich gut, stelle ich schließlich fest, als mich mein eigener Rant nicht komplett von der Sinnlosigkeit der Sache überzeugen kann. Nicht das Zeug, das wirkte, als würden die Redner eigentlich Unireferate halten und nur von Zetteln ablesen. Davon war einiges vorhanden, ich erspare mir, es aufzulisten. In der Vorlesung „Sex And The Internet“ gucken tausend Leute über Chatroulette einem Typen beim Onanieren zu (ich gebe zu, ich habe kurz überlegt, hier jemanden reinzulinken), der ziemlich schnell die Hand auf der Next-Taste statt am Geschlechtsteil hat, als er bei einer Drehung des Macbooks und einem ihm frenetisch applaudierenden Publikum bemerkt, dass er zufällig in eine sehr bizarre Situation hineingeraten ist. Gutes Nerd-Entertainment. Als mir irgendwann Nachts im Hof nach einigen Gläsern Bier Stefan N. über den Weg läuft, sage ich ihm, dass er auf sich aufpassen soll, denn das Internet brauche ihn noch. Finde ich wirklich. Biz S., den Johnny H. über Skype zum Videochat anrufen will, geht hingegen erst gar nicht dran, obwohl ein paar hundert Leute hier mit ihm verabredet waren. Macht nichts, wir singen einfach alle zum Abschluss zusammen Karaoke, Videos gibt es schon längst auf YouTube, is klar. Ich rede in den drei Tagen außerdem mit vierhundertzweiundfünfzig anderen Menschen, wenn auch meist nicht mehr als einige Sätze. Nicht übel für jemanden, der auf seine alten Mailadresse immer noch in regelmäßigen Abständen Post von einer Sozialphobiker-Selbsthilfegruppe bekommt, oder?

Das doppelte re:publica-Paradox: „Für eine Arbeitslosenveranstaltung haben die hier ziemlich viel Ahnung von EDV“, twittert der @dikator auf einen Zettel und gewinnt damit den Offlinetweetcontest. Ganz unterschreiben kann man das aber dann doch nicht, denn zum Twittern muss man bei der #rp10 vor die Tür, 2000 mobile Geräte wollten zur Spitze gleichzeitig online gehen, erzählt man mir (halte die Zahl übrigens für eine Übertreibung), das macht kein Wlan mit. Deswegen gibt es an dem Ort, an dem sich das ganze deutsche Internet in Person versammelt hat, auch die meiste Zeit keinerlei stabiles Netz. Eigentlich sehr passend, denke ich.


Einvernehmen.

Ich weiß, was ihr vorhabt. Ich kenne euch. Denkt bloß nicht, dass ich nicht klug genug bin, um euch zu durchschauen. Nein, ich lasse mich nicht überzeugen. Bloß deswegen, weil ich paranoider Schweinehund bin, glaubt ihr, dass ihr mir erzählen könnt, dass das alles bloß aus meiner Psyche entsprungen ist? Nein, Nein und nochmal Nein. Ihr kennt doch dieses Sprichwort, das auch Kurt einem seiner Songs verwurstet hat, oder hat er es sogar erfunden? Es besagt jedenfalls, dass man nicht glauben soll, dass sie einen nicht verfolgen, bloß weil man paranoid ist. Mit euch ist das so. Ich habe euch rumschleichen sehen, hinten im Garten. Wie ihr meine Handys angezapft habt, das war so einfach zu durchschauen. Ich habe deswegen monatelang nur noch in Codes gesprochen, das habt ihr wohl nicht gemerkt, wohl aber meine Gesprächspartner, die mächtig irritiert waren und mir zum Teil sogar die Freundschaft gekündigt haben. Drauf geschissen. Die hätten das doch merken können, hätten sie, oder? Schlimmer wurde es, als ihr bei mir geklingelt habt, euch als Paketboten ausgegeben und sowas alles. Denkt ihr wirklich, ich wäre dumm genug, um auf so billige Tricks wie „DHL, wir haben da ein Päckchen für Sie“ reinzufallen? Da kennt ihr mich aber schlecht. Ich bin intelligent, ich durchschaue diesen Kram. Ich durchschaue ihn bis jetzt. Und deswegen musstet ihr irgendwann Gewalt anwenden. Als ihr mit eueren Polizeiuniformen aus dem Kostümverleih vor der Tür standet, ich muss zugeben, das war gut gemacht. Ich hätte fast aufgemacht. Irgendwann habt ihr auch gemerkt, dass ihr bei mir auf Granit beißt, oder? Deswegen musstet ihr dann Gewalt anwenden. Bei mir einbrechen, meine Tür eintreten um vier Uhr morgens und mich mit Gewalt holen.

