Von Felsen und Fischen.

Draußen regnete es tote Katzen, drinnen saßen wir vor der modernen Version der Schreibmaschine und begannen, während wir versuchten, gemeinsam einen Text zu verfassen, damit, unseren eigenen Entscheidungen noch weniger zu vertrauen als den leeren Verlockungen der Nostalgie bei den für das Schreiben leider notwendigen Gedanken an die Gespenster der Vergangenheit. Es schien auf eine Grundsatzdiskussion hinauszulaufen. Ich mochte Grundsatzdiskussionen. „Er hing mitten in der Luft und beschloss, dort Wurzeln zu schlagen. Es entsprach seinem Gemüth“, schrieb sie. Sie schrieb das Wort immer so uraltmodisch. Man musste sie dafür einfach lieben.

„Wenigstens treffen wir neuerdings unsere eigenen Entscheidungen und lassen und nicht mehr einfach vom Leben kidnappen, das solltest Du wertschätzen“, sagte ich. „Das haben wir viel zu lange gemacht, oder? Ich erinnere mich an eine Zeit, in der wir betrunken auf Sommerparties gingen, dann ein bisschen blöd guckten, uns treiben ließen und in Situationen gerieten, die viel zu viel mit uns gemacht haben, viel zu viel, das wir einfach zugelassen haben, ohne jemals  auch nur eine Sekunde lang darüber zu reflektieren, ob es wirklich das Richtige war. Erinnerst Du Dich an die Sache mit diesem Jura-Studenten? Ich dachte lange, das wäre das Ende von uns.“

Sie guckte nachdenklich auf den Satz, den sie geschrieben hatte. „Vielleicht ist es eher wie mit dem Stein“, sagte sie.

„Stein?“

„Dem Fels in der Brandung! Das sagt man doch so. Früher waren wir Kieselsteine in der Brandung. Wir wurden einfach fortgeschwemmt von dem, was passiert ist. Aber dann sind wir älter geworden und gewachsen und jetzt sind wir Felsen“, sagte sie.

„Der Vergleich passt nicht. Felsen fällen keine Entscheidungen. Sie stehen immer am gleichen Ort, das Wasser spült einfach um sie rum und wenn sie ganz lange an dort stehen, dann werden sie langsam zerrieben, so langsam, dass man es gar nicht merkt. Felsen sind das Gegenteil von Kieselsteinen. Und sie sind genauso schlimm.“

„Dann lass uns doch einfach Fische in der Brandung sein“, sagte sie.

„Was zum Teufel ist eigentlich eine Brandung?“, fragte ich und zündete mir eine Zigarette an. Sie stand auf, kam zu mir rüber und legte ihren Kopf auf meine Brust.

„Ich mag es, wie Du atmest. Dein Körper hebt sich dabei immer so langsam und fällt dann ganz schnell wieder nach unten, weil Du nicht atmest, sondern eigentlich immer seufzt“, sagte sie.

„Halt die Klappe“, sagte ich und küsste sie auf die Stirn.


Heimfahrt.

„Denkst Du, wenn Du fährst, manchmal auch darüber nach, das Auto einfach auf die gegenüberliegende Seite der Straße zu lenken und einen entgegenkommenden LKW zu rammen, nur damit unsere gemeinsame Zeit nicht irgendwann enden kann?“, fragte sie und lächelte zu mir auf den Beifahrersitz rüber.

„Nein, darüber denke ich nicht nach“, sagte ich.

„Ich schon“, sagte sie. Und dann fuhr sie uns die restlichen zweihundert Kilometer nach Hause, während ich einschlief, der aus dem CD-Spieler kommenden Musik lauschend. Vier Monate später war unsere gemeinsame Zeit zu Ende, und nach einigen Jahren begann ich damit, zu vergessen, wie diese Zeit eigentlich war. Das Gespräch aber klebt bis heute in meinem Kopf wie Kaugummi unter einer Schulbank, zum Teil sicherlich deswegen, weil ich pathetische Dialoge mag, aber zu einem viel größeren Teil deswegen, weil ich mir sehr sicher bin, dass sie in diesem Moment meinte, was sie sagte. Ich habe danach niemals wieder eine Liebeserklärung bekommen, die einen so starken Eindruck hinterließ.


