Can I Leave My Cap On? (2009)

jenny-raventhird.de

Model: JBelow


Review: Ihsahn – “After”

Bereits im zweiten Song ‘A Grave Inversed’ taucht es zum ersten Mal an prominenter Stelle auf, in dem zehnminütigen Prog-Monster ‘Undercurrent’ hat es einen sehr bemerkenswerten Auftritt, und am Ende scheint es dem immer weniger verwunderten Zuhörer, der es nach und nach in fast allen Songs entdeckt, fast so, als ob es im Grunde schon immer dazugehört hätte: Die Rede ist von einem Saxophon, das Freejazz-Melodien intoniert, gespielt von Jørgen Munkeby . Es wirkt gleichermaßen völlig absurd wie konsequent, dass jenes Instrument einen derart breiten Raum einnimmt auf diesem Silberling, denn einerseits ist das das dritte Ihsahn-Soloalbum „After“ (wenigstens noch in Teilen und insofern man es überhaupt in ein Genre stecken kann) eine Black-Metal-Platte, andererseits gibt es seit aber seit Jahren kaum einen anderen Musiker, der dieses Genre mit einem derart offenen und experimentierfreuden Geist fortentwickelt und zu gänzlich neuen Ufern aufbrechen lässt.

Überhaupt handelt es sich hier in vielerlei Hinsicht um das wohl radikalste Werk des Norwegers: Suchte der ehemalige Emperor-Frontmann nach diversen Ausflügen in andere Metal-Avantgarde-Regionen (vor allem mit  seiner Zwischenband Peccatum) auf der ersten Platte, die nur noch seinen Namen (bzw. sein Pseudonym, bürgerlich heißt der Bursche Vegard Sverre Tveitan) trug, danach, wieder an die alten Zeiten anzuknüpfen und löste er sich mit den Geniestreich „angL.“ eben davon, um zu einer Art Black-Metal-Version von Opeth zu werden, sind nun endlich alle Barrieren und Referenzpunkte gefallen, und Ihsahn klingt, wenn überhaupt, nur noch nach sich selbst: Auf einer recht selten auf bekannten Veröffentlichungen gespielten und seine Fähigkeiten als Gitarrist noch stärker betonenden achtseitigen Gitarre schreibt und intoniert Ihsahn hier seine Songs, jeder schillernder als der andere. Die Iron Maiden-Affinität, die ihn sein ganzes Leben lang begleitet hat, hört man natürlich wie immer zwischen den Zeilen, in den Intros, aber es ist längst nicht der Fall, dass er Elemente von irgendwem kopieren würde, im Gegenteil: Er überträgt den Ansatz der verspielten Soli und epischen Gitarrenmelodien komplett auf seinen eigenen Stil, imitiert ihn nicht, sondern adaptiert und entwickelt ihn weiter, wie er es auch auf allen vorherigen Releases getan hat. Vielleicht ist es symptomatisch für die Platte, dass sie keinen großen Hit, kein eindeutig auszumachendes Highlight enthält: Diese acht Tracks sind allesamt der Star. Sie sind aber auch schwermütiger, düsterer und langsamer als das, was er früher gemacht hat, brodeln eher bedrohlich und fremdartig-faszinierend vor sich hin, entladen sie sich doch seltener in richtig schnellen, agressiven Eruptionen als auf den Vorgängerwerken. Dabei sind die Elemente dennoch direkt als typisch Ihsahn identifizierbar: Die atonalen und grandiosen Soli sind genau so vorhanden wie die gezupften Parts, die markante Stimme thront hinter den Riff-Wänden, der cleane Gesang kommt spärlich zum Einsatz, produziert wurde wieder im eigenen Studio mit Jens Bogren, der sonst eben Opeths oder Katatonias Werke veredelt. Es ist vor allem die Herangehensweise an die Songs, die neu ist: Ihsahn wird immer mehr zum Komponisten im Wortsinne statt Songschreiber, einem Mann, der keinen Wert mehr auf in traditioneller Hinsicht koheränte Strophe-Refrain-Strophe-Strukturen legt, sondern sich auf die Details, die Passagen seiner hier oft überlangen Tracks konzentriert.