Und jetzt? Jetzt wollt ihr mir noch erzählen, dass ich Probleme hätte, die nur ihr lösen könnt. Schon klar. Ich fasse das mal zusammen: Ihr Scheißkerle verfolgt mich monatelang, weil ihr mich holen wollt und ich falle nicht drauf rein. Dann holt ihr mich tatsächlich, reißt mich in Unterhosen aus dem Bett, legt mir Handschellen an und sperrt mich in eine Zelle mit einem einzigen Fenster, das auch noch so konstruiert ist, dass mir die Sonne jeden Morgen ab acht Uhr mitten in die Fresse scheint, wenn ich auf dieser dünnen Matratze liege, um ein bisschen Schlaf zu kriegen, eine Zelle, in der ich in einen Metalleimer von einer Toilette scheißen muss, der an die Wand geschweißt ist, damit ich mir nichts damit antun kann, und jetzt wollt ihr mir erzählen, ich wäre selbst verantwortlich für die Situation, in der ich bin? Ihr müsst mich für einen absoluten Volltrottel halten, wenn ihr jetzt auch noch die Gehirnwäschetaktik versucht. Aber dass ich das nicht bin, das müsstet ihr doch schon kapiert haben. Ihr habt doch diese Dossiers über mich. In denen steht, das ich klug bin, das steht da doch, oder? Na also. Und jetzt? Was machen wir jetzt? Nein, Freundchen. So einfach bin ich nicht zu ködern: Nur weil „alle“ das sagen, glaube ich es noch lange nicht. Das ist ja in etwa so dämlich, als wäre eine Bande von Leuten farbenblind und würde dem einzigen Typen, der Farben sehen kann, erklären wollen, dass er völlig durchgeknallt ist. Und ich weiß, wovon ich rede, denn ich bin farbenblind. Na, zumindest farbenblinder als die meisten, die es wirklich sind. Wirr? Ich will auch gar nicht mir Dir reden, Du Hurensohn. Warum stellst Du mir diese Fragen? Was willst Du von mir wissen? Weißt Du, was Dein Problem ist? Foucault ist Dein Problem. Der hat Dich durchschaut, schon vor ewig langer Zeit. Du bist ein Vertreter der verdammten Normalisierungsgesellschaft, ein Zahnrad in diesem ganzen riesigen Apparat aus Wahnsinn, der Menschen formt von dem Tag an, an dem sie geboren werden. Aber ich spiele nicht mit, ich steig aus der Maschine aus. Mich erwischt ihr nicht, auch wenn ihr mich wegsperrt und mit Psychofragen löchert, bis ich schwarz werde. Das kannst Du denen ruhig genau so mitteilen. Gerne. Schreib das da rein, in Deinen Fragebogen. Ich steh zu meiner Meinung.

Was zum Teufel? Ich habe niemanden umgebracht. Netter Trick, aber. So könnt ihr dann die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass ich verrückt bin, ich verstehe schon. Du willst nicht sagen, dass ihr das von Anfang an so geplant hattet, oder? Oh, verflucht. Ihr seid schlauer, als ich dachte. Ganz offen: Ich habe euch von Anfang an unterschätzt. Wie ihr das so zusammenbastelt, dass ich eine Gefahr wäre, jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Gegen Schuppen kennen ich übrigens ein paar gute Shampoos, brauchst Du Tipps, Freundchen, falls Du Dir mal wieder Haare wachsen lässt? Ja, die Knochen in der Truhe. Perfekt für euch, natürlich. Ich sag dazu nichts. Was sollte ich dazu auch sagen, ihr würdet es eh nur so hin drehen, dass es in euere kleine Geschichte von dem gefährlichen Typen passt, den man dringend wegsperren muss. Wollt ihr wissen, wo noch mehr Knochen sind? Die Knochen reden aber nur mit mir, das sag ich euch gleich. Ne, mit euch reden die nicht. Die sind doch nicht wahnsinnig.