Metareflexion, yeah! (XXXVII)

„Es scheint so unerreichbar“, sagte ich.

„Unerreichbar?“, fragte er und spuckte verächtlich auf den Boden, als wolle er dieses Wort nicht länger als nötig im Mund behalten. „Unerreichbarkeit ist ein Konzept, das von Schwachköpfen erfunden wurde, die damit ihre eigene Unfähigkeit kaschieren wollen“, sagte er. „Sie sagen einfach: Etwas ist unerreichbar, meinen aber eigentlich: ‘Ich schaffe es nicht’. Sie benutzen diesen Begriff, um andere mit in ihr eigenes Scheitern hinein zu ziehen, damit sie sich nicht gänzlich alleine unfähig fühlen müssen und sich nicht vor sich zu rechtfertigen haben. Alles ist erreichbar, wenn man genug Ausdauer und Konsequenz investiert.“

Ich schwieg. Wir gingen weiter durch den Garten. Er stopfte sich mit zitterigen Fingern eine Pfeife und lächelte mich an. Ich konnte sehen, wie sich die sonnengegerbte, ledrige Haut um seine Augen in abertausende von kleinen Falten zusammen zog. Ein Gebirge von einem Lächeln.

„Aber wie?“, fragte ich kaum hörbar.

„Wenn jeden Tag ein kluger Gedanke, eine gute Idee, ein neues Konzept in Deinem Kopf wächst, dann mache Dir keine Sorgen um andere Dinge. Nimm diese Samen und pflanze jeden Tag einen davon in Deiner unmittelbaren Umgebung ein, egal, auf welche Weise. Sei Dir bewusst, dass die meisten davon nicht spriessen werden, aber irgendwann wirst Du dennoch inmitten einer Blumenwiese aufwachen“, sagte er. „Vielleicht ist es nur schwer für Dich, den sehr langsamen Prozess des Wachstums wahrzunehmen, aber er ist dennoch vorhanden. Guck Dich doch mal um.“

Ich guckte mich um. Und dann verstand ich, was er meinte.


Nano (II)

Wer die französische Revolution am Hals hat, der sollte nicht kopflos handeln.


Lose rote Fäden.

An diesem Dienstag war alles anders.

„Ich hätte Dich viel früher kennen lernen sollen“, schrieb Herr K. Dann schrieb er lange Zeit nichts. Irgendwann stand er auf, ging nach unten, vor das Backsteinhaus, wo noch immer der Herbst Einzug hielt, und drehte sich eine Zigarette. Ein Einzug mit Kampf, dachte Herr K. Der alte Mieter, der Sommer, dieser räudige, lebenslustige alte Mann mit der sonnengegerbten, ledrigen Haut, der wollte einfach nicht gehen. Herr K. dachte immer noch in Metaphern und seltenen Adjektiven, er konnte gar nicht anders. Aber er schrieb keine Metaphern und seltenen Adjektive mehr, vorbei war vorerst die Zeit der „schwarzlodernden, opiumgeschwängerten Abende am Kaminfeuer“, die in Wahrheit nur ihn, eine Flasche billigen Whiskey und Open Office beinhalten. „Der Autor hat doch sowieso einen Dreck damit zu tun“, dachte Herr K. wie zum Trotz gegen diese Feststellung, weil er ein Fan von Roland Barthes war und sich selbst gerne aus seinen Texten ausradiert hätte.