Und am Ende spricht wieder der Jazz: Es ist eine wimmernde, in sich zerfallende Melodie aus dem goldenen Blasinstrument, die diese in jeder Hinsicht außergewöhnliche Platte beschließen darf. Man darf dankbar sein, dass es noch Musiker gibt, die sich immer wieder zu neuen Ausflügen in unbekanntes Land aufraffen, statt auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen. Ihsahns Prog-Black-Metal-Jazz-Album „After“ ist ein erstes Highlight des kommenden Musikjahres.

9 von 10 Punkten.


Alt, aber jung.

Laub und Veilchen sind geboren,
aus Ängsten, bin vergnügt,
alle Keime sind mein Sterben,
mir verjüngt sich lustig hin.


Reminder (2009)

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An dieser Stelle sei verwiesen auf mein seit einiger Zeit mit wachsendem Interesse geführtes Skizzenblog zu diesem Skizzenblog (vulgo: Posterous-Account) mit grundsätzlich unfertigen und schnell aus dem Mittelhirn rausgezwurbelten (und manchmal auch von unterwegs verschickten) Beiträgen, die zum Teil hier in schnieker lackierter (Nein, nein, kein Komma, Komparativ, Dude!) Form wiedergekäut werden.


Schönheit.

Ein Gespür für Ästhetik zu haben, die Fähigkeit, Schönheit erkennen zu können, hat etwas sehr Grausames. Ich sehe diese junge Frau aus der Ferne in der U-Bahn, und selbst wenn ich den Mut dazu hätte, dann wäre ich gar nicht in der Lage, ihr zu sagen, wie umwerfend bezaubernd ich ihre Erscheinung finde, denn die Bahn ist komplett überfüllt. An der nächsten Station steigt sie aus und verschwindet für immer aus meinem Leben.

In diesem Moment möchte ich mich selbst dafür schlagen, dass ich sie so einfach entwischen lasse, obwohl mir natürlich bewusst ist, dass sie mich, wenn ich sie tatsächlich einholen könnte, wenn ich mich in einem Anflug von blindem Wahn durch die Menschenmassen drängen und ihr hinterher hechten würde, nur als einen verrückten, betrunkenen Mann wahrnehmen würde, als einen von Tausenden, die jeden Tag ihr Glück bei ihr versuchen. Ich fühle mich in solchen Situationen gleichzeitig wie ein schlechter Mensch (natürlich weiß ich, dass man niemanden nach Äußerlichkeiten bewerten darf, aber für mich ist diese Frau dennoch auch innerlich ein Engel, ganz definitiv) als auch wie ein schrecklicher Versager, der alle Momente, in denen eine solche Art von Schönheit tatsächlich in sein Leben trat, nie genug zu würdigen wusste. Ich wünsche mir, ich wäre einfach nur blind dafür. Es würde mein Leben viel glücklicher machen.


Projekt: Adventscollagender

Vierundzwanzig kleinesüßeschnelle 5-Minuten-Seltsamkeiten aus der dadaistischen Collagenfabrik für jeden Tag bis Weihnachten möchten im Twitpicland abgeholt werden. Mmmjam.


Instant Poetry (CLXI)

Ich fand mich sitzen, liegen, stehen
an des Felsens Quelle,
am letzten Abend des Novembers: Irgendwo im Nirgendland.

Jetzt wird alles wieder ganz gewöhnlich,
denn es ist endlich kein November mehr.

Zum Glück.


On Feeling Empty Without A Reason (With Hat) (2009)

emptywithhat-raventhird.de


Traumsequenzen (VII)

Wir kommen von einer Abschlussparty, die auf einem Schloss stattfand und wollen auf den Weihnachtsmarkt. Wir, das sind meine Begleitung, eine junge Dame, die mir seltsam bekannt vorkommt und die ich vor dem Schloss minutenlang küsse, ein paar Freunde von ihr und so ein nerdiger, dicker Typ mit einer riesigen Brille, der mein eigener Doppelgänger aus einem parallelen Universum zu sein scheint. Er stand auf der Party plötzlich vor mir und grinste mich an, ohne zu reden. Er redet nie, erklärte man mir.