„Aber dann kamen so viele andere Erzählstränge dazwischen“, schrieb Herr K., als er wieder oben war, an seiner Schreibmaschine, früher nannten sie die Leute Laptop, heute Notebook. Er nannte sie immer nur Schreibmaschine und die Ereignisse nannte er Erzählstränge. Und da war er wieder an dem Punkt, an dem er immer gelangte, weil sein Leben eher Kreisen als Linien verlief: Der Punkt, an dem er sich nicht mehr sicher war, ob er nicht alles, was geschah, einfach herbeischrieb. Es gab kein Schicksal in dieser Überlegung. Es gab nur Herrn K. und seine alte Schreibmaschine.

An diesem Dienstag war alles anders. Herr K. hatte sich nach langem Zögern, Verheddern und Verzweifeln und einer langen Blockade in etwas hineingeschrieben, das ihn wirklich betraf. Er hatte das unbewusst getan, écriture automatique. Er war sich nur noch nicht sicher, wie er diese Geschichte weiterführen sollte. Aber er dachte permanent über die Geschichte und über die Protagonistin nach. Nach langer Zeit hatte er endlich wieder eine Figur erfunden, die er nicht im Verlauf des Roman das Zeitliche segnen lassen wollte und die ihn nicht in den Irrsinn trieb. In den Ohren des Lesers mag sein Verhältnis zu dem, was er dort schrieb, gänzlich unleidenschaftlich klingen, aber in Herrn K.s Welt, der grundsätzlich allen Dingen mit größter Skepsis gegenüberstand (seine Mutter hatte einmal über ihn gesagt, dass das höchste Lob, dass man von ihm bekommen könnte, die Aussage „naja, das kann man sich gerade noch antun“ wäre, und das, so fand Herr K., war das treffendste, was seine Mutter jemals über ihn gesagt hatte), war das ziemlich gut für den Anfang.

Und dann schrieb Herr K. einfach immer weiter. Ohne nachzudenken.


Hirnstrom (II): Selbstgespräch

Social Media mit spießbürgerlicher Hingabe: Einkaufen, Staubsaugen, Twittern steht auf dem To-Do-Zettel in meiner Hosentasche. Randgänger: Ich kam jeden Tag wieder und holte mir blaue Augen und blutige Lippen beim Faustkampf mit Dir, Leben.

Aber jetzt nicht mehr. Ich habe das Kämpfen mit dem Leben aufgegeben.

Mein Lieblingszitat aus den letzten Monaten (und ich deklariere meine Zitate im Gegensatz zu manchen, die daraus Bücher puzzlen, als solche) lautet sinngemäß wie folgt: „Sie liebte nur zwei Dinge: Das erste war ihr langes, schwarzes Haar. Das zweite war, wie einfach sie es abschneiden konnte, ohne dabei auch nur das Geringste zu empfinden.“ Ich hab den Film, aus dem dieses Zitat stammt, leider nie gesehen, habe diese Worte nur flüchtig aufgeschnappt im Zeitstrom der Zwitschermaschine, aber sie blieben in meinem Kopf kleben wie Kaugummi in den Haaren, denn es ist eine sehr poetische Formulierung dessen, was man Freiheit nennt, die hier gemeint ist. Auch wenn es manchen Menschen, die mich nur zu kennen glauben, nicht so scheint: Ich lebe inzwischen diese Form der Freiheit, aber es war ein steiniger Weg hierher. Man gelangt, wenn man diesen Weg geht, sehr schnell an den Punkt, an dem es Probleme gibt, zuallererst mit den einen umgebenden Menschen: Freunde werden agressiv, weil man sie scheinbar nicht genug beachtet, wenn man sich den Regeln des wochenendlichen Ausgehens nicht mehr unterwirft oder sich mehr als sieben Tage nicht meldet. Sie verstehen nicht, dass Zuneigung rein gar nichts mit Quantität zu tun hat, deswegen muss man sie ziehen lassen und darauf hoffen, dass sie irgendwann begreifen, dass man sie eben doch verdammt gerne hatte. Andere Menschen sind irritiert, wenn man ihnen tatsächliche, ehrliche Beachtung und Aufmerksamkeit schenkt (ich glaube, das liegt daran, dass es da draußen, im richtigen Leben, nur wenige Menschen gibt, die wirklich das Gefühl kennen, Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen, die nicht-egoistischer Natur oder auf dem Wunsch nach einer Beziehung [prosaischer sollte man: „auf einem Fickwunsch“ schreiben] basiert ist).