Der Weihnachtsmarkt ist etwa so grauenhaft wie die Halloween-Version eines Weihnachtsmarktes in einem Film von Tim Burton. Nur ohne den Humor. Es tummeln sich dicht an dicht als Monstren verkleidete Verrückte aller Art, dazwischen entstellte Menschen, die bizarre Dinge tun. Man quetscht sich durch die Menge und plötzlich sieht man eine offene Wunde mit Maden auf der Wange des Typen, der zwei Zentimeter neben einem steht und auch noch bedrohlich schwankt. Irgendwo sitzt ein einäugiger, bärtiger Mann und zwitschert permanent vor sich hin wie ein verendender Vogel, das ist sein Trick. Auf dem übergroßen Holzschild, das er mit einer Schnur um den Hals trägt, steht, dass man ihm folgen sollte. Zwei Menschen tragen das Kostüm einer siamesischen Giraffe, andere haben sich derart mit diversem Metall bekleidet, dass sie nur noch wie wandelnde Schrotthaufen aussehen, die absichtlich Passanten anrempeln. Das sei hier eben so, ich solle mich doch mal freuen, sagt jemand, den ich darauf anspreche, was hier eigentlich los sei. Wir gehen weiter durch den Markt und sehen unfassbar viele unvorstellbare Dinge. Auf einer kleinen Bühne wird ein Kunststück vorgeführt, das nur darin besteht, dass ein kleines Mädchen vortäuscht, bei einem anderen Kunststück in einer dieser alten Metallwannen zu ertrinken. Das Publikum johlt.

Ein Bekannter meiner Begleitung hat sich in einem verfallenen Haus unter einer Treppe sein eigenes kleines Domizil eingerichtet: Es werden psychedelische Kinderlieder auf einem alten Grammophon gespielt, dazu tanzen in den Regalen unzählige Gartenzwerge (er besteht darauf, dass es sieben wären, dabei sind es mindestens siebzig), die er mit einem Mechanismus ausgerüstet hat, der sie dazu bringt, sich hüpfend im Kreis zu drehen. Manchmal fällt einer runter und zerbricht. In der Ecke gibt es Besen und Schaufel für diesen Fall, daneben ein riesiger Müllsack voller Scherben, in den man besser nicht hineinsieht, denn es sieht dort aus wie in einem Zwergenmassengrab, erklärt man mir. Ich blicke dennoch hinein und muss mich direkt in die Tüte übergeben. Ich will nach Hause, aber die Fähre, die  die Leute an diesen Ort bringt, kommt erst in einigen Stunden wieder. Wir müssen zurück auf den Markt.

Eine der Attraktionen auf dem wohl finstersten Weihnachtsmarkt der Welt, die ich noch unbedingt ausprobieren soll: Man kann sich blutsaugende Marienkäfer auf den Arm setzen lassen. Das bringe Glück, erklärt meine Bekannte, die inzwischen eine Brille trägt und zu einer alten Frau geworden ist. Dann lacht sie verrückt, nimmt meinen Arm und steckt ihn bis zum Ellenbogen in dieses riesige Einmachglas voller bunter Marienkäfer. Ich bin ganz ruhig. Vielleicht bringt das ja wirklich Glück, denke ich, als ich spüre, wie sich die Insekten in mir verbeißen. Ich wache auf. Mein Arm ist eingeschlafen. Das Kribbeln kommt bestimmt von diesen verdammten Viechern, denke ich, noch ganz in der Traumwelt.


Accurate Visualization Of The Emotion Of Being Told That You’re Not Attractive Anymore By Someone That You Love (2009)

accurate-raventhird.de


Art. (2009)

“Heute Nacht hab ich’s endlich begriffen, Kunst: Du bist die Einzige für mich!”

art3

Self-Portrait.


Instant Poetry (CLX)

Geständnis:
Ich habe Werther die Pistolen geliehen,
Shakespeare schlicht erfunden
und auch noch René Descartes vergiftet.