Wie ich an den Punkt gelangt bin, an dem ich die Entscheidung fällte, diesen Weg gehen zu wollen? Es war eine sehr einschneidende Lektion durch eine Person, die nie so etwas wie eine Lehrerin in Bezug auf mich sein wollte, die mich endgültig zu dieser Haltung, mit der ich schon seit Jahren geliebäugelt hatte, führte: Die Art und Weise, wie der Mensch, von dem ich spreche, im Verlauf einiger Monate des letzten Jahres mein Leben im Sturm erobert und dann abrupt wieder verlassen hat (ohne dass es eine Liebesbeziehung in irgendeiner Form gewesen wäre, auch wenn ich mich stellenweise verliebt wähnte), ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, würden die meisten Menschen als brutale, gefühlskalte Tat einer Wahnsinnigen beschreiben (was ich zunächst ebenfalls tat), aber schlussendlich steckte in diesem nur scheinbar paradoxen Verhalten in meiner Lesart genau jener Rat, der auch in dem erwähnten Zitat enthalten ist.

Nicht abhängig von Suchtmitteln irgendwelcher Art, von Menschen, von Meinungen, von Verhaltensweisen oder auch nur von Samstagabenden zu sein: Es fühlt sich auf eine Art richtig an, die zu beschreiben Worte nicht in der Lage sein dürfen, zumindest nicht unter Berücksichtigung des gebotenen kompakten Umfangs eines Blogeintrags. Das Paradoxe an der ganzen Sache ist nur, dass ich in all dieser scheinbaren Unabhängigkeit und in der durch sie eröffneten Möglichkeit, mehr und mehr Kunst zu schaffen, nicht erkennen will, dass es genau die Kunst ist, die ich ganz am Ende ebenfalls absäbeln müsste, wenn ich die inhärente Handlungsanweisung wirklich befolgen wollte. Und so säge ich fröhlich weiter an meinem Ast, mit der Präzision eines über Jahre geschulten, manischen Workaholics und hoffe insgeheim vielleicht doch auf das Erscheinen einer Person, die mich wieder abhängig von anderen Dingen macht oder zumindest vom Sägen abhält.


Nano (I)

Verzaustes Niemandslicht inmitten Stadtgebrodel.


Brotkrumen.

„Ich verstehe dieses Mädchen nicht“,  sagt er. „Was an ihr willst Du denn verstehen?“, frage ich.

„Was ihr Handeln antreibt. Warum sie die Dinge tut, die sie tut und schlussendlich doch auch, warum ich in diesen, ihren Gedanken keine Rolle spielen darf, obwohl es eine Rolle wäre, wie auf meinen Leib geschneidert“, sagt er. „Du missverstehst alles. Wegen ihr trägst Du immer diese Brotkrumen in Deinem Kopf mit Dir rum, wenn Du raus gehst. Du denkst, Du kannst sie ihr hinwerfen und sie würde davon schon satt. Diese Rolle, die Du da spielen willst: Die steht vielleicht gar nicht drin, vorne in dem Stück“, sage ich.

„Dann weiß ich nicht, was zu tun ist“, sagt er. „Mehr als Rollenspiel habe ich nie erlernt!“


Tropfenklang.

Im seegrauen Tweedanzug sitzt er am Schreibtisch und blättert sich durch die Zeitungen, immer wieder wortlose Laute der Geringschätzung von sich gebend. Die junge Frau mit den roten Haaren, Carina, das Mädchen mit dem trüben Blick, starrt aus dem Fenster. „Es regnet“, sagt sie und legt den Kopf leicht schräg wie ein Vogel.

Er hebt kurz den Blick und lenkt ihn in ihre Richtung, sie aber guckt weiter nur auf die Scheibe. „Ja“, sagt sie, „es regnet. Ich mache uns Tee.“ Dann geht sie aus dem Zimmer und er sitzt dort allein und fängt an zu weinen, Glückstränen. Und es tröpfelt die Zeit in einer Art vor sich hin, die zumindest er sich noch bis vor einigen Wochen nicht hätte erträumen können. Sie hat gewartet, auch wenn sie zu keinem Zeitpunkt wusste, ob er wirklich auf der Reise zu ihr war. Sie hat gewartet und ihr Herz wurde beim Warten nicht von schwarzer Galle zergiftet, und das war eine Geschichte aus einem Märchen, wie sie heute nicht mehr erzählt werden. Und als sie zurück ins Zimmer kommt mit dem Tee, da steht er auf, nimmt ihr das Tablett aus der Hand und stellt es auf seinen Schreibtisch. Dann nimmt er ihr Gesicht in die Hände und küsst sie und alles ist gut.


Hauptrolle, Leerstellen, Autor.

Ich blicke Dir direkt in die Augen, versuche, die Mitte in ihnen finden, aber die Mitte existiert nicht, denn Dein Blick weicht aus, er schwimmt, auch wenn Du die Pupillen nicht bewegst und auch wenn man nicht erkennt, ob Du, den Beobachter absichtlich verwirrend im Kreis schwimmst oder doch selbst ziellos gegen das Ertrinken ankämpfst. „Du bist gar nicht hier, oder?“, frage ich.

„Blick nicht in die offenste Stelle meines Körpers. Das ist revierverletzend“, sagst Du, drehst Dich um und gehst. Das Geräusch Deines Rollkoffers auf dem partiell mit Eis bedeckten Gehweg bleibt in meinem Gedächtnis kleben wie Kaugummi in langen, filzigen Haaren, denn es ist ein unregelmäßiges Geräusch, nichts, das man sich merkt, um es nach einiger Zeit wieder zu vergessen. Man merkt es sich eher wie ein Zitat, lernt es auswendig.

Danach: Auftritt: Tristesse.


Xmascontent (I)

Wache Träume,
Glaubenswelt.
Schlafe wachsam,
unter Sternen.


Traumsequenzen (IX)

Ich erwache auf einer Fähre. Ich will in den Urlaub fahren, in ein neu entdecktes skandinavisches Land, in den Winter. In meiner Kabine liegen alle meine Sachen wüst verstreut herum, dazwischen endlos viel Müll, ganz viele schmutzige Messer und Gabeln, seltsame Werkzeuge. Was ist hier passiert? Ich habe viel zu lange geschlafen, bemerke ich, und stelle beim Blick aus dem Fenster fest, dass die Fähre bereits wieder in die entgegengesetzte Richtung fährt, dass ich es verpasst habe, auszuchecken.

Ich sammle wahllos Sachen ein, die ich dringend brauche, werfe sie in meinen Rucksack und versuche, einen Weg zu finden, das fahrende Schiff zu verlassen, was sich als schwierig entpuppt, denn es ist komplett verwinkelt, trotzdem ich mit einem roten Moped durch seinen Unterbau fahre (darüber, dass wir mitten auf dem Ozean sind, denke ich aus irgendeinem Grund gar nicht erst nach, als ich beschließe, hier sofort runter zu wollen). Irgendwann hält mich ein glatzköpfiger Mann auf. Polizeikontrolle. Er findet ein mit Senf und Blut beschmiertes Messer auf dem Boden, ich kann ihn überzeugen, dass es nicht von mir ist, obwohl ich gehört hatte, wie es aus meinem Rucksack fiel, als ich bremste. Er kann mir nur eine Strafe dafür geben, dass ich auf meinem Zweirad nicht angegurtet war (das sei auf diesem Schiffstyp so üblich). Ich fahre und fahre weiter durch das finstere Schiff und finde irgendwann eine rote Luke an der Außenwand, die man mit Eingabe eine Passworts an einem Touchscreen öffnen kann. Ich weiß das Passwort und öffne sie. Es lautet „Halt die Klappe“, hah, ein infantiler Witz, den sich der Programmierer ausgedacht hat.