Projekt: Zettelpoesie Reloaded.

“Die Welt muss romantisiert werden. So findet man ihren ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts als eine qualitative Potenzierung. Das niedere Selbst wird mit einem besseren Selbst in dieser Operation identifiziert. So wie wir selbst eine solche qualitative Potenzenreihe sind.” – Novalis, Fragmente.

Der Plan:

Ich drucke mir ganz viele kleine Zettel aus. Mit meinen Gedichten drauf. Ich verteile diese Zettel in der Stadt, ich werfe sie nicht irgendwo hin, ich versuche, sie so zu platzieren, dass man sie finden kann. Und wird.

Die Frage:

Warum tut der Sebastian denn sowas?

Die Antwort für jedermann, ganz ohne Literaturgeschichte und Kunsttheorie:

DIE WELT MUSS RE-POETISIERT WERDEN!

Kunst und insbesondere Lyrik nehmen in unserem pragmatischen, verbachelorisierten und auf Effizienz ausgerichteten Alltag nicht nur keinerlei relevante Stellung mehr ein, sie haben überhaupt keinen Platz mehr. Kunst wurde in Museen verbannt, Lyrik in muffige Deutschstunden. Versuchen Sie mal, mit einem Verlag ernsthaft über die Veröffentlichung eines Gedichtbandes zu reden. Die lachen sie aus. Das Wunderbare hat keinen Platz mehr in der Realität, Verwendung findet nur noch das Zweckmäßige in möglichst knackigen Schlagzeilen, die populäre fiktionale Literatur wird von dümmlich-kitschigen Historienthrillern dominiert, die inhaltlich und sprachlich auf 800 Pages zum Turnen leerer sind als eine einzige Seite KafkaNietzscheMusilPynchonCelan und das nicht mal maßlos, sondern nur ein klein wenig übertrieben, die Lyrik ist zu einem Schimpfwort verkommen für Tagebuch-Emo-Kitschtextzeilen, geschrieben von pubertierenden Mädchen, die Herz auf Schmerz reimen.

Das muss aufhören und das Wunderbare wird hiermit wieder Teil des Alltags. Die Leute kommen nicht zur Kunst, also kommt sie jetzt zu ihnen. Zumindest dort, wo ich mich aufhalte und weil eben sonst niemand anfängt, fange ich erneut damit an und drucke mir Hunderte winzige Zettel mit eigenen Gedichten, die ich zukünftig wieder überall dort hinterlasse, wo ich die Gelegenheit dazu habe: In Supermärkten zwischen Schokoladentafeln. Hinten, in der Kapuze von dem Typen, der in der Schlage vor mir steht. Drüben in der Parkzettelmaschine. Vorne, an der Bar von dem netten Irish Pub. Im Keller auf dem Zählerkasten. Unter dem Tisch. In den Ritzen der Winkel des Hauses, an dem ich vorbeigehe, auf dem Dach, in der U-Bahn gleich überall, im Aufzug und auch am Strand. Im Bienenkasten, drüben auf dem Erdtrabanten, hinter sieben Ecken, im Briefkasten der schlimmsten Winkeladvokaten, bei McDonalds auf dem Klo, an der Tanke beim Staubsauger, auf den fluffigsten Quellwolken, in den schlimmsten Yuppiebars, den schnieksten Ausstellungen von Dalí und vielleicht gehe ich sogar extra mal ins Rathaus.

Eine Bitte:

Falls Sie einen der Zettel finden oder gefunden haben: Schreiben Sie mir doch bitte in einer kurzen eMail an raventhird(at)gmail.com, welchen der Zettel Sie wann und wo entdeckt haben und was Sie sich dabei dachten, oder hinterlassen Sie einen entsprechenden Kommentar unter diesem Artikel. Es würde mich sehr freuen, zu hören, was aus meinen Gedichten geworden ist. Danach können Sie den Zettel auch gerne wieder aussetzen oder ihn abschreiben (bitte mit dem Link), hundertfach ausdrucken, kopieren und die Zettelgedichtaktion so fortsetzen.