Draußen plumpse ich nach dem Kriechen durch eine gummiartigen Röhre irgendwann auf ein Förderband mit grünen Teppichen, dass mich immer wieder in Windeseile ein paar hundert Meter weiter transportiert, zu einem Checkpoint. An jedem dieser Orte, an denen das Förderband für unterschiedlich lange Zeitspannen stoppt, machen Soldaten irgendwelche Übungen, es wirkt, als sei ich in irgendein innovatives Videospiel geraten und hätte keine Anleitung bekommen. Am dritten dieser Checkpoints, die wohl allesamt Teil einer Grenzkontrolle sind, besteht die Übung darin, dass ein ein erfahrener Soldat einem Neuling, einem Rekruten, aus einiger Entfernung in die Schulter schießt und dass eben der Getroffene den Schmerz erträgt und das Gefühl kennen lernt, von einem Schuss getroffen zu werden. Ich stehe plötzlich neben direkt dem heute zu prüfenden Neuling und noch während ich überlege, woher ich den etwa zweihundert Meter entfernt auf einer Plattform zielenden Schützen kenne, reißt mich die Wucht der Kugel zu Boden. Er hat auf meine Schulter geschossen. Absicht. Es war der Polizist vom Schiff, wütend darüber, dass er mir nichts anhängen könnte. Verflucht.

Schnitt. Ich renne durch den Schnee, die Sonne scheint, ich greife immer wieder in die weiße Masse und werfe Schnee über mich, wühle ihn mit den Füßen auf, lache, freue mich. Ein Gefühl von unendlicher Freiheit, ich schreie in kindlicher Spielfreude laut, als ich im Schneeanzug absichtlich einen Abhang hinter kugele. Ich bin in dem Land, in das ich wollte. Schnitt. In einer Hütte mitten im Schnee, in alle Richtungen bis zum Horizont nur ein weißer Ozean. Ich werfe Holzscheite in den Ofen, es wird nach und nach wärmer. Mit mir sind zwei Frauen dort, eine ist permanent nackt und über und über mit Wörtern in Runenlettern tätowiert. Sie ist es, die mir erzählt, wie dankbar sie mir dafür wäre, dass ich sie mit hierher gebracht hätte. Dass sie nun endlich verstehe, wie es ist, losgelöst zu sein. Sie lächelt und auf ihr oberes Zahnfleisch, das sehe ich erst, als sie lacht, ist das Wort „liar“ tätowiert. Ich frage mich, ob sie davon etwas weiß. Schnitt. Mit der anderen Dame, einer eher unscheinbaren Person im grauen Mantel vom Typ Lehrerin, bin ich Einkaufen in einer kleinen Stadt irgendwo in der Nähe unseres Ferienortes. An der Bushaltestelle kommt es zum Streit, als ich sie über über die Tätowierte ausfragen will. Das gehe mich nichts an, sagt sie, ich werde wütend und laufe weg. Ein paar Häuser später komme ich zum Stehen, rauche eine Zigarette, denke nach, überlege mir die Sache anders und gehe wieder zurück. Der Busfahrer hat auf mich gewartet. Meine Einkaufsbegleitung hatte ihn darum gebeten, denn sie glaubte an das Gute in mir, so erzählt sie mir lächelnd, als wird zur Hütte fahren, vor der absurderweise genau eine Bushaltestelle liegt. Wieder in Freiheit, mitten im Schnee.


Alt, aber jung.

Laub und Veilchen sind geboren,
aus Ängsten, bin vergnügt,
alle Keime sind mein Sterben,
mir verjüngt sich lustig hin.